Ulrike Renk: Liebe ist keine Primzahl – Jugendbuch, ab 14 J.

Ulrike Renk: Liebe ist keine Primzahl – Roman, Berlin 2014, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-86265-345-4, Softcover/Klappenbroschur, 305 Seiten, Format: 20,6 x 13,8 x 2,8 cm, EUR 14,95 (D).

Abbildung: © Schwarzkopf & Schwarzkopf
Abbildung: © Schwarzkopf & Schwarzkopf

„Eine Primzahl ist einsam, weil sie sich nur durch eins und sich selbst teilen kann. Deshalb ist Liebe keine Primzahl, denn die Grundlage der Liebe ist es, miteinander zu teilen.“ (Seite 305)

Als wäre das Leben in der Pubertät nicht schon kompliziert genug! Neben Hautproblemen, Schulsorgen, Zickenzoff und Liebeskummer hat die 15-jährige Vanessa „Nessie“ noch ein weiteres Päckchen zu tragen: Seit mehr als drei Jahren lebt sie allein mit ihrem Vater Bernd. Die einzige Familienangehörige, zu der sie sonst noch Kontakt hat, ist Oma Inge, Bernds Ziehmutter. Seit Vater und Tochter vor drei Jahren von Berlin nach Krefeld gezogen sind, lassen sie alle neuen Bekannten in dem Glauben, Nessies Mutter sei verstorben. Das ist einfacher und weniger schmerzhaft als zu erzählen, was wirklich passiert ist.

In ihrer Klassenkameradin Kim hat Nessie eine beste Freundin und Seelenverwandte gefunden und in deren Mutter Maria eine Art Ersatzmama. Verliebt ist Nessie in Lukas, befreundet ist sie mit dem Mathe-Nerd Finn, der uncoole Klamotten trägt, aber eine riesengroße, saucoole Familie hat. Als Rückzugsort dient ihm eine Hütte im Wald – und er kann sogar Himbeermarmelade einkochen. Natürlich alles streng öko, wie das bei ihm daheim Sitte ist.

Alles wäre soweit in Ordnung, würde Nessie nicht plötzlich von allen Seiten mit dem verhassten „Familiengedöns“ konfrontiert. Nicht genug damit, dass Papa Bernd sie zu einem Verwandtenbesuch nach Berlin mitschleppt und damit traumatische Erinnerungen weckt, er verliebt sich auch noch in Maria, die Mutter ihrer besten Freundin.

Maria als Kims Mutter ist in Ordnung, Maria als Geliebte des Vaters ist Kackmist im Quadrat. Nessie mag keine Veränderungen, die man ihr einfach ungefragt vorsetzt. Sie möchte ihren Vater nicht mit anderen Menschen teilen. Bei Maria und Kim sozusagen einen „Zweitwohnsitz“ zu haben, war optimal für sie. Wenn erst mal alle unter einem Dach wohnen, hat sie keinerlei Wahlmöglichkeit und keinen Rückzugsort mehr. Außerdem will sie nichts, was sich auch nur im Entferntesten nach „Familie“ anfühlt.

Nessies Leben scheint im Chaos zu versinken. Und manchmal versteht sie ihre eigenen Reaktionen nicht. Das einzige, was ihr Halt gibt, sind Zahlen. Mathematik ist eine exakte, verlässliche Wissenschaft, die streng logischen Gesetzen gehorcht: Was heute richtig ist, wird morgen auch noch richtig sein. Da ändert sich nichts über Nacht. Warum kann es im Leben nicht auch so wohlgeordnet und berechenbar zugehen wie in Nessies Lieblingsfach? Das würde so manches vereinfachen, aber so funktioniert es nun einmal nicht.

Schneller als erwartet müssen sich die beiden Teilfamilien zu einer richtigen Patchworkfamilie zusammenraufen. Neid, Eifersucht, Missverständnisse und unausgesprochene Erwartungen sorgen dafür, dass bald fürchterlich die Fetzen fliegen. Nessies Kumpel Finn bringt es in seiner nüchternen Art auf den Punkt: „Ich glaube, ihr müsst wirklich mal alle miteinander reden.“ (Seite 301). Kriegen die vier noch die Kurve, oder ist bereits alles zu spät?

Selbst als erwachsener Leser sieht man in diesem Buch die Welt schlagartig wieder mit Teenager-Augen. Eltern-Argumente wie: „Daran gewöhnst du dich. Du wirst sehen, das wird ganz toll!“ oder „Es ist doch nur vorübergehend. In drei Jahren bist du 18, dann gehst du sowieso deine eigenen Wege“ prallen ab. Für Teenager sind drei Jahre eine unüberschaubare Ewigkeit. Selbst eine Zeitspanne von zwei Wochen kann so empfunden werden. Das Leben ist JETZT IM AUGENBLICK unerträglich und deshalb muss SOFORT eine Lösung für das Problem her.

So hat man selber auch mal gedacht, und so empfindet Nessie. Auch der jugendlichen Zielgruppe wird das Gefühl vertraut sein, genau wie der Eindruck, den oft unverständlichen Entscheidungen der Erwachsenen wehrlos ausgeliefert zu sein. Trennung, Wohnortwechsel, neue Partnerschaft … all das geschieht, ohne dass man als Kind bzw. Teenager gefragt würde oder mitzureden hätte. Voraussehen oder nachvollziehen kann man als Jugendlicher die Entwicklungen in der Regel nicht. Man war ja noch nie zuvor erwachsen. Man kann herumzicken und seinen Unmut äußern, wird sich letzten Endes aber mit allem irgendwie arrangieren müssen. Und vielleicht ist manches wirklich nicht so übel wie man zunächst befürchtet hat. Diesen Erkenntnisprozess durchläuft Nessie gerade. Der Leser fühlt, lebt und leidet mit ihr – und nimmt vielleicht sogar ein bisschen mit von den Erfahrungen, die sie macht.

Wir begleiten hier sympathisch normale Helden durch nachvollziehbare Krisen. Nessies Probleme sind mitreißend geschildert und zeitlos. Doch ist es interessant zu sehen, dass ein Verlag heute offenbar nicht mehr auf einen „Jugendbuch-Klassiker“ in Form eines Longsellers spekuliert. In dem Buch werden knapp 30 Popsongs zitiert, die Nessie je nach Stimmung hört. Primzahlen, Pubertätsprobleme und Patchworkfamilien werden auch in 5 Jahren noch aktuell sein, doch die zitierten Musiker und ihre Songs kennt dann womöglich kein Mensch mehr. Um das Thema auch später noch bedienen zu können, braucht’s in ein paar Jahren ein neues Buch …

Die Autorin
Ulrike Renk wurde 1967 in Detmold geboren, inzwischen lebt sie jedoch in Krefeld, gemeinsam mit ihren vier Kindern und dem Rest der Familie. Sie hat bereits mehrere Krimis, historische Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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