Michael Kleeberg: Luca Puck und der Herr der Ratten, (10 – 12 Jahre)

Michael Kleeberg: Luca Puck und der Herr der Ratten, Hamburg 2014, Oetinger Verlag, ISBN 978-3-8415-0308-4, Softcover, 266 Seiten, ISBN 19 x 12,6 x 2,2 cm, EUR 7,99 (D), EUR 8,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Oetinger Verlag
Abbildung: (c) Oetinger Verlag

Seit dem Unfalltod seiner Frau vor 8 Jahren lebt der Schriftsteller Cornelius Puck mit seiner Tochter Luca, 11, und Kater Scottie in einer Mietwohnung in Paris, mit Blick auf den Friedhof, auf dem Frau Puck begraben liegt. Jeden Tag geht er zu ihr ans Grab, und seine Tochter hat manchmal das Gefühl, dass ihm die Toten wichtiger sind als die Lebenden. Das vielleicht nicht, aber der Verlust seiner Frau hat ihn nachhaltig geprägt. Ständig lebt er in der Angst, dass auch Luca etwas passieren könnte. Er lässt sie praktisch nicht aus den Augen, und so sieht sie kaum etwas anderes als die Wohnung, die Straße, den Friedhof und die Schule.

Freunde hat Luca nicht. Das geht dem Nachbarsjungen Aristid Pupinell – dem Sohn der temperamentvollen afrikanischstämmigen Krankenschwester von nebenan – ebenso. Er ist ein ziemlicher „Pfundskerl“, weshalb er in der Schule gehänselt wird. Oft sitzt er allein in seinem Zimmer und lernt den Stadtplan von Paris auswendig. Fahrrad-Taxifahrer will er werden. Das Fahrzeug dazu hat er schon … so ein Dreirad für Erwachsene, an dem er mit Vergnügen herumschraubt. Das hat hinten eine kleine Sitzbank, damit könnte man wunderbar Personen transportieren. Nur seine Mutter hält nichts von seinen Zukunftsplänen.

Zu Beginn der Sommerferien muss Lucas Vater für eine Woche geschäftlich verreisen. Er lässt seine Tochter und den Kater in der Obhut von Madame Pupinell zurück. Wenn er wüsste, was in seiner Abwesenheit alles geschehen wird, würde er daheim bleiben!

Schon am ersten Abend verschwindet Kater Scottie durchs Fenster. Luca folgt ihm voller Sorge, barfuß und im Nachthemd. Als sie ihn auf dem Friedhof einholt, staunt sie nicht schlecht: Ihr alter Hauskater ist der Chef aller hiesigen Katzen! Hunderte von Artgenossen erweisen ihm, dem „ehrwürdigen Ta-Miu“ die Ehre – und alle sprechen die Menschensprache!

Zweck des Katzentreffens: Die Abwendung einer Katastrophe: Die Ratten sind dabei, einen neuen „Ganesha“ zu beschwören, einen zauberkundigen Befehlshaber, der ihr Volk vereinen und es in einen Krieg gegen Katzen und Menschen führen soll. Einen Rattenkönigs-Kandidaten haben sie schon: den zwielichtigen Pferdemetzger Sanginjoll. Was sie jetzt noch brauchen, ist jemand, der die „Alte Sprache“ beherrscht und den Zauberspruch lesen kann, der auf Statue des letzten bekannten Herrn der Ratten angebracht ist. Diesen Spruch muss der Kandidat nämlich aufsagen, um Zauberkräfte zu bekommen und die Ratten befehligen zu können.

Der Ursprung der Fehde zwischen Ratten, Katzen und Menschen liegt Jahrtausende zurück. Trotzdem stellt sich die Frage, warum die Ratten ausgerechnet jetzt wieder einen Krieg vom Zaun brechen wollen. Und was hat Sanginjoll davon, wenn Chef der Ratten wird? Luca kennt ihn und hat ihn noch nie leiden können. Was Gutes hat er sicher nicht vor!

Kater Scottie – pardon: der ehrwürdige Ta-Miu – will das einzige ihm bekannte Lebewesen warnen, das die Alte Sprache spricht und den Ratten den Zauberspruch vorlesen könnte: Bastet, die Katze des afrikanischen Zauberers Mamadu. Der lebt im Blechviertel – den Slums der Stadt – und ist Madame Pupinells nichtsnutziger Schwager. Ein Scharlatan, der genau einen Zauber beherrscht. Der Rest ist Lug und Trug.

