Eric Chaline: 50 Tiere, die unsere Welt veränderten

Eric Chaline: 50 Tiere, die unsere Welt veränderten, OT: Fifty Animals that Changed the Course of History, aus dem Englischen übersetzt von Monika Niehaus und Coralie Wink, Bern 2014, Haupt Verlag, ISBN 978-3-258-07855-7, Hardcover mit Lesebändchen, 223 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Format: 23,2 x 17,6 x 2,4 cm, EUR 29,90.

Abbildung: (c) Haupt Verlag
Abbildung: (c) Haupt Verlag

50 Tiere, die den Werdegang der Menschen beeinflusst haben, hat der Autor in diesem Buch zusammengestellt. Zu diesem Thema fiele einem als Laie auch so manches ein: Rind, Pferd, Schaf, Ziege, Schwein, Esel, Huhn, Kamel, Hund, Katze, Biene … Um aber auf 50 Tierarten zu kommen, muss man weiter denken als nur bis zu den Nutztieren auf dem Bauernhof. Eric Chaline präsentiert uns denn auch einiges Getier, das wir bei dieser Aufzählung nicht unbedingt auf dem Schirm gehabt hätten. Wer denkt schon beim maßgeblichen Einfluss auf unsere Zivilisation an die Herkuleskeule, eine Muschelart, aus der man in der Antike den Purpurfarbstoff gewonnen hat? Oder an die Cochenille-Laus, den Rattenfloh, den Regenwurm, die Taufliege und den Blutegel? Sie alle stehen aus gutem Grund auf der Liste.

Und wie organisiert man so ein Buch? Nach Wichtigkeit der Tiere, nach geographischer Herkunft? Chronologisch oder thematisch? – Nichts dergleichen. Das wäre wohl alles zu unübersichtlich geworden. Das System habe ich auch erst nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis begriffen: Die Tiere sind ihrem lateinischen Namen nach alphabetisch geordnet. So steht die Biene neben dem Zwergwal, der Löwe neben der Laus und der Elefant neben dem Regenwurm.

Manche der Tiere dien(t)en dem Menschen als Nahrung, andere spiel(t)en eine Rolle in der Medizin oder beeinfluss(t)en Wirtschaft und Handel oder Geschichte und Kultur. Einige Tiere begleiten den Menschen seit rund 20.000 Jahren (Wolf/Haushund), andere seit der Mensch sesshaft wurde (Ziege, Schaf, Rind, Katze …), andere haben erst vor wenigen Jahrhunderten für den Menschen eine tiefere Bedeutung erlangt (Dronte, Haustruthahn, Taufliege …). Und weil die alphabetische Sortierung nichts dergleichen berücksichtigen kann, geht es kreuz und quer durch die Epochen, Kontinente, Tierarten und Themen.

Das Buch ist eine Fundgrube an Fakten über Tiere und deren Beziehung zum Menschen. Man lernt so allerlei: dass der Bison kein Büffel ist, sondern ein Verwandter des europäischen Wisents … dass wir dem Seidenspinner einen regen Austausch „von industrieller und militärischer Technologie, Kulturstilen sowie religiösen und philosophischen Ideen zwischen dem Fernen Osten, dem Nahen Osten und Europa“ (Seite 31) verdanken. Auf der Seidenstraße wurde eben nicht nur mit Seide gehandelt. Dass das Europäische Hausrind „wahrscheinlich die wichtigste essbare sowie wirtschaftlich und kulturell bedeutsamste Tierart in diesem Band“ ist (Seite 34), erläutert uns der Autor ebenfalls. Und wer sich schon immer gefragt hat, warum das Klonschaf ausgerechnet Dolly hieß, erfährt auch das. 😀

Wer weiß schon, dass ein Sekret aus einer Drüse des Bibers tatsächlich den gleichen schmerzstillenden Wirkstoff enthält wie Aspirin? Das ist ebenso erstaunlich wie die Methode des Bibers, seine cellulosereiche Nahrung optimal zu verwerten. Na ja, ein bisschen unappetitlich ist das, was er macht, schon … Auch eklig: Die ursprüngliche tierische Zutat der traditionellen spanischen Paella Valenciana, ehe man Kaninchenfleisch hineinschnippelte. Und wie kommt eigentlich der traditionelle Löwentanz nach China, wo es doch in diesem Teil der Welt niemals Löwen gegeben hat?

