Heike Kelter: Lieblingszeichnungen. Kinder lernen zeichnen mit dem flächigen Sehen

Heike Kelter: Lieblingszeichnungen. Kinder lernen zeichnen mit dem flächigen Sehen, Bern 2013, Haupt-Verlag, ISBN 978-3-258-60069–7, Softcover/Klappenbroschur, 144 Seiten mit rund 300 meist farbigen Abbildungen, Format: 24,4 x 19,2 x 1,2 cm, EUR 19,90 (D), EUR 20,50 (A).

„Malen und Zeichnen sind handwerkliche Tätigkeiten. Der Wunsch, etwas sichtbar zu machen, benötigt Wissen und Können, damit die eigenen Vorstellungen umsetzbar werden.“ (Seite 7)

Angenommen, das Kind will ein Kaninchen zeichnen. Das ist das, was ihm dabei vorschwebt, weil es genau das ist, was es im Garten der Freunde sitzen gesehen hat:

Kaninchen: Ruth Rudolph / www.pixelio.de

Der Erwachsene meint’s gut und will helfen. Er „konstruiert“ dem Kind eine Tierzeichnung aus Ovalen und Kreisen:

Hasenzeichnung: Edith Nebel

Wenn das Kind damit zufrieden ist, fein. Wenn es eine realistischere Abbildung schaffen möchte, muss es anders vorgehen und erst einmal die entsprechende „Seh-Technik“ erlernen: das flächige Sehen. Die Krux bei der Zeichnerei ist ja, dass das, was man abbilden will, in der Regel dreidimensional ist, man aber auf dem Blatt nur zwei Dimensionen zur Verfügung hat. Das Wissen, dass Hundkatzemaus vier Beine haben, vorne eine Schnauze und hinten ein Schwänzchen, verwirrt da eher. Wir müssen diese räumliche Vorstellung zurückdrängen und die Linien finden, die man von dem dreidimensionalen Objekt in der momentanen Position sieht. Wenn der Hase sitzt, ist das Schwänzchen eben nicht mit auf dem Bild.

Heike Kelter zeigt uns, wie wir ein Bildmotiv zunächst auf dessen Bildkontur reduzieren und dann nach und nach wichtige Innenlinien hinzufügen. Was Texturen und Schraffuren sind und wie wir damit Fell, Federn und Schuppen andeuten können, zeigt sie uns auch.

Schritt für Schritt wächst so ein naturgetreues Abbild der Vorlage.

Sympathisch ist ihre Aussage: „Wir zeichnen nur, was wir mögen und nur so lange, wie unser Interesse anhält.“ (Seite 17) Niemand muss sich verpflichtet fühlen, jede einzelne Papageienfeder zu zeichnen, nur damit das Bild vollständig ist. Jeder soll das wiedergeben, was ihm an den Motiv wichtig ist. Wenn der Rest nur angedeutet bleibt, ist das vollkommen in Ordnung. Was nicht detailliert ausgearbeitet ist, denkt sich der Betrachter automatisch dazu.

„Klar“, sagt sich jetzt mancher. „Die Buchautorin ist Künstlerin. Logisch, dass die das alles kann!“ Und dann zeigt sie ab Seite 24 Beispiele von Kinderzeichnungen, die in ihren Kursen entstanden sind. Da sieht man dann, wie ein Zehnjähriger den Hund zeichnet, der für die Seiten 12 und 13 als Vorlage dient. Und siehe da: Es funktioniert!

In den folgenden Kapiteln gibt die Künstlerin jeweils Tipps für das Zeichnen bestimmter Motive: verschiedene Tierarten, Pflanzen, Gegenstände, Fahrzeuge, Architektur, Menschen, Comics, Actionhelden, Mangas etc. Und immer werden ihre Schritt-für-Schritt-Zeichnungen mit Ergebnissen aus den Kinderkursen ergänzt.

