Thomas Deuschle: So war’s in den 1960ern

Thomas Deuschle: So war’s in den 1960ern – Reutlingen zwischen VW Käfer und Flower-Power, Reutlingen 2009, Oertel + Spörer Verlag, ISBN 978-3-88627-431-4, Hardcover, 96 Seiten, zahlreiche Abbildungen in Farbe und s/w, Format: 21 x 20,4 x 1 cm, EUR 14,95.

Das Jahr 1960 beginnt in Reutlingen mit einem Riesenknall: Aus dem bengalischen Feuerwerk des Apothekers Merz wird eine heftige Explosion mit 5 (Schwer-)Verletzten, 50 zerborstenen Schaufenstern und einem Sachschaden in Höhe von DM 100.000,-. Dieses Jahrzehnt geht schon mal gut los …

Abbildung: © Oertel + Spörer Verlag
Abbildung: © Oertel + Spörer Verlag

Der reich bebilderte Band ist eine Zeitreise ins Schwäbische Reutlingen der 1960-er Jahre. Da die Stadt nicht allzu weit von meiner Heimat entfernt ist und der Autor auch nur ein paar Jährchen älter ist als ist, dachte ich, das Buch könnte auch für Nicht-Reutlinger meiner Generation ein amüsanter Rückblick sein. Und in der Tat: Man erkennt einiges wieder und erinnert sich an lange vergessen geglaubte Details aus Kindheit und Jugend. Und man erfährt auch sonst noch allerlei.

Dass die Stadt nach dem 2. Weltkrieg ein Zentrum der Textil- und Bekleidungsindustrie war, weiß man hier in der Region. Dass Reutlingen Mitte der 50-er Jahre als Stadt mit den meisten Millionären Deutschlands galt, ist schon weniger bekannt, aber angesichts der zahlreichen Industriebetriebe nicht weiter verwunderlich: Irgendwo mussten die Unternehmerfamilien ja wohnen …

Als besonders attraktiv gilt Reutlingen nicht. „Dass die ehemals mit einem mächtigen Mauerring umgebene und mit unzähligen Türmen und Toren dekorierte freie Reichsstadt (…) schöner als Tübingen war“ (Seite 7), zeigen laut Auskunft des Autors alte Stadtansichten und Stiche. Doch nach dem großen Stadtbrand 1726 und dem 2. Weltkrieg war von dieser Pracht nicht mehr viel übrig. In den 50-er und 60-er Jahren entstanden Reihenhaus- und Arbeitersiedlungen und die geschäftliche Infrastruktur war so, wie wir Kinder der 60-er Jahre sie kennen: Es gab viele Einzelhändler und Handwerksbetreibe. Selbstbedienungsläden und Drogeriemarktketten hatten sich in Deutschland noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Im Zeithalter der allgegenwärtigen Handyshops empfindet man es schon als kurios, dass eine Industriestadt mit 60.000 Einwohnern nur einen einzigen „Händler für Fernsprecheinrichtungen“ hatte. Immerhin: Zwei Eisdielen gab’s.

Weil die wenigsten Leute des Englischen mächtig waren, musste das Haarwaschmittel „Eishampoo“ umbenannt werden. Die Kunden lasen nämlich „Eis-am-Po“ und hielten das Zeug vermutlich für ein Mittel gegen Hämorrhoiden. Was werden sie sich dann wohl unter After-Shave vorgestellt haben? Na ja, obwohl … eigentlich ist das Wort „After“ ist im Schwäbischen nicht gebräuchlich. Wir sind da weniger vornehm.

Das Milchauto brachte Molkereiprodukte und Eier bis vor die Haustür. Wenn der „Milcher“ mit der Messingglocke bimmelte, kamen die kittelbeschürzten Hausfrauen mit der Milchkanne angerannt, kauften ein und hielten ein Schwätzle.

Thomas Deuschle erzählt, wie es im Kindergarten war, als man die Erzieherinnen noch mit „Tante“ anredete, ein Vesper im Kinderschüles-Täschle mitbrachte und zur Schonung des Fußbodens Überschuhe aus Stoff mit Gummizug und Ledersohle trug. (Das war bei uns damals genauso. Daran hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht. Meine Mutter hat mir diese Überschuhe seinerzeit selbst geschneidert – aus beigefarbenem Kordsamt und mit Sohlen, die sie aus einer ausgedienten Aktenmappe ausgeschnitten hatte. Sparsam waren die Leute zu jener Zeit!)

Pädagogisch war man damals noch ziemlich rustikal unterwegs. Wenn man sich als Kind ungebührlich aufführte, gab’s Backpfeifen von der Kindergartentante und vereinzelt noch „Tatzen“ vom Grundschullehrer.

Erstaunlicherweise kann man sich auch nach 50 Jahren noch namentlich an die Handvoll Schulkameraden erinnern, die einer anderen Glaubensgemeinschaft oder Nationalität angehörten als die Mehrheit. Das geht sicher nicht nur dem Autor so. (Auf dem Dorf weiß man sogar noch, wessen Eltern geschieden waren.)

Die Bäckersfrau verkaufte in der Schulpause Wecken und Laugenbrezeln, und das Experiment mit den gesunden Vollkornbrötchen war geschmacklich wie wirtschaftlich ein Flop. Kinderfeste und Schulausflüge waren noch Glanzlichter im Jahreslauf, und manche Schulaufsätze über das schönste Ferienerlebnis wurden mit viel Phantasie aufgehübscht, weil man bei der Oma auf dem Land eben nichts wirklich Aufregendes erlebt hatte. Auslandsreisen waren noch eine Seltenheit und überwiegend den Fabrikantenkindern vorbehalten.

Mülltrennung war noch keine Wissenschaft für sich. Einmal die Woche wurde der verzinkte 30-Liter-Kuttereimer abgeholt, darüber hinaus gab es noch den Sperrmüll. Und das „Recycling“ besorgten die Lumpensammler, die mit Handkarren oder Auto durch die Straßen zogen und nach „Lomba, Alteise, Babier!“ riefen.

Kinderbücher, Fernsehprogramm, das Spielen im Freien, Familienfeste und Geburtstagsfeiern … das kennt man auch alles so wie Thomas Deuschle es hier erzählt. Und natürlich die Kehrwoche und das samstägliche Bad! Einkaufsbummel und Freibadbesuche, Tanzstunde, Kino- und Kneipenbesuche, Musik und Motorisierung … auch da hat man vieles ganz ähnlich in Erinnerung. Und wenn man die Archiv- und Privatfotos mit den Möbeln, Frisuren und Klamotten von damals betrachtet, ist der Rücksturz in die Vergangenheit sowieso perfekt.

Eine Zeitleiste, die in kurzen Absätzen beleuchtet, was 1960 bis 1969 in der Stadt, im Land und auf der Welt geschehen ist, hilft dem Gedächtnis zusätzlich auf die Sprünge und trägt dazu bei, die Ereignisse, über die Thomas Deuschle hier schreibt, zeitlich einzuordnen. SO WAR’S IN DEN 1960ERN ist ein informativer und unterhaltsamer Rückblick für Kinder dieser Zeit, vor allem, wenn diese im Schwabenland groß geworden sind.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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