Bettina Hellwig: Julmonds Grab – Ein Schwaben-Krimi aus Marbach

Bettina Hellwig: Julmonds Grab – Ein Schwaben-Krimi aus Marbach, Reutlingen 2014, Oertel + Spörer Verlag, ISBN 978-3-88627-349-2, Softcover, 284 Seiten, Format: 18,8 x 12 x 3 cm, EUR 10,95.

Abbildung: Oertel & Spörer Verlag
Abbildung: Oertel & Spörer Verlag

Skandal in der Welt der Pferdezüchter: Hengst Jupiter stammt gar nicht vom Olympia-Hengst Just Magic ab! Für das Sperma des berühmten Deckhengstes aber hat der Käufer bezahlt und schreit jetzt natürlich „Betrug“. Wer hat ihm hier ein Kuckucksfohlen untergejubelt? War das eine bedauerliche Panne oder tatsächlich Vorsatz? Wo es zu dieser Verwechslung gekommen ist, ist allerdings klar: auf dem Haupt- und Landgestüt Marbach auf der Schwäbischen Alb.

In Stuttgart wittert der Verlagsleiter Sigismund Schönle, der Chef der Pferdezeitschrift „Schwabenross“, eine kräftige Auflagensteigerung für sein Magazin und schickt Redakteurin Antonia Mickoleit, 53, zur Undercover-Ermittlung nach Marbach aufs Gestüt. Sie ist dort aufgewachsen. Ihr Vater, Fritz Mickoleit, war Gestütstierarzt. Er war auch derjenige, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs den legendären Trakehner-Hengst Julmond mit dem Flüchtlingstreck aus Ostpreußen mitgebracht hat. Der Fuchshengst wurde Beschäler im Gestüt Marbach und spielte die entscheidende Rolle bei der Umgestaltung des Württemberger Warmbluts vom Landwirtschafts- zum Sportpferd. Als der Hengst 1965 starb, bestattete man ihn auf dem Gestütsgelände und stellte einen Grabstein für ihn auf. JULMONDS GRAB.

Antonia hat nicht nur gute Erinnerungen an ihre Kindheit auf dem Gestüt. Als sie 5 Jahre alt war, ist ihre Mutter spurlos verschwunden. Angeblich lebt sie in den USA. Sie hat nie wieder von sich hören lassen. Seit dieser Zeit quält Antonia immer wieder ein und derselbe Albtraum.

Außer ihrer Ortskenntnis gibt es noch einen weiteren Grund, der Antonia zur optimalen Undercover-Journalistin macht: Ihre 21jährige Tochter Paula absolviert dort eine Ausbildung zur Bereiterin. Die kratzbürstige Ex-Punkerin, Tochter eines afro-amerikanischen New Yorkers, hat nicht nur ein Auge auf den Hengst Feuerstern geworfen, den sie mit Hilfe von Mutter und Opa zu ersteigern gedenkt, sondern auch auf den Reitlehrer und Ex-Olympiasieger Patrick Pfefferle. Dass Patrick doppelt so alt ist wie sie, stört die impulsive Azubine nicht. Dass er zwielichtige Geschäfte tätigt, auch nicht. Genervt ist sie nur von der Neugier ihrer Chefin, der Gestütswartin Xenia. Dass ihre Mutter sich plötzlich für eine Woche im Wohnheim einquartiert, passt ihr auch nicht. Sie ahnt natürlich, weshalb Antonia wirklich da ist. Und es ist nicht in ihrem und Patricks Interesse, dass die Presse allzu intensiv hinter die Kulissen blickt.

Antonia Mickoleit lässt sich nicht beirren. Sie nimmt Reitstunden, sieht und hört sich um und freundet sich mit der Familie des Reitlehrers an. Auch der Schwarzwälder Landwirt Norbert Waldvögele, ein Kerl wie ein Baum, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Meister Proper hat und wegen eines Kutschfahrkurses auf dem Gestüt weilt, ist ihr sehr sympathisch. Doch ihr Journalisten-Instinkt sagt Antonia, dass der Mann nicht so harmlos und unbedarft ist, wie er sich den Anschein gibt.

Da wird die Gestütswartin Xenia tot auf dem Gelände gefunden. Ein Unfall unter Drogeneinfluss? Oder doch Mord?

