Mein Job, mein Haushalt, meine Defizite

Meistens ist es mir ziemlich egal, was die Leute von mir denken, und das schon seit sehr langer Zeit. Häuft sich die Kritik an mir und meiner Lebensweise allerdings und geht’s mir sowieso nicht so gut, dann stimmt mich das schon ziemlich, äh, unfröhlich.

Mit meinem Vater bin ich täglich in Kontakt, und er findet immer was, was andere toll machen und ich nicht. Dass das den Tatsachen entspricht, will ich ja gar nicht in Abrede stellen. Es gibt auf jedem Gebiet Menschen, die schlauer, geschickter, erfolgreicher und besser sind als man selber.

Auf einmal kommen die Themen wieder aufs Tapet, die mich meine ganze Kindheit und Jugend begleitet haben. „Ich hätte lieber ein anderes Kind gehabt“, bekam ich gestern zu hören. „Eines, das so ist wie ich und das Leben im Griff hat. Bei dir war ja nie etwas in Ordnung, nicht mal ansatzweise. Aber weil ich kein besseres Kind habe, muss ich eben mit dir klarkommen.“

Na, danke, das wollte ich hören! Wenn man sich unglücklich und allein fühlt, ist es ungeheuer erhebend, wieder mal aufs Brot geschmiert zu kriegen, was man schon immer für eine Enttäuschung war. Meine Mutter kam nicht mit mir klar, weil ich nicht so war wie sie. Und mein Vater hadert mit mir, weil ich nicht so bin wie er.

Das Thema ist mir, wie gesagt, nicht neu. Ich habe es wieder und wieder und wieder gehört. Aber ich dachte, wir hätten es durch. Nach dem Tod meiner Mutter schien mein Vater sich mit mir arrangiert zu haben. Wir sind so gut miteinander ausgekommen wie noch nie. Aber entweder war das nicht echt, oder er hat es sich wieder anders überlegt.

Die Erwartungen an mich waren in der Summe immer völlig unrealistisch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich sollte der perfekte Sohn sein und die perfekte Tochter. Ich sollte arbeiten wie ein Kerl, neben meinem Verlagsjob noch Häuser bauen und verwalten, beruflich erfolgreich sein, möglichst noch mehr verdienen als die Kinder der Freunde und Bekannten und ich sollte meinen Haushalt tipptopp in Schuss halten wie eine Vollzeithausfrau.

Das bisschen Haushalt ... Foto: (c) Gerhard Löw
Das bisschen Haushalt … Foto: (c) Gerhard Löw

Ich sollte mich besser um meine Eltern kümmern, womit sie wahrscheinlich recht hatten, und insgesamt „mehr Gas geben“, denn andere berufstätige Frauen seien neben ihren Pflichten auch noch kulturell und sozial engagiert, und ich hätte nicht mal Zeit zum Essen. Ach ja, und die Nachbarn seien eine glückliche Großfamilie, die in jeder freien Minute zusammengluckt und das Leben zu genießen weiß. So etwas hab ich auch nicht vorzuweisen. Ich bin kinderlos geblieben und nun ist mir auch noch der Mann gestorben.

Tut mir Leid, dass ich ein unzulängliches Wesen bin, das ein unzulängliches Leben führt. Auch meine Zeit und Energie ist endlich. Ich kann nicht mehrere Lebensentwürfe gleichzeitig leben und alle Wunschvorstellungen erfüllen.

Wenn ich eine tüchtige Geschäftsfrau, eine perfekte Hausfrau, eine fürsorgliche Tochter und weiß-der-Geier-was-sonst-noch-alles sein soll, dann müssen sich diese Rollen eben die 24 Stunden teilen, die mir täglich zur Verfügung stehen. Dann kann ich aber auch auf keinem Gebiet so toll sein wie jemand, der sich auf einen einzigen Part voll konzentrieren kann. Ich weiß nicht, wie viel tausend Mal ich das schon zu erklären versucht habe. Nutzt nix. Ich bin nicht so, wie man sich das gewünscht hat und damit ein Versager. Basta.