Mit dem Taxi-Dreirad machen sich Nachbarsjunge Aristid, Luca und Kater Scottie auf den Weg ins Blechviertel. Auf der Suche nach Mamadu und Bastet begegnen sie den Sozialarbeitern Bruno und Lisa, die im Elendsviertel einen Treffpunkt für benachteiligte Kinder betreiben. Genau dieser Treffpunkt soll geschlossen werden, wenn es nach dem Präfekten Morbus de Sarkomi und dessen Schergen geht. Das Blechviertel wollen sie dem Erdboden gleichmachen und dort Wohnungen und Fabriken errichten. Eine der Fabriken soll die des Pferdemetzgers Sanginjoll sein.

Nun überschlagen sich die Ereignisse: Mamadu wird entführt, die Polizei knüppelt eine Demonstration gegen den Abriss des Blechviertels nieder, Sozialarbeiter Bruno wird verhaftet – und wenn Bastet ihren Hausmenschen Mamadu lebend wiedersehen will, wird ihr nichts anderes übrigbleiben, als den Zauberspruch von der Statue abzulesen, der den Metzger zum Rattenkönig macht.

Wie zu erwarten war, kommt es unmittelbar nach dieser Zeremonie zu heftigen Kämpfen zwischen den zahlenmäßig überlegenen Ratten und den Katzen der Stadt. Lucas Wohnung gleicht bald einem Katzenlazarett. (Wär‘ das dann ein Katzarett?) Um diesen Wahnsinn zu stoppen, wäre es hilfreich zu wissen, wer ihn überhaupt losgetreten hat – und zu welchen Zweck.

Unter abenteuerlichen Umständen schnappt Luca ein Gespräch auf, das nicht für ihre Ohren bestimmt ist, und ihr wird klar: Die wahren Feinde sind gar nicht die Ratten. Die werden von jemand anderem manipuliert und missbraucht!

Als Kater Scottie einen rättischen Unterhändler anschleppt, sieht Luca darin eine Chance: Wenn sie den davon überzeugen kann, dass sein Volk hier übelst verheizt werden soll, können sie den Krieg vielleicht beenden. Dazu müssen sie aber ins Haus eines der mutmaßlichen Drahtzieher einbrechen. Die Ratten lassen sich darauf ein, verlangen aber zur Sicherheit eine Geisel aus dem Lager der Katzen. Was, wenn Lucas Plan misslingt? Oder wenn sie sich irrt …?

Selbst für erwachsene LeserInnen sind diese Intrigen spannend. Wer verfolgt hier welche Ziele und spielt die verschiedenen Gruppen gegeneinander aus? Und kann man demjenigen das Handwerk legen, ehe es zu einer Tragödie kommt?

Witzig ist das ganze auch noch. Die jugendliche Zielgruppe wird vielleicht nicht alle Gags zu würdigen wissen. Da grinsen eher die Erwachsenen … z.B. bei der Beschreibung von Cornelius‘ Beruf als Schriftsteller … über den nervigen kleinen französische Politiker mit dem großen Ego … über die Erklärung des Begriffs Anarchie … den Umgang der Kinder mit den Erwachsenen und die Tipps die sie einander geben. Allen Altersgruppen dürfte der Zauber von Onkel Mamadu gefallen. Er mag nur einen einzigen drauf haben, aber der ist klasse! Ginge das vielleicht auch mit Kuhfladen …? Nur so als Anregung.

Manchmal ist mir die Geschichte nur ein bisschen zu sozialpädagogisch. Da wird den jungen Lesern nebenbei die ganze Welt erklärt, von Asyl über Demokratie, Demonstrationen und Kinderarbeit bis hin zum Sparzwang der Gemeinden. Der Zeigefinger wedelt ziemlich oft. Natürlich ist es wichtig, das alles zu wissen, aber viele Belehrungen können so eine Story auch überfrachten. Wichtig wäre mir, dass den Leserinnen und Lesern das klar wird, was die Tiere in dieser Geschichte erst lernen müssen: Selber denken macht schlau. Denken lassen macht abhängig.

Der Autor
Michael Kleeberg wurde 1959 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studierte er bis 1984 Politische Wissenschaften und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg sowie Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Hamburg. Während des Studiums arbeitete er als Journalist, Krankenpfleger und Hafenarbeiter. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Rom 1983 und in West-Berlin 1984 verließ er Deutschland im Jahr 1985. Er lebte ein Jahr in Amsterdam, danach zwölf Jahre lang in Paris, wo er von 1987 bis 1994 neben der schriftstellerischen Tätigkeit Mitinhaber einer kleinen Werbeagentur war. Seit 2000 lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen in Berlin.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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