Ulrike Renk: Seidenstadtrache – Niederrhein-Krimi

Ulrike Renk: Seidenstadtrache – Niederrhein-Krimi, Köln 2013, Emons-Verlag, ISBN 978-3-95451-182-2, Softcover, 223 Seiten, Format: 20,4 x 13,6 x 1,8 cm, EUR 9,90 [D] , EUR 10,20 [A], Kindle Edition: EUR 8,49.

„Die Leiche ist ausgeweidet worden. Eine quasi leere Leiche. Das hat eine große Symbolkraft. Aber wofür?“ (Seite 129)

„Nein, nicht schon wieder“, denken Hauptkommissar Jürgen Fischer und seine Kollegen vom KK11 in Krefeld, als bei Uerdingen ein Auto im Rhein gefunden wird, angeblich mit einer Leiche an Bord. Wenn das wieder so ein blöder Witz ist von irgendwelchen Scherzkeksen, die ein Plastikskelett in eine alte Karre setzen und ins Wasser schubsen …! Nein, diesmal ist es keine Schrottkarre, sondern ein teurer Geländewagen. Und dem Toten auf dem Fahrersitz wurden fachgerecht die Organe entnommen. Auch die Augen.

Das Fahrzeug ist auf Christian Möller zugelassen, dem Chef einer Backshop-Kette. Seine Frau Leah kann sich überhaupt nicht erklären, wieso der Wagen nicht in der Garage steht und ruft sofort ihren Bruder Udo zu Hilfe, der eine leitende Position in der Firma Möllerbrot innehat. Die Geschwister verhalten sich auffallend nervös und unkooperativ und rücken erst nach längerem hin und her mit der Sprache heraus: Christian Möller ist vor ein paar Tagen entführt worden und trotz Lösegeldzahlung nicht wieder aufgetaucht.

Jetzt liegt es auf der Hand, wer der Tote im Rhein ist. Aber wer hat ihn umgebracht? Und wer hat ihn … ausgeweidet? Die Nachforschungen ergeben, dass Christian Möller (52) geschäftlich recht rücksichtslos war. Einige Franchisenehmer und Mitarbeiter waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Auch privat hat er ziemlich viel verbrannte Erde hinterlassen. Seine erste Ehefrau Eva hat er bei der Scheidung ordentlich über den Tisch gezogen, ihr gemeinsamer Sohn Markus will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die schwer kranke Tochter Simone hat indes gehofft, er möge ihr eine Niere spenden, was er rundheraus abgelehnt hat. Nicht zuletzt auf Betreiben seiner jetzigen Ehefrau Leah.

Hat man Möller die Organe gewaltsam entnommen, damit seine Tochter eine Niere bekommt? Ausgeschlossen, sagt Gerichtsmedizinerin Maria Papanikolaou. Simone Möller liegt in Düsseldorf auf der Dialysestation. Da ist so ein Schmu ausgeschlossen. Dafür ist das Organspendewesen in Deutschland mittlerweile viel zu gut überwacht.

Verdächtig macht sich der Bäcker Hastings, den Möller mit einem Knebelvertrag ruiniert hat. Die beiden haben sich erst kürzlich geprügelt. Hastings versteht was vom Präparieren von Tieren. Kann er Möller umgebracht und ausgeweidet haben? Aber wie passt da die Entführung ins Bild? Der Bäcker ist impulsiv und eher schlicht gestrickt. Er hätte dem verhassten Franchisegeber vielleicht eine über den Schädel gezogen, aber so ein komplexer Plan ist eine Nummer zu groß für ihn. Trotzdem hat er sich einer polizeilichen Befragung entzogen und ist jetzt auf der Flucht. Hat er einen Komplizen?

Oder muss man doch innerhalb der Firma Müllerbrot nach Motiv und Täter suchen? Jakob Schink, ein guter Bekannter des Kommissars, hat in seinem immens weitläufigen Bekanntenkreis (natürlich!) einen Firmen-Insider sitzen, der von allerlei Unstimmigkeiten in dem Unternehmen zu berichten weiß. Der alte Herr hat schon so oft den richtigen Riecher gehabt.