Könnte mir wurscht sein. Aber das höre ich mir – mit Unterbrechungen – seit 50 Jahren an. Und irgendwann nervt’s.

Ich will mich nicht ständig mit Mitmenschen vergleichen lassen, deren Lebensumstände den meinen nicht im geringsten gleichen. Wenn die Verwandten allesamt erfolgreicher sind als ich, dann ist es so. Ich habe eben eine kluge und tüchtige Familie, auf die ich mich überall voller Stolz berufen kann. Wenn Rentnerinnen bessere Hausfrauen sind und pensionierte Beamtinnen dazu noch sozial engagiert und kulturbeflissen sind, fein. Wenn ich im Vergleich zu denen allen alt aussehe, kann ich es auch nicht ändern. Ich neide ihnen nichts. Dann können sie eben etwas, das ich nicht kann.

Und wenn ich mir noch so den A*** aufgerissen habe und versuchte, allen Vorstellungen meiner Familie zu entsprechen: Es war nie gut genug. Wäre ich der perfekte Klon eines Elternteils, hätte mich wenigstens nur der andere abgelehnt. Mit der Mischung, die ich bin, konnte sich keiner von beiden identifizieren. Ich glaube, sie sahen in mir jeweils das, was sie am Partner nervte.

Setzt man Kinder in die Welt, weil man ein 1:1-Abbild von sich haben will? Und wie sollen die Nachkommen es schaffen, gleichzeitig das perfekte Abbild von Mutter und Vater zu sein, wenn die beiden extrem unterschiedlich sind?

Ich habe es nicht hinbekommen.

13 Kommentare

  1. Die Theorie besagt, dass die Eltern alle ihre Kinder gleich lieben.
    Ohne das Wort „lieben“ definieren zu können, kann ich sagen: Sie tun es nicht.
    In meinem Fall liebe ich all meine Kinder, mit dem einen kann ich besser, mit dem anderen stoße ich früher an meine Grenzen. Es hat also nichts mit Liebe, sondern mit „auskommen“ zu tun.
    Das liegt daran, dass man seine eigenen Eigenarten beim Kind widergespiegelt sieht und die will man nicht gerne sehen. Dann kann es sein, dass eine Charaktereigenschaft des Gegenübers etwas in einem antriggert, das man absolut nicht brauchen kann auch dem will man aus dem Weg gehen.
    Dazu kommt, das ein Kind auch immer eine Beziehung symbolisiert, auch das birgt Abgründe.

    Ich bin immer noch der Meinung, dass die Kinder sich ihre Eltern suchen und somit ihre Lebensaufgabe.
    Das mag manchen Fällen zynisch anmuten, ich glaube dennoch daran. Auch wenn man mit seinen
    Schicksal hadert, so ist es immer relativ zu anderen und trotzdem subjektiv im eigen Empfinden.
    Als sich einmal mit meinem verschollenen Vater und dem daraus resultierenden Phantomschmerz bei einer Freundin aufmuckte, meinte sie: „Ich versteh dich absolut nicht. Lieber gar keinen Vater, als ein Arschloch“.
    Ich hab‘ sie damals mit weit auf gerissenen Augen angesehen und konnte ihr Unvermögen sich in mein Leiden rein zu versetzen nicht nachempfinden. Dennoch ging mir ein Lämpchen auf: Wenn man drin steckt, kann man immer nur reagieren. Es bleibt einem nichts anderes übrig.