Antonias Redaktion quengelt und will Informationen über den Pferdesperma-Skandal haben. Aber dafür hat die Journalistin jetzt keinen Kopf.

  • Hier läuft vielleicht ein Mörder frei herum.
  • Ihre Tochter hat ihr gerade gestanden, eine große Dummheit begangen zu haben.
  • Die Albträume aus ihrer Kindheit sind zurück.
  • Und der alte Johannes Pfefferle, der Vater des Reitlehrers, wartet mit ungeheuerlichen Informationen aus der Vergangenheit auf …

Nach einem Ausritt bricht Paula bewusstlos zusammen. Ein Mordanschlag? Antonia wird klar, dass es dafür mehrere Gründe geben könnte und dass sie höchstwahrscheinlich selbst in Gefahr ist. Durch ihr Auftauchen und Herumschnüffeln auf dem Gestüt hat sie offenbar Menschen provoziert, die vor nichts zurückschrecken …

Wenn mehrere Leute gleich mehrere Geheimnisse haben, ist es für den Leser nicht leicht ersichtlich, wer nun welches Spiel spielt. Auch Antonia, im Recherchieren ein Profi, begreift beinahe zu spät, was los ist. Wenn man, wie sie, von dramatischen Ereignissen persönlich betroffen ist, ist das allerdings kein Wunder. Zum Schluss klärt sich aber alles auf und der Leser findet sämtliche Fragen beantwortet. Auch wenn die Aktionen mancher Figuren etwas extrem erscheinen, passt die Geschichte zusammen.

Ein besonderes Vergnügen an dem Schwabenkrimi haben natürlich die Pferdefreunde aus der Region, die sich auf dem Gestüt ein bisschen auskennen und hier noch die eine oder andere Hintergrundinformation bekommen. Das ist ja das Schöne an Regionalkrimis, dass Orte, die man kennt, plötzlich Schauplatz von dramatischen fiktiven Ereignissen werden.

Für Leser, die keine ausgewiesenen Pferdeexperten sind, wäre ein kleines Glossar nett gewesen. Was ein „Beschäler“ ist, mag man schon mal gehört haben. Aber „kören“ und „Stempelhengst“? Und was genau macht ein „Bereiter“? Eine „Gestütswartin“? Die „Körkommission“? Dieses Wissen kann man beim Durchschnittsleser nicht voraussetzen. Ganz grob erklärt sich das zwar aus dem Zusammenhang, trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass man die fehlenden Vokabeln jetzt eigentlich nachschlagen müsste, um wirklich zu kapieren, wovon die Rede ist. In „Infodumping“ sollen die Erläuterungen auch wiederum nicht ausarten. Ein Buch, das in wie auch immer gearteten Fachkreisen mit entsprechendem Vokabular spielt, hat so seine Tücken.

Reiterinnengezicke, Familienkonflikte, Chefgelaber, Redaktions-Wortgeklingel – das ist sehr schön eingefangen. Die ernsten Begegnungen sind berührend, die witzigen Szenen überaus vergnüglich. Man darf sicher davon ausgehen, dass die grantige Chefredakteurin und der popelnde Verleger real existierende Vorbilder haben. Manche Nebenfiguren wandeln aber dicht an der Grenze zur Karikatur. Da genügt, auf Schwäbisch gesagt, a Muggaseggele (= eine Winzigkeit) wie ein betont lächerlicher Doppelname oder der extrem häufige Einsatz einer Sprachmarotte und die Figur kippt. Ohne Witz!

Das aber sind Kleinigkeiten. Krimilesende Pferdefreunde, nicht nur aus dem Schwabenland, werden an diesem Buch ihre Freude haben.

Die Autorin
Die Apothekerin und Fachjournalistin Dr. Bettina Hellwig lebt mit ihrem Mann und ihren Pferden in Stuttgart und Konstanz. Bisher hat sie zahlreiche Kurzkrimis in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. „Julmonds Grab“ ist ihr erster Kriminalroman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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2 Kommentare

  1. Liebe Frau Nebel,

    herzlichen Dank für die ausführliche, freundliche Rezension!

    Ich habe mich sehr darüber gefreut und würde mich gerne mit einem signierten Exemplar des Buchs bei Ihnen bedanken, wenn Sie mir Ihre Anschrift mitteilen.

    Viele Grüße,
    B. Hellwig

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