Auf einmal wird eine Möllerbrot-Angestellte, Gerlinde Schweiger, schwer verletzt in ihrem Auto aufgefunden – und ihre kleine Tochter ist verschwunden. Das kann doch alles kein Zufall sein! Kommissarin Uta Klemmenz, die in Punkto Stadtklatsch dem alten Herrn Schink in nichts nachsteht, gräbt ein paar pikante Details über das Leben jungen Frau aus. Aber so wirklich weiter bringt das die Kommissare nicht. Jede Menge fiese Schweinereien, viele Motive, viele Verdächtige – aber nichts will so recht zusammenpassen. Was haben sie übersehen?

Wenn Gerlinde Schweiger doch nur ansprechbar wäre! Und wenn sie wüssten, wer ihr Kind in seiner Obhut hat! Oder in seiner Gewalt?

Nebenbei haben Hauptkommissar Jürgen Fischer und sein Chef Guido Ermter immer ein Auge auf ihre privaten Handys. Ermters Tochter und Fischers Sohn sind im Begriff, die beiden zu Großvätern zu machen, doch das Baby lässt sich Zeit. Die Großeltern sind zum Teil etwas überengagiert, die werdenden Eltern unsicher und genervt. Das zeigt, dass die Kommissare ganz normale Menschen sind mit Freuden, Sorgen und Schwächen, doch glücklicherweise nimmt die Schilderung ihres Privatlebens nicht überhand.

Rührend ist Fischers Freund Jakob Schink in der Sorge um seine erkrankte Lebensgefährtin Erna. Der alte Herr gehört vom ersten Fischer-Krimi an fest zum Stammpersonal und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er in Krefeld wirklich Hinz und Kunz kennt und über jeden was weiß. In dem Klatsch und Tratsch, den er gewohnheitsmäßig verbreitet, liegt oft genug ein wichtiger Hinweis für Fischers aktuellen Fall verborgen. Vielleicht sollte der Hauptkommissar ihn mal mit seiner ebenfalls stets gut informierten Kollegin Uta Klemmenz bekannt machen. Die zwei wären das optimale Team für Hintergrund-Recherchen …

Habgier und Angst, Liebe, Hass und Rache … in diesem Krimi steckt alles drin, was es an großen Gefühlen und Tatmotiven gibt. Man muss nur die komplizierten Beziehungsgeflechte erst einmal aufdröseln. Da geht es dem Leser nicht anders als der Polizei: Man hat zwar seine Vermutungen, was geschehen sein könnte, aber solange nicht alle Informationen vorliegen, ergibt sich kein komplettes Bild des Falles.

Am Schluss bleiben zwei Fragen offen, die nichts mit dem eigentlichen Fall zu tun haben. Oder doch? Womöglich ist am Ende alles noch perfider als es aussieht und der Täter hätte sogar noch einen weiteren Grund gehabt, seinen Opfern etwas anzutun. Deutlicher möchte ich an dieser Stelle nicht werden, aber für die, die das Buch in Händen halten, sei der Hinweis gestattet: Seite 211/212.

SEIDENSTADTRACHE ist der sechste Band der Kommissar-Fischer-Reihe. Man kann ihn gut als Quereinsteiger lesen, doch man merkt natürlich, dass die ermittelnden Personen und ihr Umfeld eine gewachsene Gemeinschaft bilden, die schon vieles miteinander erlebt hat. Es ist unvermeidlich, dass auf Ereignisse aus der gemeinsamen Vergangenheit Bezug genommen wird. Wer die Reihe kennt, wird wissen wollen, wie es der Polizistin geht, die im letzten Band entführt worden ist. Und dass Fischer über den Tod seiner Frau spricht, bleibt auch nicht aus. Wer die vorigen Bände nicht gelesen hat, dem wird an diesen Stellen bewusst werden, dass er hier der Neuling ist, der bei Insidergesprächen Wissenslücken hat. Das liegt in der Natur einer Serie. Für den Kriminalfall selbst ist dies nicht von Bedeutung. Und der spielt ja hier die Hauptrolle.

Man muss auch nicht vom Niederrhein stammen, um Gefallen an der Krimihandlung und den Romanpersonal zu finden. Aber natürlich hat man zu der Geschichte eine viel intensivere Beziehung, wenn man die Orte der Handlung kennt und beim Lesen vor sich sieht.

Wer Freude an einem spannenden, sorgfältig recherchierten und realitätsnahen Krimi hat, der ist hier richtig.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, aufgewachsen in Dortmund, Studium in Aachen, lebt seit über zwanzig Jahren in Krefeld am Niederrhein. Sie schreibt historische Romane und Kriminalromane.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.