Jörg Zittlau: Leg dich nicht mit Krähen an! Wie Mensch und Tier zusammenleben können

Jörg Zittlau: Leg dich nicht mit Krähen an! Wie Mensch und Tier zusammenleben können, Berlin 2017, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3293-3, Softcover, 247 Seiten, Format: 11,6 x 2,2 x 19 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

„Nicht der Stärkste überlebt, sondern derjenige, der am besten angepasst ist. Nicht umsonst verschwanden die Dinosaurier von der Bildfläche. Denn sie waren zwar stark, doch völlig überfordert, als sich auf der Erde (…) plötzlich die Umweltbedingungen änderten.“ (Seite 18)

„Wie die Tierwelt zurückschlägt“ lautete ursprünglich der Untertitel des Buchs. Das ist zwar reißerisch, weswegen man diese Formulierung auch verworfen haben mag, trifft aber den Kern der Sache: Der Mensch greift mehr und mehr in den Lebensraum der Tiere ein und die passen sich an – nicht immer zur Freude der Menschen.

Wir nehmen den Tieren Lebensraum


Wir verschmutzen die Meere und verursachen einen Klimawandel. Das hat innerhalb der letzten 40 Jahre allein zu Wasser den Bestand von 1.200 Wirbeltierarten halbiert. Aber es gibt auch Gewinner: Kraken, Kalmaren und Quallen geht es so gut wie nie. Quallen in rauen Mengen sorgen nicht nur dafür, dass sich mancherorts Touristen nicht mehr ins Wasser trauen, sie können auch ganze Ozeane in „eintönige Glibber-Suppen“ (Seite 39) verwandeln, weil manche Arten sich von Fischeiern, Fischlarven und kleinen Fischen ernähren. Wenn’s dumm läuft, bleiben in den Meeren am Schluss nur noch Quallen und Plankton übrig.

Tiere werden zu Kulturfolgern


Wir bewirtschaften Felder im bisherigen Lebensraum von Vögeln, Insekten oder pflanzenfressenden Säugetieren wie Elefanten, Büffeln, Rehen, Hirschen, Affen … Sie betrachten „unsere“ Feldfrüchte als leicht verfügbare Nahrungsquellen und bedienen sich selbst. Es kommt zu Konflikten.

Wir halten Nutztiere und produzieren jede Menge organischen Müll. Das lockt Raubtiere an und weckt das Interesse von Wanzen, Kakerlaken, Ratten, Krähen, Möwen, Geiern und anderem Getier, das von frischer Nahrung eine andere Vorstellung hat als wir.

Warum Tötungsaktionen nichts bringen


Wir lassen Haustiere verwildern und bekommen ein Problem mit Kolonien wilder Katzen und Hunde. Kastrationsprogramme helfen nur dann, wenn man wirklich einen hohen Prozentsatz der Population erwischt und nicht ständig neue fortpflanzungsfähige Tiere nachwandern. Also eher selten. Auch groß angelegte Tötungsaktionen bringen nichts, weil sich die Lücke umgehend wieder schließt. 1. wandern Tiere aus der Umgebung nach und 2. vermehren sich die übriggebliebenen Tiere verstärkt, um den Verlust auszugleichen. Erschwerend kommt hinzu, dass es oft die klügsten Exemplare schaffen, der Tötungsaktion zu entgehen. Und was hat man dann, wenn ausgerechnet diese sich anschließend explosionsartig vermehren? Genau! Eine noch schlauere und anpassungsfähigere „Plage“. Das ist ein Szenario wie aus einem Horrorfilm.

Wie sich intelligente Tiere an ein Leben in eine von Menschen gemachte Umgebung anpassen können, sieht man sehr schön am Beispiel der Straßenhunde von Moskau. (Seite 55 ff.)

Die Schimpansen schlagen zurück


Schimpansen sind nicht nur die niedlichen „Cheetahs“, „Judys“ und „Charlies“ aus dem Fernsehen. Sie gehen auch auf Menschenkinder los. In Afrika kursiert nicht umsonst der Begriff „Killer-Chimp“.

Auch wenn Schimpansen den Bauern den illegal gebrannten Bananenschnaps wegsaufen und dann marodierend durch die Dörfer ziehen – der Alkohol allein ist nicht das Problem. „Einige Wissenschaftler vermuten, dass die Affen, weil der Mensch ihre Wälder rodet und ihnen dadurch die natürlichen Nahrungsressourcen raubt, vom Vegetarier zunehmend zum Fleischfresser geworden sind und dadurch auch kleine, wehrlose Menschen auf ihren Speiseplan gesetzt haben.“ (Seite 125) – „‚Normalerweise sieht man keine Schimpansen, die Dörfer überfallen und Kinder entführen’, betont Doug Cress von (…) der größten afrikanischen Naturschutzorganisation. ‚Der Mensch hat den Krieg begonnen und die Schimpansen schlagen zurück.’“ (Seite 127)

Teamwork bei den Wanderratten


Keinesfalls unterschätzen sollte man die Intelligenz der Wanderraten. Die sind ausnehmend clever, verhalten sich sogar solidarisch, wenn sie keinen unmittelbaren Nutzen davon haben und helfen einander nicht nur in höchster Not, sondern sogar in Alltagsangelegenheiten. Wie sie mittels ausgeklügelten Teamworks mit schöner Regelmäßigkeit Hühnereier aus einem Geflügelmarkt in Manhattan geklaut haben, das ist einfach unfassbar! (137/138).

Diese schlauen und widerstandsfähigen Tiere haben es sogar geschafft, eine ganze Insel im südöstlichen Pazifik unter Kontrolle zu bringen.

