Ben Aaronovitch: Der Galgen von Tyburn. Roman

Ben Aaronovitch: Der Galgen von Tyburn, Roman, OT: The Hanging Tree, aus dem Englischen von Christine Blum, München 2017, dtv, ISBN 978-3-423-21668-5, Softcover, 412 Seiten, Format: 2,1 x 2,9 x 19,2 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle-Edition: EUR 8,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) dtv

Das ist der sechste Band um die Londoner Magiepolizeieinheit „Folly“ und Constable Peter Grant, dem niemand an der Wiege gesungen hat, dass er mal zaubern lernen muss um in Fällen von „abstrusem Sch**ß“ (Polizeijargon) ermitteln zu können. Hier ist wieder deutlich mehr los als in Band fünf, der so ein bisschen Sommerloch-Charakter hatte.

Als Einstiegsband für Serienneulinge eignet sich DER GALGEN VON TYBURN nicht. Die Geschichte ist äußerst personalintensiv mit leichtem Hang zur Unübersichtlichkeit. Und es wird vieles als bekannt vorausgesetzt, was Neueinsteiger gar nicht wissen können. Selbst altgediente Peter-Grant-Fans, die sämtliche vorangegangenen Bände gründlich gelesen haben, kommen hier manchmal ins Schleudern. Wer war das? Wie war das? Eine leichte Überforderung gehört bei dieser Serie irgendwie dazu.

Nachdem die Helden im letzten Band ihre Zeit auf dem Land verdaddelt haben, geht es jetzt endlich weiter auf der Suche nach dem gefährlichen Gesichtslosen Magier. Auch die abtrünnige Polizistin Lesley May taucht wieder auf. Die zwei hatten ja in Band 5 leider Sendepause. Und dabei ist es ja genau dieser Handlungsstrang, der die Reihe vorwärtstreibt. Er ist das Kernthema!

Die Drogentote war eine Magierin


Darum geht’s in diesem Band: Bei einer Drogenparty in einer leerstehenden Luxuswohnung hat es eine Tote gegeben: Christina Chorley. Das läge nicht im Zuständigkeitsbereich des Folly, aber Peter Grant schuldet der Flussgöttin Tyburn – Cecelia McAllister-Thames, wie sie ihrer menschlich-bürgerlichen Gestalt heißt – einen Gefallen, den die Göttin nun einfordert. Ihre siebzehnjährige Tochter Olivia war bei der Party dabei, und Peter soll sie aus den Ermittlungen raushalten. Doch die Jugendliche stellt sich beim Gespräch mit der Polizei derart dusselig an, dass Peters Kollegin Sahra Guleed nichts anderes übrigbleibt, als sie zu verhaften. Die Göttin ist darüber derart aufgebracht, dass Peter schon befürchtet, sie würde aus lauter Wut eine Hochwasserkatastrophe auslösen. Das bringt sie fertig. Er kennt die Flussgöttinnen gut genug – es lebt mit einer von Tyburns Schwestern zusammen, Beverley Brook.

Bei der Autopsie stellt sich heraus, die Sache doch in Peters Bereich fällt: Christina Chorley ist nicht an einer Überdosis Drogen gestorben, sondern an einer Gehirnblutung, wie sie sich nur praktizierende Magier zuziehen, die keine fundierte Ausbildung genossen haben. Sie muss also eine unautorisierte Magierin gewesen sein. Und sie ist nicht die einzige. Unter den Reichen und Schönen scheint es einen regelrechten Hexenzirkel zu geben. Lauter illegal praktizierende Frauen. Lady Caroline (…) Linden-Limmer und ihre Mutter, Lady Helena, machen gar keinen Hehl daraus, dass sie zaubern und ihre Kunst seit Generationen von Mutter zu Tochter weitergegeben wird.

Illegale Zauberer und grausige Morde


Na, klasse! Es gibt also nicht nur den Dining-Club „Little Crocodiles“ in Oxford, der aus nicht-autorisierten männlichen Zauberern besteht, es gibt auch noch ein weibliches Pendant dazu! Peter Grant, und sein Chef, der merkwürdig alterslose Detective Inspector Thomas Nightingale, sind beunruhigt. Und sie haben allen Grund dazu – es kommt zu weiteren ungewöhnlichen Todesfällen.