    In Deinem Fall hast Du es mit einem langsam seniler werdenden alten Herrn zu tun, der den Überblick verloren hat und der die emotionale Schiene meidet wie der Vampir den Knoblauch.
    Es geht überhaupt nicht darum, was DU gemacht oder nicht gemacht hast. Es geht darum, dass ihm selbst als Versäumnis gewahr wird, dass er vielleicht vieles falsch gemacht hat. Ich kenne Eure Familiengeschichte zu wenig aber es steht doch mehr im Raum. Nicht dass Du keine Kinder hast ist das Problem. Frag ihn doch mal warum Du keine Geschwister hast? Ist das Deine Schuld? Was sollst Du seiner Meinung nach tun?
    Ein russisches Waisenkind adoptieren? Ich kann Dein Problem verstehen. Du hast es jetzt mit einem verknöcherten alten Menschen zu tun (ich weiß wovon ich rede, ich habe längst aufgehört mit meiner Mutter diskutieren zu wollen, sie hört ja gar nicht mehr zu), Ich dachte immer, ich müsse diese Probleme mit diesen Personen persönlich lösen. Das geht in meinem Fall nicht, weil sie nicht da sind und es ist völliger Blödsinn.
    Ich bin bei eine Heilpraktikerin, die mir beibringt wie ICH das ganze verarbeite, denn den anderen kann man nicht ändern. Eines kannst Du trotzdem tun. Geig‘ ihm Deine Meinung und sag ihm, dass es eine Unverschämtheit ist wie er über die Schuldschiene versucht Dich klein zu halten. Es ist einfach eine Frechheit, wie er Dich behandelt und ich denke, er merkt gar nicht was er da tut. Er will ablenken, weil er selbst unglücklich ist. Meine HP sagte zu mir, wenn ich in eine solche Situation komme solle ich mir sagen: Ich bin nur das Kind und nicht verantwortlich für DEIN Leben. Das ist es.

      1. Und wenn so ein Klopfer kommt, sollte er unbedingt unverzüglich Gegenwind verspüren. Du musst ihn ja nicht auf immer und ewig verstoßen, aber es wäre doch angebracht, ihm beizubringen, dass ihm jeder Klopfer eine Woche beschert, wo er ohne jegliche töchterliche Unterstützung auskommen muss. Ich bin völlig entsetzt, was ich hier lese.

        1. Das habe ich vor vielen Jahren mal gemacht. Hat kurz geholfen, und dann war alles wieder wie zuvor. Jetzt bin ich es müde, das ganze noch zu parieren. Ich kann mich nicht ändern – jedenfalls nicht so wie gewüscht – und ich kann ihn nicht ändern.

  2. Ach Edith, fühl Dich einfach mal gedrückt! Dieses Gedöns kann man brauchen wie Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hilft dir das jetzt nicht viel, aber ich habe dich immer dafür bewundert, wie du alles, was du machst, auf die Reihe kriegst: Deinen Monster-Arbeitsalltag, die Stubentiger, das neue Haus etc. und dazu die vielen, vielen Bücher, die du nicht nur liest, sondern auch ausführlich besprichst! Ich habe schon lange keine Buchrezension mehr geschrieben, und von der Biliothek flattern mir die Mails ins Haus, dass ich wieder einen Stapel abgeben muss, den ich eigentlich schon noch vorher lesen will…

    Die liebe Verwandtschaft kann manchmal so unglaublich gnadenlos sein. 🙁 Lass dir nichts einreden, du tust dein Bestes, und mehr geht eben nicht. Vielleicht könntest du deinem Ahnherrn ja mal sagen, dass er, wenn dein Haushalt tiptop in Schuss sein soll, eben auf die Telefonate und Besuche deinerseits verzichten muss. Aber das ist leicht gesagt, ich weiß nicht, ob ich sowas fertigbringen würde. Zum Glück muss ich das im Moment auch nicht.

  3. Wie schrecklich. Zeit, fest gedrückt zu werden, ja. Und allerdringendst Zeit, dich abzunabeln. Ich wünsche dir, dass du es schaffst. Keine Ahnung, ob es passt und dich weiterbringt, aber guck doch mal nach diesem Buch: Weiblicher Narzißmus: Der Hunger nach Anerkennung von Bärbel Wardetzki. Klar, da gibt es viele Stereotypen drin, vieles trifft dann natürlich nicht auf einen Selbst zu, aber grundlegende Muster sind ja vielleicht auch interessant. Halt durch, du! Ich finde, du bist sehr tapfer.

