Simone Dorra: Fluchmond – Roman

Simone Dorra: Fluchmond, Tübingen 2014, Silberburg Verlag, ISBN 978-3-8425-1345-7, Softcover, 477 Seiten, Format: 18,6 x 12 x 3,4 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Silberburg-Verlag
Abbildung: (c) Silberburg-Verlag

„In den letzten vierundzwanzig Stunden hatte sie verkraften müssen, dass der Mann, mit dem sie seit zwei Monaten zusammen war, alles andere war als ein normaler Mensch. Er hatte ihr offenbart, dass er von einem uralten Fluch verfolgt würde, etwas, was sie ihr ganzes Leben lang ins Reich der Legenden verbannt hatte. (…) Er hatte sie aus goldenen Wolfsaugen angesehen und gelächelt.“ (Seite 244)

Als die Graphikerin und Illustratorin Miriam Trautwein, 29, im Schwarzwalddorf Finkenweiler das Bauernhaus ihrer Großmutter Anna erbt, zögert sie nicht, ihre Zelte in Hannover abzubrechen und auf das ererbte Anwesen im Ortenaukreis zu ziehen. Von ihrem Lebensgefährten hat sie sich gerade getrennt, Eltern, um die sie sich irgendwann kümmern müsste, hat sie nicht mehr und ihren Beruf kann sie überall ausüben, wo sie Platz zum Zeichnen, einen Computer und einen Internetanschluss hat.

Sie kennt Finkenweiler und seine Bewohner recht gut, weil sie einen engen Kontakt zu ihrer Großmutter pflegte und als Kind oft die Ferien bei ihr verbracht hat. So wird sie an ihrem neuen Wohnort herzlich willkommen geheißen, vor allem von der Gastwirtstochter und Rechtsanwaltsfachangestellten Susanne Hessler, die ein paar Jahre jünger ist als Miriam. Die beiden Frauen kennen einander seit ihrer Kindheit.

Bisher unbekannt war Miriam der mürrische Typ mit den hellen Husky-Augen, der ihr schon bei der Beerdigung auffällt. Es ist der eigenbrötlerische und einsiedlerische Kunsttischler Randolf „Ralf“ Markward, 44, der alleine auf seinem entlegenen Hof haust. Den Dörflern sind die Markwards von jeher unheimlich und es geht allerlei abergläubisches Geschwätz um. Nur Anna Trautwein, Miriams Oma, scheint nichts auf das Gerede gegeben zu haben. In ihrem Haus war Ralf immer willkommen.

Als Miriam den Tischler mit der Restaurierung eines antiken Möbelstücks beauftragt, kommen die beiden erstmals richtig ins Gespräch. So übel ist er ja gar nicht, findet die junge Neu-Schwarzwälderin – und bald darauf sind die beiden ein Paar.

Ein bisschen sonderbar ist Ralf schon. Selbst Miriams Labradorrüde Jacob reagiert abwechselnd zutraulich und überängstlich auf den Mann. Miriam kann verstehen, dass die Leute Ralf fürchten und über ihn tratschen. Als er versehentlich mit einem antiken silbernen Amulett aus Oma Annas Nachlass in Berührung kommt, wird ihr anhand seiner Reaktion schlagartig klar, dass an dem Gerede über den Jahrhunderte alten Fluch etwas dran ist: Ralf Markward ist kein normaler Mensch.

Sie will trotzdem bei ihm bleiben. Doch dann kommt in unmittelbarer Nachbarschaft ein Mensch durch einen angeblichen Wolfsbiss zu Tode und Miriam flieht in Panik zu Freunden nach Schleswig. Es gibt keine wilden Wölfe in der Gegend und die im Tierpark waren sicher in ihren Gehegen verwahrt. Nur Ralf kann das getan haben. Sie kann seine Nähe im Moment nicht ertragen.

Jetzt wäre es gut gewesen, wenn Oma Anna noch da wäre oder der alte Pfarrer von St. Bartholomä in Wolfach. Die hätten Miriam ein paar entscheidende Informationen über die Markward-Familie und ihren Fluch liefern können. Sie hätten ihr bestimmt auch klar gemacht, dass sie keinesfalls nach Finkenweiler zurückkehren darf. Aber das Wissen der beiden alten Herrschaften steht leider nicht mehr zur Verfügung …

Nein, das hier ist keine heile Märchenwelt und kein romantischer Kitsch für Teenager! Das ist „regionale Fantasy“ für ein erwachsenes Publikum, tragisch, blutig und brutal. Die LeserInnen müssen damit klar kommen, dass es Opfer gibt. Auch solche, an denen ihr Herz hängt.

Das Erzähltempo ist über weite Strecken gemächlich. Man begleitet Miriam bei ihrem Start in ein neues Leben und wird Zeuge ihrer allmählichen Annäherung an den ungeselligen Kunsttischler. Bis dahin ist es ein ganz normaler Frauenroman mit Liebesgeschichte. Und dann sieht man, wie das Unheimliche und Unbegreifliche ganz langsam in ihren normalen Alltag sickert, bis es schließlich zu einem hochdramatischen Showdown kommt.

Die Geschichte ist in sich schlüssig. So würden wohl Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld mit diesem Phänomen umgehen, wenn es denn tatsächlich einen solchen Fluch gäbe. Simone Dorra denkt an alle Details: Nach einem Unfall weigert sich Ralf, in ein Krankenhaus gebracht zu werden, denn das wäre eine schöne Schau, wenn auf dem OP-Tisch plötzlich die Verwandlung einsetzte! Dann wäre es vorbei mit der Geheimhaltung. Mit den Vermutungen und Gerüchten der Dorfbevölkerung kann er gut leben. Denken darf jeder, was er mag, nur Gewissheit dürfen Außenstehende niemals erlangen.

Ungeduldige LeserInnen würden den Erzählverlauf vor allem gegen Schluss am liebsten beschleunigen. Nein, wir wollen jetzt nicht wissen, warum Miriam ihre Unterwäsche nicht finden kann und dass ihre Jeans am Knie ein Loch hat. Uns interessiert nur, ob der Wolf …!

Die Geschichte ist unheimlich und spannend und die Szenen sind sehr bildhaft beschrieben. Man hat die Leute und die Ereignisse plastisch vor Augen und braucht sich nicht zu wundern, wenn man von Wölfen träumt, während man dieses Buch „in Arbeit“ hat. Und nie wieder wird man danach ein schmuck hergerichtetes Schwarzwaldhaus unbefangen betrachten können …

Die Autorin
Simone Dorra erblickte 1963 in Wuppertal das Licht der Welt und ist seit 1983 in Baden-Württemberg zu Hause. Die gelernte Buchhändlerin arbeitete zunächst in einem Stuttgarter Verlag und gestaltete dann als Sprecherin und Journalistin Radioprogramme für den Privatrundfunk. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Welzheim, wo sie heute als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung arbeitet.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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