Simone Dorra: Schierlingstod. Ein Reformationskrimi

Simone Dorra: Schierlingstod. Ein Reformationskrimi. Tübingen 2017, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2023-3, Softcover, 439 Seiten, Format: 12,1 x 3,2 x 19 cm, Buch: EUR 14,90, Kindle Edition: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Silberburg-Verlag

„Ihr seid mutig wie eine Löwin und klüger als ein Dutzend Gelehrter hinter ihren verstaubten Büchern. Ihr seid voller Liebe und gleichzeitig so hart und biegsam wie Damaszenerstahl.“ (Seite 367)

Württemberg 1550: Seit ihrer Kindheit lebt die Halbwaise Schwester Fidelitas, 26, im Kloster Frauenalb und hat sich fundierte Kenntnisse in Kräuter- und Heilkunde angeeignet. Deshalb wird sie auch als Pflegerin an die Gräfin Johanna von Eberstein ausgeliehen. Diese leidet an Gicht und die Wasserschierlings-Umschläge, die Fidelitas ihr macht, scheinen das einzige zu sein, das ihr hilft.

Die Gräfin ist eine ziemliche Giftspritze, die sich an keine medizinischen Anweisungen und Empfehlungen hält, und man hätte Schwester Fidelitas auch im Kloster sehr gut gebrauchen können. Aber die Nonnen haben keine Wahl: Die Grafen von Eberstein besitzen einen Teil der Vogtshoheit über das Kloster und unterstützen es nach Kräften.

Schwester Fidelitas muss auch mitfahren, als die Gräfin ohne ihren Mann von der Burg Neu-Eberstein in Gernsbach nach Cannstatt reist um sich mit ihrem jüngsten Sohn Bruno zu treffen. Die Familie hat dort ein Anwesen gemietet. Reisen ist gar nicht Fidelitas‘ Ding. Am liebsten würde sie ihr Kloster überhaupt nie verlassen. Und hätte man sie dort gelassen, wo sie sich wohlfühlt, wären ihr eine Menge Probleme erspart geblieben. So aber gerät sie mitten hinein in einen Mordfall und sogar selbst unter Verdacht.

Wer hat den jüngsten Grafensohn vergiftet?


Der 17jährige Grafensohn Bruno von Eberstein wird nach einem Streit mit seiner Mutter sterbend in seinem Zimmer aufgefunden. Mitnichten hat ihn ein plötzliches Fieber dahingerafft, wie die Bediensteten glauben. Fidelitas sieht auf den ersten Blick, dass er Junge vergiftet worden ist- mit Wasserschierling, also genau der Pflanze, mit der sie die Gräfin behandelt. An Fildelitas‘ Vorräten hat sich niemand vergriffen. Der Täter muss sich ausgekannt, die Pflanze selbst beschafft und dem Grafensohn verabreicht haben. Aber wer? Und warum? Niemand hatte einen Grund, den jungen Mann aus dem Weg zu räumen. Hat der Anschlag vielleicht jemand anderem gegolten? Wenn Bruno das falsche Opfer war, ist mit weiteren Mordversuchen zu rechnen.

Otto von Eberstein, einer von Brunos Brüdern, studiert in Tübingen und überredet Valentin Schmieder, einen Professor der protestantischen Theologie, mit nach Cannstatt zu kommen und – heute würden wir sagen: in dem Fall zu ermitteln.

Ein Protestant und eine Nonne ermitteln


Schmieder ist scharfsinnig und hartnäckig und hat schon einmal ein Verbrechen aufgeklärt. Zwar hält er die Mördersuche nicht für seine Kernkompetenz, aber er will es Otto zuliebe versuchen. Dass der Theologe ihrer Familie und ihren Bediensteten Fragen stellt, passt Gräfin Johanna überhaupt nicht. Aber besser er geht der Sache nach als die Obrigkeit. Einen Skandal zu vermeiden, hat für Johanna oberste Priorität.

