Frau Olga schläft im Kleiderschrank

Es ist schon Routine für alle Beteiligten: Zweimal im Jahr kommen unsere zwei ’žUrlaubskatzen’œ. Während mein Kollege und seine Frau sich im sonnigen Süden oder im hohen Norden vom anstrengenden Arbeitsalltag erholen, machen sich ihre beiden Britisch-Kurzhaar-Katzen, Olga und Ivan, ein paar schöne Tage bei uns auf dem Land.

Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz

Ivan und Olga haben schon regelrechte Fans bei uns in der Nachbarschaft. ’žWann kommen denn eure Gastkatzen wieder?’œ, werden wir gefragt. Es sind aber auch beeindruckende Tiere: groß, stämmig und plüschig. Ivan ist schneeweiß und hat himmelblaue Augen und OIga ist schwarz wie die Nacht. So ein Katzenpaar sieht man nicht alle Tage.

Kommt mein Kollege mal zu uns, ohne dass er seine Tiere dabei hat, scheinen sich unsere Maine-Coon-Kater, der graue Cooniebert und der rote Yannick, immer ein wenig zu wundern. Sie schauen ihn mit großen Augen an und fragen sich vermutlich, ob er nicht das Wichtigste zu Hause vergessen hat: Ivan und Olga.

Ivan und unser Cooniebert sind nahezu gleich alt und kennen einander von Kätzchenbeinen an. Olga kommt erst seit einem Jahr zu uns. Sie hatte davor eine andere Urlaubspflegestelle. Kater Yannick, unser Jüngster, ist mit der Tatsache, dass wir vierbeinige Urlaubsgäste haben, aufgewachsen. Für ihn ist das normal. Die Coonies sind sowieso sehr gastfreundlich und sozial. Ich glaube, sie mögen es, wenn dann und wann so richtig Remmidemmi in der Bude ist. Und so klappt das mit dem vorübergehenden Multikatzenhaushalt recht gut.

Schau-Knurren für die Menschen

Im Lauf der Zeit hat sich ein regelrechtes Ankunftsritual eingebürgert. Die Katzenübergabe läuft immer gleich ab: Solange mein Kollege und seine Frau noch im Haus sind, sitzen Ivan und Olga finster knurrend in ihren Transportboxen, neugierig beschnuppert und beäugt von unseren beiden Coonies.

Man könnte meinen, das sei ein reines Schau-Knurren, ihren Menschen zuliebe. Um ihnen mitzuteilen: ’žHört mal, uns fällt die Trennung auch nicht leicht.’œ Doch kaum haben sich die angestammten Dosenöffner verabschiedet, zischt Ivan aus seiner Box, schießt wie eine weiße Kanonenkugel auf den Balkon-Kratzbaum zu und besetzt dessen oberste Plattform. Für die Dauer seines Besuchs werden alle anderen Katzen für diesen Ausguck ganz schlechte Karten haben. Das ist sein Platz, und den wird er notfalls mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Olga begibt sich schnurstracks ins Büro und legt sich erst mal hinter den Schreibtisch, in ihr geliebtes ’žOlga-Eck’œ.

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Das morgendliche Fütterungsritual ist ein Kapitel für sich. Dass ich die Herrin der Dosen bin, das haben alle schnell kapiert. Gehe ich in aller Frühe in die Küche, habe ich eine Katzenkarawane an den Fersen kleben. Einer marschiert hinter dem anderen her ’“ wie die Raupen des Eichenprozessionsspinners.

Jetzt wäre es natürlich praktisch, wenn ich die Näpfe in einer Reihe aufbauen und alle Katzen miteinander abfüttern könnte. Das geht nicht. Olga bekommt Medikamente. Und unsere Tiere sind ein anderes Futter gewöhnt als die Gäste. Außerdem sind die Coonies beim Fressen immer die ersten. Sie postieren sich breit und bräsig vor, und wenn es sein muss, über den Näpfen und lassen den anderen keine Chance.