Manchmal kann man nur fassungslos staunen, wie gut die Kinder Heike Kelters Anleitungen umsetzen! Da zeichnet der 9-jährige Richard einen Tiger im Unterholz, der den Arbeiten der Kursleiterin kaum nachsteht. Ein 11-jähriger liefert ein Bild eines rennenden Geparden ab, das direkt aus einem Comicheft stammen könnte und eine 9-jährige fertigt eine Bleistiftzeichnung von einem Hasen an, die mancher Erwachsene nicht zustande brächte. Und gibt’s die fliegende Eule der 13-jährigen Johanna vielleicht irgendwo als Poster? Ich würde sie mir glatt ins Büro hängen!

Schwieriger wird es erwartungsgemäß bei Motiven, bei denen es auf die exakte perspektivische Wiedergabe ankommt. Architektur und Fahrzeuge verzeihen keine Fehler. Ich habe auch einmal gelernt, dass der korrekte Umgang mit der perspektivischen Darstellung erst so ab der Pubertät gelingt. Das Thema Architektur hat hier auch nur der 14-jährige Marius mit seiner Darstellung einer Brücke überzeugend gemeistert. Wer die Sache mit den Fluchtpunkten noch nicht verstehen kann und vielleicht auch keine Geduld für die vielen fummeligen Details einer Stadtansicht aufbringt, wird an so einer Vorlage scheitern.

Zu Manga- und Comicfiguren haben die Kids ohnehin mehr Bezug als zu Transportmitteln und Bauwerken. So ist es denn auch eindrucksvoll zu sehen, wie detailreich sie ihre Lieblingshelden zeichnen und wie sie sich selbst als Mangafiguren porträtieren. Da juckt es selbst den erwachsenen Leser in den Fingern, sich auch mal als Manga-Zeichner zu versuchen, selbst wenn man die puppenhaften Gestalten mit ihren suppentellergroßen Augen eher scheußlich findet.

Ob das Buch dazu geeignet ist, es interessierten Kindern kommentarlos in die Hand zu drücken, ist fraglich. Das wird stark auf das Alter des jungen Künstlers ankommen. Ein Grundschüler dürfte mit Begriffen wie „plastisch“, „Schraffur“, „Textur“, „Verlaufsrichtung“, „Fokus“ oder „Kontrast“ womöglich überfordert sein. Vielleicht sollte der Erwachsene, der dem Kind das Buch schenkt, sich zuvor selbst damit befassen um zu verstehen, was Heike Kelter lehrt. Dann kann er Hilfestellung geben, wenn er darum gebeten wird.

„Aus mir wird auch mit dem Buch keine Zeichnerin“, meinte eine Bekannte, die nach eigenem Bekunden auf diesem Gebiet weder Talent noch Interesse zeigt. Gut, das käme auf einen Versuch an. Aber es ist sicher auch nicht Sinn und Zweck dieses Buchs, Menschen mit anderen Prioritäten zu Künstlern zu dressieren. Wer aber gerne zeichnet und ein paar Profitipps haben will, um die Ergebnisse erzielen zu können, die er vor seinem geistigen Auge sieht, der ist hier richtig.

Ich habe auch einen Selbstversuch unternommen und nach Heike Kelters Anleitung den Maine-Coon-Kater Baxter porträtiert. Da ich die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege habe und bei mir alles schnell gehen muss, habe ich mich mit der korrekten Textur und Schraffur nicht lange aufgehalten. Ein paar helle und dunkle Flecken müssen es tun. Aber man sieht: Es ist eine Katze.

Foto Maine-Coon-Kater Baxter: Gisela Fritz, www.merryborn.de
Katzenzeichnung: Edith Nebel

Die Autorin
Heike Kelter ist Malerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Werke wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Heike Kelter ist Gründerin der Kinder- und Jugendkunstschule KIKUFRI, welche sie auch leitet. Außerdem unterrichtet sie Zeichnen an verschiedenen Schulen und Hochschulen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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