Neozoen: tierische Invasoren


Als ganz blöde Idee hat es sich erwiesen, zur Tiere aus anderen Ländern zu importieren und auswildern. Das hat fast immer das gesamte Ökosystem durcheinandergebracht. Die Aga-Kröten, die australische Zuckerrohrfarmer in den 1930er-Jahren aus Venezuela ins Land geholt hatten, um damit einer Käferplage Herr zu werden, haben sich lieber an leichter zugängliche Nahrungsquellen gehalten und sind selbst zur Plage geworden. Natürliche Feinde haben sie nicht, und sie passen sich immer besser an den australischen Lebensraum an. Vielleicht findet man sie bald nicht nur an den Küsten, sondern auch weiter im Landesinneren. Hier hat man wahrlich den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben

Kaninchen sowie große Invasoren wie Wasserbüffel, Dromedare, Esel und Wildschweine fressen den einheimischen Tieren das ohnehin nicht so üppige Grünfutter weg. In Neuseeland stehen 1790 eingeborenen Tierarten bereits 1570 „Aliens“ gegenüber. Dem Wappentier des Landes, dem Kiwi, haben räuberische Zuwanderer so gut wie den Garaus gemacht.

In den USA wurde der Star, Sturnus vulgaris, zur Plage. „Ein Millionen-Heer der Vögel schaffte es sogar einmal, zwanzig Tonnen Kartoffeln zu fressen. An einem einzigen Tag!“ (Seite 167)

Die Gewinner von Müllbergen und Klimawandel


Wenn Kraken, Wale, Haie und ein paar Vogelarten vom Klimawandel und den Müllbergen profitieren, fein. Aber es gibt auch Profiteure, die ziemlich unangenehm werden können. Was der Autor über Ameisen-Superkolonien in Süddeutschland erzählt, ist durchaus beängstigend. Gut, die Bisse dieser Ameisen sind nicht tödlich. Da gibt’s in anderen Ländern ganz andere Kaliber.

In Kanada freut sich der Borkenkäfer über längere Wärmeperioden und vernichtet noch mehr Bäume. In Deutschland plagt uns die Gespinstmotte, der Rapskäfer und auch die Zecke ist dank milder Winter nunmehr ganzjährig aktiv, wodurch die Infektionsquote steigt (Borreliose, FSME). Heuschreckenplagen kennt man schon aus der Bibel, aber die Heftigkeit, mit der sie zuschlagen, ist neu. Auch die Anophelesmücke – und damit die Malaria – breitet sich aufgrund der Temperaturerhöhungen in immer neue Regionen aus. Mindestens ebenso problematisch ist die Tigermücke, die nicht nur Gelb- und Dengue-Fieber, sondern auch die gefürchtete Zica-Erkrankung überträgt. Während wir uns in den Medien über einzelne Luchse, Wölfe und einen „Problembären“ aufregen, kommt eine viel größere Gefahr in ganz kleiner Gestalt daher.

Und was machen wir jetzt?


Setzen wir uns jetzt hin und warten darauf, dass die Ratten und Kakerlaken die Weltherrschaft übernehmen? Können wir überhaupt noch etwas tun? Es sieht ja irgendwie nicht gut aus:

  • Radikale Vernichtungsmaßnahmen sind zwecklos, wie wir gesehen haben.
  • Die Konflikte mit den Tieren sind da, weil sich unsere Lebensräume überschneiden.
  • Neozoen kann man nicht einfach ausweisen oder abschieben. In Zeiten des globalen Tourismus und Handels sowie des Klimawandels ist eine Migration der Tiere nicht zu verhindern.

Wenn es Tieren als Kulturfolger besser geht als in ihrer ursprünglichen Heimat, werden sie sich nicht ohne weiteres wieder aus unserer Nähe vertreiben lassen. „Wer nicht will, dass Tiere sich an Orten ansiedeln, wo man sie nicht haben will, muss diese unattraktiv für Zuzügler machen. Und stattdessen die Attraktivität jener Orte erhöhen, wo man sie haben will. Es geht also um den richtigen Komfort-Abschreckungs-Mix“ (Seite 235), ist das Fazit des Autors. Er führt auch näher aus, wie er sich das vorstellt, und es klingt nach mächtig viel Aufwand.

Die Probleme hat Jörg Zittlau umfassend, einleuchtend und unterhaltsam-flapsig benannt. Hunde, Affen und Elefanten sind natürlich interessanter und attraktiver als all das Glibber- und Krabbelzeugs von dem eine flächendeckende Gefahr ausgeht. Das mag der Grund dafür sein, dass dramatischen Einzelschicksalen (Hunde in Moskau, der Makake Alphie, Killer-Chimps) relativ viel Raum gegeben wird. Das Buch gewinnt dadurch zweifellos an Unterhaltungswert, man liest es gern, und es bleibt auch Wissen hängen. Hier wird die Information also klug an die Frau und an den Mann gebracht.

Klammheimlich hofft man ja, dass der Autor für etwas, das seit Generationen schief läuft, nun eine genial einfache Lösung aus dem Hut zaubert. Dass das nicht geht, ahnt man freilich schon. Wir werden uns selbst bemühen und engagieren müssen.

Der Autor
Jörg Zittlau studierte Philosophie und Biologie. Er arbeitet als Wissenschaftsjournalist, unter anderem für „bild der wissenschaft“, „Psychologie heute“ und „Die Welt“. Aus seiner Feder stammen über sechzig Bücher, die in insgesamt zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt als freier Autor in Bremen. Mit dem Neurobiologen Niels Birbaumer schrieb er den Bestseller »Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst« – das Buch wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres gewählt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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