Also gibt es drei Futterplätze: Den Coonies wird ihr Essen, wie gewohnt, in der Küche serviert, Ivan bekommt sein Frühstück auf dem Balkon und Olga im Büro. Dumm nur, dass die Gastkatzen so früh am Morgen keinen Hunger haben. Sie schubsen ihr Futter ein bisschen im Napf hin und her und laufen wieder weg. Und das Futter der Gäste landet im Magen der Coonies. Dafür gehen die Gastkatzen dann in im Lauf des Morgens die Küche und fressen das Futter von Cooniebert und Yannick.

Nach ein paar Tagen gebe ich regelmäßig den Versuch mit den verschiedenen Futtersorten auf: Ich versorge Olga mit ihrer Medizin, und dann kriegt jedes der Tiere das gleiche Futter in den Napf gelöffelt. An einem Tag unsere Hausmarke, am nächsten Tag das Futter, das mein Kollege mitgebracht hat.

Während die drei Katern wie die wilde Jagd durch die Wohnung flitzen und ’žFutternapf-Zirkeltraining’œ betreiben, hat Olga das System durchschaut. Sie bleibt gemütlich mampfend in der Küche sitzen. Sollen die Katern doch herumsausen und probieren, aus welchem Napf es heute am besten schmeckt: Sie hat gesehen, dass alles aus ein und derselben Dose kommt und dass sich das Herumprobieren folglich nicht lohnt. Das Frühstück schmeckt auf dem Balkon oder im Büro ganz genau so wie hier in der Küche.

Ganz schön helle, die kleine Schwarze!

Frau Olga schläft im Kleiderschrank

Die Verteilung der Ruheplätze geht gleichfalls meist friedlich vonstatten. Die Kater-Gang schläft entweder komplett auf meinem Bett oder jeder sucht sich ein Körbchen, von denen eine ausreichende Anzahl in der Wohnung herumsteht. Ivan darf sich sogar in Coonieberts persönlichen Wäschekorb legen. Ich hoffe, er weiß das zu schätzen.

Olga hat bei ihrem letzten Besuch im Frühjahr ein besonderes Plätzchen für ihre Nachtruhe entdeckt: Die ersten paar Tage dachte ich, sie schläft im ’žOlga-Eck’œ, also hinter dem Schreibtisch. Bis ich sie eines Morgens elegant wie eine Hollywood-Diva aus dem Kleiderschrank steigen sehe. Zielsicher hat sie die eine Schranktür gefunden, die nicht mehr zuverlässig schließt und mit einem gezielten Krallengriff zu öffnen ist. Genau dort hat sie sich gemütlich zwischen Jeans und Pullover gekuschelt, perfekt getarnt durch ihr nachtschwarzes Plüschfell. Durch diese Aktion haben ein paar Kleidungsstücke eine aparte Plüsch-Applikation bekommen, aber was soll’™s? So ist das eben in einem Katzenhaushalt. Da wachsen den Hemden und Pullovern Haare.

Das Sofa im Wohnzimmer hat Olga nun auch für sich entdeckt. Dort hält sie ihren Mittagsschlaf. Und das bitteschön alleine. Männer, egal ob zwei- oder vierbeinig, kommen ihr nicht auf die Couch. Schon gar nicht, wenn sie ihr das Fell kraulen, oder ihr, wie Cooniebert, den Kopf putzen wollen. Sie legt die Ohren an, macht ein bitterböses Gesicht, faucht und fährt die Krallen aus. Mich, die Herrin der Futterdosen, duldet sie gnädig, ich darf mich zu ihr auf mein Sofa setzen. Nur wenn sie anderweitig beschäftigt ist, können auch die männlichen Mitbewohner das Möbelstück nutzen. Und das tun sie auch. Cooniebert liebt das Sofa sowieso. Und als ich eines Abends aus dem Fernsehschlaf erwache, habe ich den weißen Ivan im Arm. Jetzt, denke ich, fühlt er sich wirklich zu Hause bei uns.

Nach Hause, nach Hause geh’™n wir nicht!

Nach rund zwei Wochen Urlaubsaufenthalt hat Frau Olga auch ihre Männerfeindlichkeit ein wenig reduziert. Soziales Katzenputzen findet sie zwar nach wie vor widerlich, keiner der Jungs darf ihr den Kopf abschlabbern, aber der Menschenmann im Haus darf sie knuddeln und kraulen, ohne dass sie ihr ’žNebelhorn’œ erklingen lässt und die Krallen ausfährt.

