Schlechtreden bringt auch nix

Es gibt Menschen, die mir jetzt ganz unverblümt aufs Butterbrot schmieren, was zwischen Gerhard und mir nicht gut gelaufen ist. Was sie an ihm nicht mochten. Und überhaupt … dass wir nie richtig zusammengepasst hätten. Das würden selbst Leute sagen, die uns gar nicht persönlich kannten. Na, die müssen es ja wissen! Ob mir das den Verlust erleichtern soll oder einfach nur ein boshaftes Nachtreten ist, kann ich nicht genau sagen.

Dass wir beide so wenig perfekt waren wie unsere Beziehung, ist mir bewusst. Dass ihn seine lange Krankheit auch psychisch verändert hat und er immer egozentrischer, reizbarer und desinteressierter wurde, weil ihm irgendwann alles nur noch lästig war, weiß ich auch. Aber lässt man jemanden fallen, wenn er krank ist? In Momenten der Schwäche war mir danach, und oft war ich verzweifelt, ungeduldig und ungerecht. In besonders dunklen Momenten habe ich mich gelegentlich gefragt, ob wir einander überhaupt vermissen würden, wenn wir getrennte Wege gingen. Die Frage wird er sich auch hin und wieder gestellt haben, da mache ich mir nichts vor.

Ich bin ein Planer, Organisator und Kontrollfreak, muss immer alles regeln und für jeden Mist einen Plan A, B und C haben. Er nahm alles viel leichter als ich. Hatte er ein Anliegen, streute er die Information in seinem weitläufigen Bekanntenkreis und wartete ab, was passieren würde. Und siehe da: Auf diesem Weg wurden Wohnungen und Garagen vermietet und für alles nur Erdenkliche Experten, Käufer und Interessenten gefunden. Ich lernte: Man muss nicht alles planen. Manches regelt sich in der Tat von selbst.

Ich liebte seinen Humor und sein Lachen, seine Stimme und seine Musikalität sowie seine Neugier auf alle möglichen Wissensgebiete. Ob Weltall oder Wüste und Vulkane, Tiere oder Gesundheit, Tontechnik, Motorräder, Flugzeuge, Hubschrauber oder Schiffe – er war interessiert und informiert. Und auch an dem, was seine Mitmenschen dachten und sagten, hatte er ein ehrliches Interesse. Und das spürten sie auch.

Er war ein guter Handwerker und – bis die Krankheit übermächtig wurde – engagiert im Beruf. Er war gesellig, hilfsbereit und ein begabter Koch. Sogar meine Tanten, die ja wahrlich routinierte Hausfrauen waren, fragten ihn manchmal in Sachen Rezepte um Rat.

Ungeduldig und jähzornig konnte er auch sein. Und wenn ihn etwas aufregte, fand er kein Ende und fing mit dem Thema immer wieder von vorne an. Das konnte schon anstrengend sein.

Dass er das Leben so locker nahm, machte ihn liebenswert, hatte aber auch eine Kehrseite: Je weniger er sich um die Dinge des praktischen Alltags kümmerte, desto mehr Verantwortung lastete auf mir. Das war öfter mal der Grund für Auseinandersetzungen. Aber irgendwas ist ja immer.

Auch wenn wir ein temperamentvolles Paar waren und uns manchmal angebrüllt haben, dass man es bis kurz hinter Haifa gehört haben muss: Ich möchte mir jetzt nicht einreden lassen, dass alles Sch***e war, was wir hatten und dass ich zwei Drittel meines bisherigen Lebens verschwendet hätte. Und ich mag auch nicht diese Phase meines Lebens verschämt verschweigen wie ein vergurktes Intermezzo bei einer Firma, das man in künftigen Lebensläufen diskret unter den Tisch fallen lässt.

Nein, ich bin keinesfalls froh und erleichtert darüber, dass er gestorben ist, auch wenn manch einer schon diese Vermutung ausgesprochen hat. Natürlich wollte ich nicht haben, dass er noch länger leiden muss. Und ich wünschte mir auch nicht, dass er ein Pflegefall geworden wäre. Ich hatte nur die ebenso kleine wie irrationale Hoffnung, dass sich sein gesundheitlicher Zustand noch einmal bessern möge. Das mag naiv sein, doof, falsch oder alles zusammen, aber so ist es nun mal.

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Foto: Gaby Stein / www.pixelio.de

3 Kommentare

  1. War ja klar, auf die selbsternannten Beziehungsexperten, die es hinterher immer schon wussten, ist Verlass. Lass Dir bloß nichts einreden. Ich bin zwar kein Fan von „Über die Toten nur Gutes“, man sollte den Tatsachen schon ins Gesicht sehen. Aber wie Du ja selber schreibst, hattet Ihr auch schöne Zeiten und konntet viel zusammen lachen. Und das ist eine Menge wert. Auch wenn ich Euch nicht persönlich kenne (bei Dir hoffe ich ja, dass das vielleicht noch mal klappt ;)) habe ich bei dem, was ich über euch gelesen habe, keinesfalls den Eindruck, dass Du zwei Drittel Deines Lebens verschwendet hast.

    Zum letzten Absatz: Ich denke, diese Hoffnung bis zum Schluss, dass es vielleicht doch noch besser wird, ist normal. Als es meinem Vater schlechter ging, war es ähnlich: Bis zu seinem letzten Atemzug hofften wir, dass er sich doch noch mal „derrappeln“ würde, wie er es ja schon öfter getan hat.

    Liebe Grüße.

  2. „Hoffnung ist menschlich“, meinte gestern eine Verwandte. Hinterher-alles-besser-gewusst-zu-haben anscheinend auch. 🙁

    Ist ja okay, wenn manche ihn nicht leiden konnten. Aber jetzt, da er nicht mehr da ist und ich nicht so recht auf der Höhe bin, die Chance zu nutzen, mal so richtig auf die Kacke zu hauen („Was ich dir schon immer mal sagen wollte …“), das halte ich für ziemlich unfair.

    Manches sind wohl auch hilflose Reaktionen auf die Situation. Meine Trauer und meine Probleme kleinzureden, z.B., indem man auf Menschen verweist, denen es noch viel schlechter geht als mir. Ja, die gibt es immer. So gesehen jammert jeder, der in gesicherten und friedlichen Verhältnissen lebt, auf hohem Niveau, selbst wenn er Partner oder Kind verloren hat. Das macht den Schmerz nicht kleiner, nur das schlechte Gewissen größer. Ich darf nicht um den Liebsten trauern, weil ich in einem friedlichen Land lebe.

  3. Liebe Frau Nebel

    das habe ich auch erlebt, nur wenige Wochen nach dem Tod meines Mannes wurde mir empfohlen einen Nervenarzt zu konsultieren. Und Aussagen wie: „So toll war er auch wieder nicht,“ finde ich echt gemein.
    Ich werfe alle die, welche mir mit blöden Ratschlägen kommen, einfach raus. Das brauche ich nicht, ich weine, weil es so verdammt weh tut, dass er nicht mehr da ist und weil er mir so fehlt. Und ich frage mich auch jeden Tag, ob ich alles richtig gemacht habe, dabei kann ich es doch nicht mehr ändern. Ich glaube, das die Seele meine Mannes immer bei mir ist und das hilft ein wenig. Aber das darf man ja auch nicht erzählen, sonst meinen die „Oberklugen“, jetzt spinnt sie vollkommen.Lassen Sie sich nicht beirren, Sie machen alles richtig.

    Viele liebe Grüße
    Ursula Geier

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