Dass der Atlantische Hering für den Aufstieg und Niedergang einer mittelalterlichen Supermacht „verantwortlich“ ist, das hat man auch nicht so spontan parat. Und wie wäre die Geschichte wohl ohne Pferde verlaufen? Landwirtschaft, Transport, ja sogar Kriege hätten dann ganz anders ausgesehen. Und wenn wir schon bei den Gedankenspielen sind: ob Alexander der Große sich wohl mit den indischen Herrschern angelegt hätte, wenn diese keine Kriegselefanten gehabt hätten? Wäre Nordindien dann womöglich unter hellenistische Herrschaft gefallen? – Und wer weiß, ob es Kaiser Justinian nicht gelungen wäre, das West- und das oströmische Reich wiederzuvereinigen, wenn nicht zur Unzeit die Pest ausgebrochen wäre, übertragen vom Rattenfloh. Dann „wäre es vielleicht nicht zur Spaltung zwischen der griechisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche gekommen, und ein stärkeres, vereintes Christentum hätte dem Aufstieg des Islam und der arabischen Invasion im 7. Jahrhundert vielleicht besser widerstehen können.“ (Seite 206). So spekuliert der Verfasser. Kleiner Floh, große Wirkung.

Auch der Homo sapiens hat sein Kapitel bekommen – als erfolgreichstes Säugetier auf dem Planeten. Statt sich selbst physiologisch an die jeweilige besiedelte Region anzupassen, haben die Menschen die Umwelt nach ihren Wünschen und Bedürfnissen umgestaltet, nicht immer zum Vorteil der Mitgeschöpfe und Ressourcen.

Die Faktenfülle in diesem Band muss man erst einmal aufnehmen und verarbeiten: hier eine Bildunterschrift, da eine Marginalie, dort ein Zitat oder eine Infobox. Was die Sache etwas schwierig macht, ist die winzige Schrift – gerade mal so groß wie die im Telefonbuch – auf beigefarbenem Papier. Das sieht zwar sehr edel aus und wirkt ein bisschen antik, ist aber anstrengend zu lesen. Da wären Adleraugen praktisch.

Der Autor ist kein Biologe, und ich bin nicht sicher, ob alle tierischen Fakten hundertprozentig stimmen. Ich habe selbst eine falsche Zeitangabe entdeckt (auf Seite 78 wurde Jahrhundert mit Jahrtausend verwechselt) – und Biologen-Genörgel im Internet gefunden. Wenn man rund 10.000 Jahre und eine Tierart auf zwei bis sechs Seiten abhandelt, muss man natürlich verkürzen und vereinfachen. Da kann schon mal die eine oder andere Aussage zu plakativ geraten. Wer ein aber spezielles Thema vertiefen möchte, findet im Anhang eine Bibliographie und ein Verzeichnis nützlicher Webseiten. Man sollte aber eine Lupe zur Hand haben.

50 TIERE, DIE UNSERE WELT VERÄNDERTEN bietet einen interessanten Streifzug durch die Natur und die Geschichte – für Freunde des mehr oder minder nützlichen Wissens. Aber es muss ja auch nicht alles, was man liest, lernt und erfährt, sofort einen praktischen Nutzen haben.

Der Autor
Eric Chaline ist Soziologe, Journalist und Autor, spezialisiert auf Geschichte, Philosophie und Religion. Nach seinem Studium in Cambridge, London und Osaka promovierte er am soziologischen Institut der South Bank University in London.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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