Kriminalhauptkommissar Hans-Peter Schühlen: Stuttgarter Tatorte. Meine spektakulärsten Fälle

Kriminalhauptkommissar Hans-Peter Schühlen: Stuttgarter Tatorte. Meine spektakulärsten Fälle, Tübingen 2017, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2012-7, Hardcover, 191 Seiten mit zahlreichen Abbildungen in Farbe und s/w, Format: 14,9 x 2 x 21,6 cm, Buch: EUR 19,90.

Abbildung: (c) Silberburg-Verlag

Für (Regional-)Krimis habe ich etwas übrig, für Geschichten aus anderer Leute Berufsleben ebenso. Da lag es nahe, bei einem Buch zuzugreifen, in dem ein ehemaliger Kriminalkommissar aus Stuttgart über die interessantesten Fälle aus seiner 40jährigen Laufbahn berichtet.

Dass es in dem Buch so zugeht wie bei vielen Fernsehkrimis, darf man natürlich nicht erwarten. Den Zahn zieht uns der Autor gleich im Vorwort: „Auf wilde Verfolgungsfahrten und explodierende Fahrzeuge werden Sie bei der Lektüre dieses Buches nicht stoßen. Ich muss Sie auch enttäuschen, wenn Sie erwarten, die Erlebnisse eines Stuttgarter Schimanskis vorzufinden.“ (Seite 7)

40 Jahre bei der Kripo – ein Kommissar erzählt


Unter den hunderten von Tötungsdelikten und Brandfällen, die Schühlen im Lauf seines Berufslebens bearbeitet hat, sind zwar einige Fälle, die mindestens so spektakulär sind wie das, was sie uns immer sonntags im TATORT zeigen, aber die Arbeit, aber die Arbeit der ermittelnden Beamten ist von Action und Glamour ziemlich weit entfernt. In Romanen und Drehbüchern muss man die realen Abläufe zwangsweise verkürzen, aufhübschen und zuspitzen, weil es sonst für den Leser bzw. Zuschauer zu unübersichtlich und langatmig wäre.

Auch in diesem Buch bekommt der Leser nur eine Ultrakurzfassung der Geschehnisse präsentiert. Anders könnte man auch keine rund zwanzig Fälle in unterschiedlicher Ausführlichkeit vorstellen. Dennoch erhalten wir ein gutes Bild davon, wie bei den Ermittlungen ein Rädchen ins andere greifen muss, damit der Fall schließlich aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können. Da ist wirklich kein Platz für Egotrips und heroische Alleingänge!

Der erste Fall, den er ausführlich schildert, bietet bei aller Tragik auch Grund zum Schmunzeln. Um die gut betuchten und regional prominenten Freier einer ermordeten Prostituierten nicht gleich zu verschrecken, steht in der schriftlichen Vorladung nur etwas von einem „Verkehrsdelikt“. Dass dieser Verkehr nichts mit Autos zu tun hat, erfahren die Herren beim Gespräch auf der Dienststelle früh genug. Einer aber kommt mit seiner Ehefrau im Schlepptau zur Befragung und Schühlen hat alle Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass es besser für ihn wäre, das Gespräch nicht im Beisein seiner Gattin zu führen. Das hat er dann schließlich auch eingesehen …

Die Todesnacht von Stammheim


Alles andere als eine Lokalposse war der Selbstmord, bzw. Selbstmordversuch, der RAF-Terroristen Baader, Ensslin, Raspe und Möller in der Justizvollzugsanstalt Stammheim im Jahr 1977. War es wirklich Suizid oder ist von einer Fremdeinwirkung auszugehen? Wie konnten scharfe Schusswaffen in das angeblich sicherste Gefängnis Deutschlands gelangen? Und woher wussten die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe trotz der verhängten Kontaktsperre von der Geiselbefreiung in Mogadischu? Horrornachrichten und Skandale in Hülle und Fülle!