    1. „Der Hunger nach Anerkennung“ klingt schon mal ganz passend. Ist ja eigentlich blöd, dass man immer noch verzweifelt versucht, es der Familie recht zu machen, wenn man schon lange erkannt hat, dass das gar nicht möglich ist.

  4. Hallo Edith,

    ich lese sehr selten Blogs und wenn dann meist nur ein einziges Mal und dann nicht mehr. Gibt mir irgendwie nichts. Jetzt muss ich zu meiner Verblüffung feststellen, dass ich immer wieder bei dir „rein schaue“ und lese was es es Neues gibt. Was edithnebel, die ich als Vandam kennengelernt habe, gerade so bewegt. Du kannst deine Gefühlslagen, von denen ich viele, nicht alle wieder erkenne, so aussagekräftig in Worte fassen und du bist so gnadenlos ehrlich zu dir selbst. Das ist schwer auszuhalten. Ich kenne das von mir.
    Ich glaube wie Ute, dass das Problem deines Vaters größtenteils nicht bei seiner Tochter, also dir liegt, sondern in ihm selbst. Und ich finde es irgendwie furchtbar, dass man sich sogar noch mit 50 noch nicht von seiner Verletzlichkeit gegenüber seiner Eltern lösen kann. Dein Vater ist ganz schon ehrlich und direkt und ich finde dafür verdient er die gleiche Direktheit und Ehrlichkeit von dir. Aber es ist schwer eingefahrene Verhaltensmuster zu ändern. Er muss wissen, woran er bei dir ist. Man sollte viel mehr darüber reden, was einem nicht passt und was man für Vorstellungen hat. Ich stelle bei mir fest, dass Bequemlichkeit und der Alltag, mir oft den Mund verschließen und den Gedanken eingeben: „Laß sie/ihn reden. Ist doch egal.“ Ist es nicht!
    Ich denke, ein bisschen mehr Egoismus würde dir gut tun. Du bist nur für dein Glück verantwortlich, nicht dafür, deinen Partner oder deine Eltern glücklich zu machen. Das funktioniert nicht. Kopf hoch! Du bist perfekt, so wie du bist!

  5. Boah, dein Vater ist aber arg brutal! Hut ab, dass du mit ihm trotzdem täglich Kontakt hast. Ich habe zuerst meiner Mutter und viele Jahre später auch meinem Vater mal ein paar Monate lang jeglichen Kontakt verweigert, weil ich so einiges nicht mehr ausgehalten habe. Hat geholfen. Sehr geholfen. Abnabeln geht manchmal eben nur auf die harte Tour. Und im Fall meines Vaters war das auch erst vor ein paar Jahren. Ich wünsche dir sehrsehrsehr, dass du Frieden findest mit ihm!

  6. Liebe Edith,
    theoretisch bin ich eine „tolle“ Tochter: Erfolgreich im Beruf, drei Kinder, „gut“ verheiratet, gewählte Kommunalpolitikerin und sogar mit eigener Zeitungskolumne. Man sollte meinen meine Eltern sind mit mir zufrieden oder könnten gar stolz sein. Sind sie aber nicht. Besonders mein Vater nicht. Er findet immer das Haar in der Suppe. Ich bin nie toll genug.

    Von daher: Es liegt nicht an dir. Es scheint am System zu liegen.

  7. Liebe Frau Nebel

    auch ich habe meinen Mann verloren und es ist grausam, wie man leidet. ich habe Kinder und Enkelkinder, die sich rührend um mich kümmern. Aber sie verstehen meinen Schmerz nicht, können sie auch gar nicht. Und ich habe jetzt einen Satz gefunden, der mir gefällt und den ich gern habe. Er heißt: „ich will nicht so sein, wie ihr mich haben wollt!“ Ich will so sein, wie es mir gut tut. Vielleicht tröstet es sie ein klein wenig, ich denke oft an Sie.

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