Doch erst, als Schmieder aufhört, die kräuterkundige Schwester Fidelitas zu verdächtigen und sich mit ihr zu einem „Ermittlerteam“ zusammentut statt mit ihr nur über den wahren Glauben zu streiten, kommen sie einen Schritt weiter. Philipp, der älteste Sohn des Grafen und Erbe seines Titels, gerät ins Visier. Er steht seit 7 Jahren im Dienst von Kaiser Karl V. und ist zusammen mit dem spanischen Landsknecht Juan Alvarez nur auf der Durchreise. Philipp war eifersüchtig auf seinen jüngsten Bruder, der das Lieblingskind der Mutter war. Aber hat er ihn genügend gehasst, um ihn zu töten? Und steckt er auch hinter dem Anschlag auf den jungen Pferdeknecht Andres Häberlin? Diese Tat ist genauso rätselhaft wie der Mord an Bruno von Eberstein. Häberlin ist harmlos, unpolitisch und für keinen eine Bedrohung. Dass er mit Clarissa, der Zofe von Gräfin Johanna, liiert ist, wird ja wohl kaum das Mordmotiv sein.

Der Erbe ist verschwunden. Und die Nonne auch


Auf einmal ist Philipp von Eberstein verschwunden – und Schwester Fidelitas ebenfalls. Er dürfte sich freiwillig aus dem Staub gemacht habe, sie auf gar keinen Fall. Sie war nicht mal vollständig angekleidet, als sie verschwand. Teile ihres Habits liegen noch in ihrer Kammer.

Valentin Schmieder muss jetzt nicht nur zwei Mordanschläge aufklären, sondern auch noch zwei Vermisstenfälle. Hilfe bekommt er vom Landsknecht Juan Alvarez, der zwar nicht besonders vertrauenswürdigt ist, aber gerne wüsste, wo „Felipe“ geblieben ist. Und der eine Schwäche für die junge Nonne hat. War sie dem Mörder schon zu dicht auf den Fersen?

Auch wenn die Welt, nicht nur für den Klerus, durch die Reformation total aus den Fugen geraten ist, am Ende sind’s doch wieder Klassiker wie verletzte Gefühle, Liebe, Hass und Habgier, die die Menschen ins Verderben stürzen. Auch die Braven und Guten.

Schwester Fidelitas und Valentin Schmieder sind ein intelligentes, sympathisches und aufmerksames Ermittlerpaar. Stellenweise wird ihnen von den Nebenfiguren wie dem Pärchen Andres und Clarissa ein bisschen die Schau gestohlen. Und Juan Alvarez, den man erst nur als charmanten und ein wenig eitlen Spruchbeutel wahrnimmt, lässt, als es hart auf hart kommt, die Maske fallen und zeigt, war er wirklich ist: eine eiskalte und gnadenlose Kampfmaschine. Eine sehr interessante Figur!

Faszinierende Figuren, fiktiv und real


Den Roman bevölkern reale und fiktive Personen. Wer sich mit der Reformation nicht so rasend gut auskennt, wird für das Personenregister und das Glossar am Schluss des Buchs dankbar sein. (Es lohnt sich manchmal wirklich, erst nach dem Anhang Ausschau zu halten, ehe man zu lesen beginnt.) Hier sieht man nicht nur, wer wirklich gelebt hat und wer der Phantasie der Autorin entstammt, hier findet man auch wertvolle Erklärungen von Begriffen und historischen Zusammenhängen, die im Roman eine Rolle spielen. Man kann sogar ein paar Brocken Spanisch lernen und seine Lateinkenntnisse auffrischen. Meine reichen gerade noch so weit, um zu erkennen, dass die Nonne auf Seite 45 das Vaterunser mit der Doxologie betet. Ich dachte immer, der Satz „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen“ sei bei den Katholiken erst in 1970er Jahren an das Vaterunser drangeklebt worden. Aber ich habe diesbezüglich nur ein wenig belastbares Halbwissen.

SCHIERLINGSTOD bietet einen spannenden Kriminalfall, bei dem es viele Grauzonen zwischen Gut und Böse gibt, ungewöhnliche Ermittler sowie hochinteressante (Neben-)Figuren, eingebettet in ein faszinierendes, sorgfältig recherchiertes historisches Umfeld.

Die Autorin
Simone Dorra erblickte 1963 in Wuppertal das Licht der Welt und ist seit 1983 in Baden-Württemberg zu Hause. Die gelernte Buchhändlerin arbeitete zunächst in einem Stuttgarter Verlag und gestaltete dann als Sprecherin und Journalistin Radioprogramme für den Privatrundfunk. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Welzheim, wo sie heute als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung arbeitet.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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