Ben Aaronovitch: Ein Wispern unter Baker Street – Roman

Ben Aaronovitch: Ein Wispern unter Baker Street, OT: Whispers Under Ground, Deutsch von Christine Blum, München 2013, dtv Deutscher Taschenbuch Verlagt, ISBN 978-3-423-21448-3, Softcover, 445 Seiten, Format: 19 x 12,2 x 3 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A).

„Verstehen Sie, Thomas, ich habe mich dieses Jahr schon mit Mr. Punch angefreundet und ihm geholfen, Covent Garten abzufackeln, während Miriam hier sich mit fleischfressenden Muschis und echten Katzenmenschen herumschlagen musste, und jetzt hören wir, dass es unter Notting Hill möglicherweise ein ganzes Dorf voller Maulwurfsleute mit verdammten Sten-Guns gibt!“ (Seite 379)

London, hier und heute: Police Constable Peter Grant sieht ein bisschen so aus wie der junge Barack Obama. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater ist ein abgehalfterter weißer Jazzmusiker, seine Mutter stammt aus Sierra Leone, hat einen unfassbar großen Bekanntenkreis und arbeitet als Reinigungskraft.

Darüber hinaus ist Peter Grant so etwas wie ein moderner Zauberlehrling. Er arbeitet bei einer Polizei-Sondereinheit, die sich um die Kriminalfälle kümmert, bei denen Magie im Spiel ist. Sein Chef ist der Magier und Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, der nur so aussieht wie ein Spießer mit Mitte 40. Geht man nach seinen Anekdoten, muss er mindestens 100 Jahre alt sein. Wenn’s reicht.

Hauptquartier und Wohnort der beiden Polizisten ist das „Folly“, ein altes Herrenhaus. Dort lebt noch die stumme Haushälterin Molly – nicht ganz menschlich – und Mischlingshund Toby, der eine gute Nase für Magie hat. Derzeit wohnt dort auch Police Constable Lesley May, die bei einem magischen Betriebsunfall schwerste Gesichtsverletzungen erlitten hat und während ihres Krankenstands der Sondereinheit ein bisschen zur Hand geht. Nebenbei lernt sie zaubern.

Eigentlich sind DCI Nightingale und PC Grant immer noch hinter dem „Gesichtslosen“ und den „Little Crocodiles“ her – einem illegal praktizierenden, ethisch fragwürdigen Magier und seinen Anhängern. Da kommt die 13-jährige Abigail zu Peter und erklärt, im U-Bahn-Tunnel unter der Schule einen Geist gesehen zu haben. Ob er da nicht mal nachsehen könne? Er tut ihr den Gefallen krabbelt ein bisschen auf den Gleisen herum, doch aus den Ghostbuster-Spielchen wird bald tödlicher Ernst. Als Kunststudent James Gallagher tot im U-Bahn-Tunnel Baker Street gefunden wird, alarmiert Detective Inspector Miriam Stephanpoulos das Folly. Etwas an dem Fall riecht nach „abstrusem Scheiß“, wie die gewöhnlichen Polizeibeamten das magische Gedöns gerne nennen. Das kann Peter Grant nur bestätigen: Der Student wurde mit einer Keramikscherbe erstochen, die nur so vor magischer Ausstrahlung („Vestigium“) strotzt.

Der Tote entpuppt sich als Sohn eines US-Senators, was umgehend das FBI in Gestalt der Agentin Kimberley Reynolds auf den Plan ruft. Zachary Palmer, der schmuddelige Typ, der mit James Gallagher zusammen wohnte, ist nicht der Lebensgefährte, sondern ein Lebenskünstler und nur zur Hälfte ein Mensch. Sein Vater war eine Fee. Er hat James London gezeigt. Und sicher nicht nur die bekannten Sehenswürdigkeiten.

Die Spur der Mordwaffe führt zu ein paar unterbelichteten Kleinganoven, den Nolan-Brüdern, die unter anderem mit Keramikartikeln handeln. Zum Erstaunen der Polizei liefern sie außerdem kistenweise verdorbenes Gemüse an ein Haus in der Moscow-Street, das nur aus Fassade besteht, weil es in Wirklichkeit ein Entlüftungsschacht der U-Bahn ist. Wo sind die mit dem Grünfutter hin? In den Untergrund! Und schon befinden sich Peter Grant, Sergeant Kumar, PC Lesley May und FBI-Agentin Kimberley Reynolds auf Expedition durch die U-Bahn-Schächte und die Londoner Kanalisation. Neben kaltem Wasser, Schiet und Gestank finden sie dort unten eine rege Partyszene vor. Dort feiern neben minderjährigen Flussgöttinnen, normalen menschlichen Jugendlichen auch noch allerhand merkwürdige Gestalten. Einer der komischen Vögel schießt mit einer Maschinenpistole aus dem zweiten Weltkrieg auf Peter. Zwar ist der bleiche Knabe mit dem Kapuzenshirt ein schlechter Schütze, dafür ist er dummerweise ein Erdbändiger, was Peter ordentlich in die Bredouille bringt.