In der Demi-monde, der Welt der magischen Wesen, geschehen derzeit noch mehr Dinge, die Anlass zur Sorge geben: Reynard Fossman, ein Kleinganove, der zumindest teilweise ein Fae ist, bietet auf einmal wertvolle antike Bücher über Magie und seltene Artefakte zum Kauf an. Wo hat er die her? Das ist doch heiße Ware! Seine Offerte ruft diverse Kaufinteressenten auf den Plan. Nicht nur das Folly möchte die Gegenstände gerne haben, auch der Hexenzirkel – und die Amerikaner. Dort scheint es tatsächlich auch sowas wie eine Magiepolizei zu geben. Nur führen sich deren Vertreter in London auf wie die Axt im Walde.

Und dann ist da noch Lesley May, Peters Ex-Kollegin, die nach einem Magie-Unfall schrecklich entstellt war und sich in Hoffnung auf Heilung auf die Seite des Gesichtslosen Magiers geschlagen hat. Sie ist wieder da, und ihre Rechnung scheint aufgegangen zu sein. Was hat sie mit all den Ereignissen zu tun? Sie scheint immer dann aufzutauchen, wenn es gilt, die Polizei von einem Vorfall abzulenken.

Ein Kleinganove mit gefährlich heißer Ware


Weil sich die DrahtzieherInnen in der Demi-monde untereinander kennen und auf vielfältige Art privat und beruflich miteinander verbandelt sind, ist irgendwann gar nicht mehr so klar, in welcher Angelgenheit das Folly eigentlich ermittelt. Geht’s noch um den Tod von Christina? Um die mysteriösen Mordfälle in ihrem Umfeld? Oder geht es um Reynard Fossmans gefährliche Geschäfte? Die Polizisten hasten ohne großen Plan von Hinweis zu Hinweis und enthüllen eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen. Und sie verursachen auch wieder sagenhafte Sachschäden. Das Folly muss gut versichert sein.

Die Fälle hängen zusammen … irgendwie


Was wird hier eigentlich gespielt? Zieht jemand durch die Stadt und rächt Christina Chorleys Tod? Oder schaltet einer die Mit-Interessenten an Reynard Fossmans magischem Diebesgut aus? Und wie hängt der Gesichtslose da mit drin?

Der Leser ist diesbezüglich nicht schlauer als Peter und seine Kollegen. Eher im Gegenteil! Entweder ist man dauernd am Zurückblättern (Wen haben die ermordet? Nie gehört! War das einer der Partygäste? Und die Lady, ist das jetzt die lesbische Freundin oder die andere?), oder man sagt sich irgendwann: „Pfeif drauf! Ich hab keine Ahnung, wer hier mit wem … ich lasse mich einfach mit Peter durch die Geschichte treiben und hoffe, dass sie irgendwann den Gesichtslosen schnappen.

Das nun nicht. Sonst wäre die Serie ja zu Ende. Aber am Schluss glauben sie tatsächlich zu wissen, wer der Gesichtslose ist. Peters Erzfeind bekommt einen Namen und ein Gesicht. Aber so ganz traue ich dem Frieden noch nicht. Im nächsten Band kann alles schon wieder ganz anders sein.

Wenn man eine Göttin liebt …


Wenigstens privat sieht Peter jetzt um einiges klarer: Die Flussgöttinnen missbilligen seine Beziehung zu Beverley Brook nicht etwas deshalb, weil er ihnen nicht gut genug ist. Sie sind in ihren menschlichen Gestalten ja selber afrikanischer Herkunft und stammen aus einfachen Verhältnissen. Da stört es sie nicht, dass er der Sohn eines mäßig erfolgreichen weißen Jazzmusikers und einer Putzfrau aus Sierra Leone ist. Sie wollen ihrer Schwester Leid ersparen. Die Göttinnen sind unsterblich, ihre menschlichen Partner und die Kinder aus diesen Beziehungen sind es nicht.

Ja, das ist natürlich ein Problem. Wäre aber verflixt schade, wenn es für Peter und Bev nun keine gemeinsame Zukunft gäbe. In einer Welt voller Magie wird es doch aber auch eine Methode geben, Beverley menschlich zu machen. Oder Peter unsterblich. Sein Chef ist es doch auch. Oder nicht?

Schräg, skurril, witzig – ich folge Peter Grant immer noch gerne durchs magische London und amüsiere mich über seine permanent abschweifenden Gedanken und seine bisweilen ganz schön bissigen Kommentare. So brüllkomisch wie am Anfang finde ich die Reihe mittlerweile nicht mehr. Es ist ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten. Und die Story vom Gesichtslosen Magier kann man auch nicht ins Unendliche dehnen. Jetzt wird es dann Zeit, dass sein Masterplan enthüllt und – hoffentlich – vereitelt wird.

Der Autor
Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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