Jochen Fischer, Sabine Ries: Einfach genial!

Jochen Fischer, Sabine Ries: Einfach genial! Über 40 weltberühmte Erfindungen aus Baden-Württemberg, Tübingen 2013, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1254-2, Softcover/Klappenbroschur, 174 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Format: 20,8 x 13,8 x 1,8 cm, EUR 19,90.

U_Fischer_Einfachgenial_Entwurf.indd

Wir Baden-Württemberger können bekanntlich alles außer Hochdeutsch. Wenn wir dieses Buch gelesen haben, können wir außerdem noch angeben wie der russische Fähnrich Chekov in der TV-Serie RAUMSCHIFF ENTERPRISE, der jede gute Idee seinen Landsleuten zuschrieb (und damit allen fürchterlich auf die Nerven ging).

Dass Baden-Württemberg von jeher eine Region der Tüftler, Schaffer und Bastler ist, ist nicht neu. Wenn keine Bodenschätze da sind und Ackerflächen durch Realteilung so klein werden, dass sich eine Haupterwerbslandwirtschaft kaum mehr rentiert, muss eben der Einfallsreichtum helfen.

Was haben sie denn nun alles erfunden, die Badener und Württemberger? Das Auto, selbstverständlich. Daimler und Benz kennt man ja. Die Kuckucksuhr und die Schwarzwälder Kirschtorte. Die Spätzlespresse und das Bausparen. Okay, das liegt ja auf der Hand. Aber dass auch der Skilift und die Dauerwelle, die Windkraftanlage und der Uhu-Alleskleber aus dem Ländle stammen, das überrascht. Dasselbe gilt für die Stretch-Jeans und den Kunststoffdübel, den Pistenbully und die Funkuhr. Donnerwetter! Sogar der Urahn der Computerära war ein Württemberger: Der Tübinger Professor Wilhelm Schickard stammte aus Herrenberg und baute 1623 die erste Rechenmaschine der Welt.

Mancher Tüftler und Erfinder nahm sich gezielt eines bestehenden Problems an und schuf mit viel Hirnschmalz und Fleiß Abhilfe. Zum Beispiel der Ulmer Conrad Dietrich Magirus, der 1872 die fahrbare Feuerwehrleiter erfand. Oder Paul Hartmann aus Heidenheim, der zusammen mit dem Tübinger Chirurgieprofessor Victor von Bruns und dem britischen Mediziner Josef Lister Ende des 19. Jahrhunderts den sterilen Wundverband entwickelte. Auch Louis Leitz aus Großingersheim schaute genau hin, was in den Büros gebraucht wurde, ehe er 1893 die ersten Leitz-Ordner auf den Markt brachte.

Die eine oder andere Erfindung hätte ursprünglich etwas ganz anderes werden sollen. Die Schmierseife startete als Haarshampoo. Und das, was 1948 als Seifenblasenröhrchen „Pustefix“ auf den Markt kam, hätte eigentlich ein Waschmittel geben sollen, doch es schäumte zu stark. Der aus Lettland stammende, in Tübingen ansässige promovierte Chemiker Rolf Victor Hein kam auf die Idee „ein Kinderspiel zu entwickeln, mit dem ohne langes Anrühren einer Seifenlauge schillernde Seifenblasen erzeugt werden konnten.“ (Seite 138)

Es gab geniale Einzelkämpfer, die eine Erfindung nach der anderen zum Patent anmeldeten, und es gab Tüftler, die erst im Team zur perfekten Problemlösung gelangten. Fleißarbeit oder Geistesblitz, Weltneuheit oder Verbesserung eines bereits bestehenden Systems: Die Geschichte der Erfindungen ist so vielfältig wie die Lebensbereiche, die sie berühren.

Manch einer ist durch seine Erfindungen zu Ansehen und Wohlstand gekommen, andere hatten weniger Glück, starben in Armut und haben die Siegeszug ihrer Idee gar nicht mehr miterlebt.

Ist das Erfinden eigentlich eine komplett frauenfreie Zone? Nicht ganz! Der Stuttgarter Erich Schumm, der unter anderem den Brennstoff Esbit (Trockenspiritus) und die Fliegenklatsche erfand, hat sein Talent für kreative Problemlösungen eindeutig von seiner Mutter geerbt. Und Caroline Märklin, die Ehefrau des Firmengründers Theodor Friedrich Wilhelm Märklin (der mit den elektischen Modell-Eisenbahnen) reiste als Repräsentantin des Unternehmens durch Süddeutschland und die Schweiz und war damit eine der ersten weiblichen Handlungsreisenden überhaupt. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie die Geschäfte der Firma weiter.

Auch an der Entwicklung von Spätzlespresse und Spätzle-Shaker waren Frauen beteiligt. Aber mehrheitlich ist das hier schon ein Herrenclub. Die Hausfrauen im Ländle hatten für solche Spielereien vermutlich keine Zeit.

Wer nicht bis ins Detail nachvollziehen kann, wie all die technischen Errungenschaften funktionieren, soll sich bitte nicht grämen. Man kann und muss nicht alles wissen. Wenn ein schlauer Landsmann eine Lösung für etwas gefunden hat, bei dem wir nicht mal das Problem verstehen, ist unsere Bewunderung umso größer.

EINFACH GENIAL! Ist eine reich bebilderte, unterhaltsame und informative Zeitreise durch die Geschichte der baden-württembergischen Erfindungen. Es ist auch die Geschichte vieler alltäglicher Dinge, die man ganz selbstverständlich benutzt, ohne groß darüber nachzudenken. Nachdem man dieses Buch gelesen hat, sieht man sie mit ganz anderen Augen.

Die Autoren
Jochen Fischer, geboren 1964, lebt im Rems-Murr-Kreis. Er ist Journalist und war viele Jahre Redakteur bei „Sonntag Aktuell“. Heute schreibt er freiberuflich über regionale und Küchen-Themen.
Sabine Ries, geboren 1970 in Stuttgart, ist Absolventin der Freien Journalistenschule in Berlin. Sie lebt und arbeitet im Enzkreis als freie Bild- und Textjournalistin für die Tagespresse, verschiedene Magazine und Verlage.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.