Ob ein Mord vor oder nach Mitternacht stattgefunden hat, ist in einem anderen Fall entscheidend für den Täter, denn die Frage ist: Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht? – Was bitte hat jemand davon nachts durch Feuerbach zu ziehen und Kleinwagen einer bestimmten Marke anzuzünden? Schühlen nimmt sich die bekannten Serienbrandstifter vor und hat da so eine Idee. – Bei einem zunächst unklaren Todesfall auf dem Cannstatter Volksfest im Jahr 1980 möchte man als Leser am liebsten die pietätlosen Schaulästigen verhaften. Dieses Problem ist definitiv nicht erst mit den Handys und der Digitalfotografie aufgekommen.

Mord und Brandstiftung, Geiselnahme und Auftragskiller – man glaubt gar nicht, was in der immer als so bieder verschrienen Region rund um Stuttgart so alles passiert! Und wir Leser sind bei der Aufklärung der Fälle dabei. In diesem Umfeld mutet der Fall eines Kleinganoven, der Waffen aus dem Balkan verscherbelt, direkt wie Kinderkram an. Aber das Kapitel hat eine Pointe, die sich zu lesen lohnt. Also nicht nur überfliegen!

Der Katakomben-Kommissar und die Cold Cases


Im Jahr 2004 wird Hans-Peter-Schühlen dann zum „Katakomben-Kommissar“, zuständig für ungeklärte Altfälle, auf Neudeutsch: „Cold Cases“. Dank moderner Technik lässt sich ja heute viele aufklären, was vor Jahrzehnten noch nicht möglich war. Da gibt’s die DNA-Analyse, Fortschritte bei der Fingerabdruck-Erkennung, Datenbanken und vieles andere mehr. Mord verjährt nicht, und so klicken tatsächlich in manchen Fällen 15, 20 und gar 30 Jahre nach der dem Verbrechen noch die Handschellen. Pardon: Handschließen. So nennt sie der Autor, und der muss es ja wissen.

Nicht alle Fälle fand ich gleichermaßen spannend. Vielleicht liegt es auch an der Erzählweise. Wenn aus rechtlichen Gründen sämtliche Nachnamen nach dem ersten Buchstaben abgekürzt werden müssen, verliert man bei so komplexen und personenreichen Geschehnissen wie im Kapitel MORDKOMMANDO AUS HAMBURG (Seite 91 ff.) schnell den Überblick. Da heißen gleich mehrere Personen „H.“, und irgendwann wusste ich nicht mehr, wer mit wem verheiratet war und wer auf wen geschossen hat. Egal. Interessante Einblicke in die realen Ermittlungsarbeiten gibt jeder der Fälle.

Keine Krimis – Reportagen!


Wer mit den polizeispezifischen Abkürzungen ins Schleudern kommt, dem hilft das Glossar auf Seite 191. Vieles kennt man ja schon aus Krimis und den Medien, aber eben nicht alles. Wie gesagt: Kurzkrimis bietet das Buch nicht. Es sind eher Kurzreportagen über besondere Kriminalfälle aus dem Stuttgarter Raum.

Nach 40 Jahren bei der Kripo hat der Autor einiges zu erzählen. Und auch nach seiner Pensionierung hat ihn die Arbeit nicht so recht losgelassen. Er hat das Polizeimuseum in Stuttgart mit aufgebaut und jetzt dieses Buch geschrieben. Dabei wollte er ursprünglich gar nicht Polizist werden, er hatte ganz andere Pläne. Davon erzählt er uns im Buch. In seinen Beruf ist er durch puren Zufall hineingeraten. Und offensichtlich war das genau richtig so.

Der Autor
Kriminalhauptkommissar Hans-Peter Schühlen, Jahrgang 1952, ist in Sindelfingen-Maichingen aufgewachsen und lebt in Weil der Stadt. 1974 wurde er als Kriminalanwärter bei der Stuttgarter Kripo eingestellt, wo er über 40 Jahre tätig war. Nach seiner Laufbahn war er federführend am Aufbau des Polizeimuseums Stuttgart beteiligt. Wenn der Globetrotter nicht auf Reisen ist, organisiert er in seiner Freizeit Krimi- Führungen durch Stuttgart.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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