Die Magie der Gegenstände

Auch als rational denkender Mensch leiste ich mir den einen oder anderen Aberglauben. Okay, ganz ernst zu nehmen ist das nicht. Ich glaube nicht wirklich daran. Mir gefallen einfach die Geschichten.

Am Sessel kleben
Da ist die Sache mit meinem Schreibtischstuhl im Büro, der vermutlich bald 30 Jahre auf dem Buckel hat und von dem ich mich auf gar keinen Fall trennen will. Ich sage mir nämlich: „Ist der Stuhl weg, ist mein Job auch weg.“

Gut möglich, dass das wirklich so wäre. Dass in unserer Branche die Jobs allezeit wackeln, ist bekannt. Und so ist die Gefahr, bald auf der Straße zu stehen recht groß, ganz unabhängig von der Sitzgelegenheit.

Ich hänge einfach an diesem ollen Möbel. Wir haben ja auch schon vieles ausgesessen zusammen: verschiedenste Eigentümer, jede Menge Geschäftsführer, Firmenphilosophien, Krisen, Katastrophen und ein halbes Dutzend Umzüge. Als ich 1991 in die Firma eintrat, hatte ich die ersten Monate nur ein klappriges Besucherstühlchen. Mir war der Unterschied zum Mobiliar der alteingesessenen Kollegen gar nicht aufgefallen. Erst als ich solche Rückenschmerzen bekam, dass eine Krankschreibung und eine längere Therapie bei einem Physiotherapeuten notwendig wurde, achtete ich darauf. Da wurde ich nämlich gefragt, ob es sein könne, dass mein Bürostuhl nichts tauge.

Nach diesem Vorfall bekam ich dann einen gebrauchten Schreibtischstuhl aus dem Möbellager. In pink! Ich glaube, meiner ist der letzte seiner Art, der noch im Einsatz ist. Alle anderen Kollegen haben längst modernere schwarze Schreibtischstühle. Nur ich gebe mein pinkfarbenes Monster nicht her, auch wenn dieser Tage irgendein Hebel abgebrochen ist. Wer weiß, wie lange ich auf dem Nachfolgermodell noch sitzen dürfte?

Bei den schwarzen Stühlen scheuert außerdem ruckzuck der Bezug durch. Mein olles Möbel ist zwar staubig, aber bescheuert ist es nicht. Und vermutlich wird es auch noch einen neuen „Besitzer“ bekommen, wenn ich schon längst Verlagsgeschichte bin.

Buerostuhl Buerostuhl-Hochk

Und jetzt hab ich tatsächlich noch ein Foto von 1998 im alten Gebäude gefunden:

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Okay, wenn ihr jetzt meint, dieser Aberglaube sei für den A*** – ich habe auch noch was anderes im Angebot.

Der Efeu-Zauber
Im Grunde genommen ist der fragliche Efeu ein Ableger einer Gartenpflanze meiner Tante. Sie hat ein paar Zentimeter von den Ranken abgeknipst und die Tischdekoration der 80er-Feier meines Vaters damit bestückt. Das ist jetzt über 8 Jahre her. Ich habe mir damals zwei der Efeuschnipsel zur Erinnerung mitgenommen und sie in einen Blumentopf gesetzt. Und ich denke, solange es der Pflanze gut geht, geht es meinem Vater auch gut.

Manchmal haben beide lausige Zeiten, vor allem im Winter. Und im Frühjahr geht es ihnen wieder besser. Sie vertragen eben beide die kalte Jahreszeit nicht. Und ich sehe zu, dass sie sich wohl fühlen, der Vater und der Efeu.

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Die symbolischen Bougainvilleen
Bei unseren Reisen in südliche Länder haben wir die pinkfarbenen Blüten der Bougainvillea kennen und leiben gelernt. Die beiden Pflanzen auf dem Balkon sind Billigware aus dem Supermarkt und haben, genau wie der Mann und ich, gute und weniger gute Zeiten gehabt.

Im letzten Sommer haben beide Pflanzen so toll geblüht wie schon lange nicht mehr und ich dachte, vielleicht ginge auch für uns beide mal wieder bergauf. Es könne doch nicht immer alles nur schlechter werden. (Doch. Es kann!)

Bougainvillea 010 Bougainvill 012

Im Herbst habe ich die Bougainvilleen dann erstmals getrennt überwintert. Für die Fensterbank auf dem Wohnzimmer, wo ich sie viele Jahre lang in der kalten Jahreszeit zusammen stehen hatte, waren sie mittlerweile zu groß geworden. Ich stellte also eine ins Büro und eine ins Bad. Das haben sie mir übel genommen und alle Blätter verloren.

„O je“, dachte ich, „die haben genausowenig eine Chance wie wir.“ Irgendwann waren die Pflanzen für mich ein Symbol für unsere Beziehung geworden. Ihnen wie uns ging es im Sommer immer besser als in der kalten und winterdepressiven Phase. Jetzt sahen sie allerdings ganz, ganz schlecht aus.

Im Januar ist dann der Mann gestorben und ein paar Wochen später trotz engagierter Pflege auch eine der Bougainvilleen. Die andere hatte bis in den Juli hinein lausige Zeiten und erholt sich erst jetzt so langsam. Wie ich auch.

Auch das ist natürlich eine zufällige Duplizität der Ereignisse und es würde mir nichts Übles widerfahren, wenn ich „meine“ überlebende Bougainvillea in den Biomülleimer werfen würde. Aber ichpflege sie aus alter Verbundenheit weiter und werde mich freuen, wenn sie vielleicht doch wieder mal blüht.

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