Als ich sie da so auf dem Sofa sitzen sehe, den Mann und die Katze, wie sie sich einträchtig ein Fußballspiel anschauen, frage ich mich, ob unsere Urlaubsgäste wohl wieder freiwillig nach Hause gehen werden. Bei uns haben sie zwei Katzenkumpels mit vielen verrückten Ideen, mehrere Kratzbäume, diverse Katzenkörbe, massenweise Pflanzen zum Beschnuppern und Benagen, viele Verstecke, einen Balkon mit Aussicht auf einen parkartigen Garten mit jeder Menge Getier. Und nachts geht die Kater-Gang gemeinsam auf Fliegenjagd im Schlafzimmer. Den Gastkatzen fehlt es an nichts, sie werden, ganz wie zu Hause, gepflegt, beschmust und bespaßt. Und dazu ist noch rund um die Uhr was los. Dieses Ferienprogramm scheint ihnen zu gefallen.

Da klingelt es an der Tür. Mein Kollege ist von seiner Urlaubsreise zurück und will seine geliebten Katzen wieder nach Hause holen. Das bedeutet: Für Olga und Ivan sind die Ferien auf dem Lande vorbei.

Ivan reagiert wie gewohnt: Er kommt voller Freude auf seinen Menschen zugelaufen, lässt sich streicheln und begrüßen und klettert dann unaufgefordert in seinen Transportkorb. Schön war der Urlaub, aber jetzt geht er auch gerne wieder heim. Olga dagegen ist sauer. Sie verschwindet schmollend unter dem Sofa. Ich höre sie fast denken: ’žWas will denn der jetzt hier? Gerade war es so gemütlich, und jetzt soll ich wieder heim? Dieses ewige hin und her geht mir auf den Geist! Ich will nicht in den Transportkorb, ich will nicht Auto fahren, ich will hier einfach nur so sitzen und in Ruhe Fußball gucken.’œ

Nun liegen die beiden Menschenmänner auf dem Wohnzimmerteppich und versuchen, Olga mit Malzpaste, Milchhefetabletten und guten Worten unter dem Sofa vorzulocken.

’žOlga kann gern noch eine Woche in Verlängerung gehen’œ, sage ich grinsend zu meinem Kollegen. ’žDann holst du sie eben nächste Woche ab.’œ
’žVon wegen Verlängerung! Der Urlaub ist zu Ende! Olga wird zu Hause erwartet, sie kommt jetzt mit.’œ

Meinem Mann wird die Sache zu dumm. Er holt einen Besen aus dem Schrank und stochert die Besuchskatze damit unter der Couch hervor. Sie flüchtet vor den blauen Kunststoffborsten direkt in die Arme ihres Menschen. Dieser stopft sie ohne weitere Diskussionen in ihre Transportbox. Olgas wildes Protestgeheul nutzt nichts, sie wird, genau wie Ivan, hinausgebracht und ins Auto verladen.

Die Coonies sehen ein wenig ratlos und verwirrt aus.

’žKein Grund zum Traurigsein’œ, sage ich zu ihnen, als ob sie es verstehen könnten. ’žIm Herbst kommen die zwei ja wieder. Dann haben wir wieder das volle Ferienprogramm: Remmidemmi in Rot, Grau und Schwarzweiß.’œ

4 Kommentare

  1. Hi Edith

    Das war mal wieder ein reiner Spaß…ich stoße auf diese Seite und bin begeistert.
    Man liest oft Tiergeschichten, aber keiner kann das wie Du.

    Cooniebert habe ich noch in meiner Bildersammlung, er ist und bleibt der schönste Kater den ich je gesehen habe, das sagen aber alle, denen ich ihn vorführe und das geschieht oft.

    Liebe Grüße Lies

  2. hallo edith,

    … und wieder mal eine neue geschichte, die mich herzlich zum lachen brachte!
    ich kann mir den full-service im 5*****katzenhotel richtig gut vorstellen.

    … ähm… ich hätte 4 stück, die ich mein eigen nenne… ähm… wenn ich mal auf urlaub möchte, könntest du dann bitte meine……… *grins*

    liebe grüsse
    cornelia

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