Jessica Kremser: Frau Maier hört das Gras wachsen

Jessica Kremser: Frau Maier hört das Gras wachsen, Bielefeld 2013, Pendragon Verlag, ISBN 978-3-86532-371-2, 342 Seiten, Softcover, Format: 19 x 11,8 x 2,4 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle Edition: EUR 10,99.

9783865323712

„Frank zog die Augenbrauen hoch. ‚Seit wann sind Sie denn ganz ehrlich, Frau Maier? Sie sagen doch immer nur gerade so viel, wie unbedingt sein muss.‘“ (Seite 85)

Frau Maier, Mitte 60, die uns auch in diesem Band ihren Vornamen nicht verrät, lebt allein mit ihrer Katze und neuerdings auch einer verletzten Ente in ihrem kleinen Häuschen am Chiemsee. Auch nach 6 Jahrzehnten im Dorf Kauzing gehört sie nicht wirklich zur Dorfgemeinschaft. Man nimmt ihr immer noch übel, dass sie als blutjunges Mädchen versucht haben soll, der Maria den Fischer-Karli auszuspannen. Wie es wirklich war, hat nie jemanden interessiert.

Ein bisschen leutscheu und eigenbrötlerisch ist Frau Maier auch. Sie hat kein Telefon, weil sie keine Freunde hat und gar nicht wüsste, was sie mit wem reden sollte. Lieber spricht sie mit ihren Tieren, hört alte Elvis-Platten und schmökert in Kochbüchern. Mehr als das Nötigste spricht sie allenfalls mit der Bankangestellten Elfriede Gruber, dem Polizeipsychologen Frank Schön und mit Seppi, dem Azubi aus dem Supermarkt.

Einen Beruf hat Frau Maier nie gelernt. Sie hat sich immer als Putzfrau durchgeschlagen. Neuerdings arbeitet sie mehrmals die Woche im Kurhotel Bergblick als Zimmermädchen. Jetzt hat sie Kollegen und mehr Sozialkontakte als früher, ist von ihrer Tätigkeit her aber nach wie vor geistig unterfordert. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass sie sich mehr als nötig für anderer Leute Angelegenheiten interessiert. Diese Neugier hat sie schon einmal in Teufels Küche gebracht, als sie sich partout in eine Mordermittlung einmischen musste (FRAU MAIER FISCHT IM TRÜBEN, Pendragon Verlag).

Die Ereignisse von damals stecken ihr immer noch in den Knochen. Dennoch schaut sie spontan nach dem Rechten, als sie in einem leerstehenden Haus in der Nachbarschaft auf einmal das Licht einer Taschenlampe aufscheinen sieht. Was sie dort entdeckt, wird sie über lange Zeit hinweg Tag und Nacht verfolgen: die Leiche des Kurgasts Simone Lenz. Die junge Mutter hat sich erhängt. Von ihrer zehnjährigen Tochter Vivien fehlt jede Spur.

Frau Maier glaubt nicht an Selbstmord. Sie hat nämlich das Tagebuch der Toten gelesen. Und sie weiß, dass noch jemand anderes im Haus war, als sie die Leiche fand. Nur: Wem soll sie das erzählen? Kommissar Brandner wird ausgesprochen ungemütlich, wenn er erfährt, dass sie schon wieder als Miss Marple vom Chiemsee unterwegs ist. Sie entscheidet sich für die Teilwahrheit, gibt dem Polizeipsychologen Frank Schön ein paar ausgewählte Informationen und ermittelt auf eigene Faust weiter.

Fragen gibt es viele: Welche Geheimnisse teilen die Leiterin des Kurhotels, Ulrike Rupprecht, und der Arzt Dr. Grammling? Kennen sich Frau Rupprecht und die Familie der Toten von früher? Sie stammen aus derselben Stadt. Warum fummelt eine Mitarbeiterin aus der Küche an den Medikamenten der Kurgäste herum? Was weiß die Internetbekanntschaft, mit der sich Simone Lenz treffen wollte? Und vor allem: Wo ist die kleine Vivien?

Als zwei weitere Personen vermisst werden, wird der Fall noch rätselhafter. Die Polizei tappt im Dunkeln, Frau Maier wird zunehmend von Albträumen gequält und der Dorfklatsch blüht. Normalerweise lässt unsere Heldin ja die Leute reden. Aber eine Bemerkung Elfriedes lässt sie hellhörig werden und spontan handeln. Wäre sie mit ihrem Wissen doch nur zur Polizei gegangen!

Der Fall ist verzwickt, und genau wie Frau Maier hält man alle erdenklichen Motive und Verbindungen für möglich. Da der Leser nicht viel mehr weiß als die neugierige Reinigungskraft, kann er auch nicht vor ihr auf die richtigen Schlüsse kommen. Wer immer gescheiter sein will als der Romandetektiv, hat hier schlechte Karten. Doch ohne das finale Überraschungsmoment würde die Geschichte nicht funktionieren.

Spannend ist es, den Beobachtungen und Gedankengängen der Amateurdetektivin zu folgen und zu sehen, was die Beschäftigung mit dem Abgründigen und Bösen mit ihr macht. Sie versucht, sich in Opfer und Täter hineinzuversetzen, und das geht nicht spurlos an ihr vorüber. Es jagt ihr Angst ein und lässt sie schreckliche Dinge träumen.

Sie mag durch ihre introvertierte und sozial ungeübte Art teilnahmslos und trampelig wirken, aber sie ist empfindsam und intelligent – und ein bisschen einsam. Man wünscht einen wirklich guten Freund, dem sie vertrauen kann, damit sie all die gefährlichen Abenteuer nicht immer so allein durchstehen muss.

Wer weiß? Vielleicht tut sich ja in ihrem Privatleben noch etwas! Und womöglich verrät sie uns auch irgendwann ihren Vornamen …

Die Autorin
Jessica Kremser wurde 1976 in Traunstein geboren und wuchs am Chiemsee auf. Nach dem Studium der englischen und italienischen Literatur und Theaterwissenschaften zog es sie in die bayerische Hauptstadt, wo sie als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften schreibt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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