Auch oberirdisch läuft nicht alles rund. Der Künstler Ryan Carroll, den der ermordete James Gallagher so bewundert hat, verwendet zwar eindeutig Magie bei seiner Arbeit, ist aber mit dem toten Studenten nicht in Verbindung zu bringen. Und die Suche nach dem „gesichtslosen“ Magier und seinen Leuten geht auch nicht so recht weiter. Der Hauptverdächtige, Albert Woodville-Gentle erweist sich als ein alter Herr im Rollstuhl, der ganz und gar auf die Hilfe seiner Pflegerin Varenka angewiesen ist. Von dem geht keine Gefahr aus.

Ob James Gallaghers Tod etwas mit der Unbreakable Empire Pottery Company zu tun hat, der Firma, aus deren Werkstatt die Mordwaffe stammt? Das Unternehmen wurde 1865 von Eugene Beale, Patrick Gallagher und Matthew Carroll gegründet. Anderseits sind das Allerwelts-Familiennamen, das muss nichts heißen. Sieht so aus, als würde das Folly diesmal auf ganzer Linie scheitern. Da kommt ausgerechnet von der Halbfee Zach Palmer ein wichtiger Hinweis. Ja! Auf einmal ergibt die Sache Sinn! Für Peter und seine Kollegen heißt das: noch einmal hinab in den Untergrund …

Schrill, schräg abgefahren! „Harry Potter auf Speed“ schrieb die Zeitschrift BRIGITTE! Ich sage: Urban Fantasy trifft Krimi mit englischem Humor.

Auch wenn es hier um Mord und Totschlag und durchaus unappetitliche und grausige Vorkommnisse geht: Der Leser kommt aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Buchstäblich jeder kriegt hier sein Fett weg. Die Briten, insbesondere die Londoner, die Kunstszene, die Polizei, die Iren, Deutschen, Skandinavier, die US-Amerikaner und die EU. „Ich dachte wieder einmal, dass wir dringend eine einheitliche Nomenklatur brauchten. Am besten gleich eine EU-Direktive, damit wir uns europaweit über das Unheimlich verständigen konnten. Oder nein, vielleicht doch nicht – am Ende wäre dann alles französisch.“ (Seite 417)

EIN WISPERN UNTER BAKER STREET ist überaus vergnüglich. Es ist aber sinnvoll, die vorigen Bände DIE FLÜSSE VON LONDON und SCHWARZER MOND ÜBER SOHO zu kennen, denn sonst kommt man nicht mit und all die Andeutungen, die sich auf eine gemeinsame Vorgeschichte der Personen beziehen, laufen ins Leere. Nirgends wird z.B. erklärt, wie genau Lesley zu ihren entstellenden Gesichtsverletzungen kam. Und die Suche nach dem Gesichtslosen und seinem „Little Crocodiles“-Dining-Club kommt für Quereinsteiger aus heiterem Himmel. Das Buch ist nun mal der 3. Band einer Serie und kein zu hundert Prozent eigenständiges Werk.

Selbst für Kenner der Reihe ist die Handlung noch komplex genug, auch wenn Ben Aaronovitch die Anzahl der Nebenfiguren und Nebenhandlungen gegenüber dem vorigen Band dankenswerterweise deutlich reduziert hat. Muss man mehr als 50 Personen und deren Beziehungen zueinander im Kopf behalten, ist das Lesen mehr Arbeit als Vergnügen. Das scheint dem Autor auch klar geworden zu sein.

Im englischsprachigen Raum ist bereits ein vierter Band erschienen. Dass Band 3 nicht das Ende ist, war zu vermuten, da im vorliegenden Buch noch nicht alle Fälle gelöst sind, die das Folly in Arbeit hat. Und gerade erst hat Peter einen neuen Zauber-Azubi rekrutiert, und das muss ja zu etwas gut sein …

Nur zu! Es sieht ja nicht so aus, als würden dem Autor die Ideen und kleinen Bosheiten ausgehen, mit denen er seine Geschichten zu spicken pflegt.

Der Autor:
Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die englischen Bestsellerlisten im Sturm.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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