Matt Beynon Rees: Mozarts letzte Arie – Kriminalroman

Matt Beynon Rees: Mozarts letzte Arie – Kriminalroman, OT, Mozart’s Last Aria, Deutsch von Klaus Modick, München 2015, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21565-7, Softcover, 317 Seiten, Format: 12,1 x 2,5 x 19,1 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Wolfgang war tot. Aber wie war er gestorben? Von der Hand eines Mannes mit Beziehungen zu einer gesetzeswidrigen Freimaurerbruderschaft? Oder durch die Männer, die mich auf der Straße überfallen hatten? Vielleicht war es am Ende sogar der Mann von Magdalena Hofdemel gewesen, um einen Ehebruch zu rächen. Warum sonst hätte sie gegenüber meinem Dienstmädchen von Reue geredet? Ich fragte mich, ob mein Bruder etwas zu bereuen gehabt hatte, als er starb.“ (Seite 185)

St. Gilgen bei Salzburg, Dezember 1791: Maria Anna Bechtold von Sonnenburg, besser bekannt als Nannerl Mozart, erhält einen schockierenden Brief von ihrer Schwägerin Constanze aus Wien: Ihr Bruder Wolfgang ist mit nur 35 Jahren an einer mysteriösen Krankheit verstorben. Er selbst war überzeugt davon, vergiftet worden zu sein.

Nannerl schnappt sich ihr Dienstmädchen und reist nach Wien. Ihr Gatte Johann bleibt fassungslos in St. Gilgen zurück. Das hat sie ja noch nie gemacht: alleine verreisen und ihn mit den Kindern zurücklassen!

Drei Jahre hatten Nannerl und Wolfgang keinen Kontakt mehr miteinander gehabt. Es hatte Erbstreitigkeiten gegeben. Jetzt muss sich die große Schwester erst einmal aufs Laufende bringen. Was kann ihr Bruder getan haben, dass ihn jemand ermorden wollte? Für sie ist er immer noch der naive Harlekin, dessen Brillanz sich ausschließlich in seiner Musik zeigt. Aber in drei Jahren kann viel passiert sein. Nannerl nimmt also Kontakt zu Wolfgangs Freunden und Logenbrüdern auf und verguckt sich dabei in Baron Gottfried van Swieten, den Direktor der kaiserlichen Bibliothek und Leiter der Zensurbehörde. Ihr Bruder, so findet sie heraus, wollte eine neuartige Freimaurerloge gründen. Und er war mit dem Prinzen Karl Lichnowsky in Berlin bei König Friedrich Wilhelm von Preußen. Nur warum, das ist ihr nicht ganz klar.

Als Nannerl mit dem Schauspieler Karl Gieseke in Wien unterwegs ist, werden die beiden von unbekannten Männern mit einem Messer angegriffen. Mit knapper Not entkommen sie den Attentätern. Galt der Anschlag nun Nannerl, weil sie Nachforschungen über den Tod ihres Bruders anstellt? Oder war Gieseke das Ziel, warum auch immer?

Wolfgangs Oper „Die Zauberflöte“ kennt Nannerl bislang nur vom Hörensagen. Baron van Swieten nimmt sie zu einer Aufführung mit. Und auf einmal wird Nannerl klar, was ihr Bruder vorgehabt hat. Doch für wen diese Pläne eine so große Bedrohung dargestellt haben könnten, dass er deshalb sterben musste, weiß sie noch immer nicht. Und was bedeutet das eigenartige Rätsel, das Wolfgang ihr auf einem Notenblatt hinterlassen hat?

Es kommt zu einem weiteren Mordfall und schließlich zu einem dramatischen Showdown mit einem der Hauptverantwortlichen für Wolfgangs Tod. Auf die Frage, wer es wirklich „war“ gibt es keine einfache Antwort. Es existiert eine unüberschaubare Verflechtung von Intrigen. Menschen manipulieren, benutzen, betrügen und hintergehen einander in ganz großem Stil. Angesichts dessen geht es dem Leser genau wie Nannerl: Immer, wenn man glaubt, nun habe man endlich verstanden, wer hier was gewollt, geplant oder getan hat, kommt noch eine Wendung und man sieht mit wachsendem Erstaunen, wer noch alles die Finger in der Geschichte drin hat.

Habe ich einfach schon zu viel über Mozart gelesen oder liegt es an den hochkomplexen Intrigen an der Wiener Hofburg, dass dieses Buch als Krimi einfach nicht abhebt? Mindestens 200 Seiten lang geht es um Freimaurer und den Einfluss ihres Gedankenguts auf die Oper „Die Zauberflöte“. Und am Schluss ist es einem dann egal, ob der, dieser oder jener unsympathische Machtmensch für Wolfgangs Tod verantwortlich zeichnet. Wer wem wann warum etwas vormacht, ist ohnehin schwer nachvollziehbar.

Interessant wird es immer dann, wenn Nannerl ihr Leben reflektiert. Sie hadert mit Wolfgang, der sich irgendwann dem Einfluss der Familie entzogen hat, Karriere machte und ein selbstbestimmtes Leben führte, während sie ihren alten Vater pflegen und schließlich einen langweiligen zweifachen Witwer heiraten musste, um versorgt zu sein. Viel lieber hätte sie in Wien als Pianistin und Klavierlehrerin gearbeitet. Das schillernde Leben einer jungen Berufsmusikerin ist sicher nicht die optimale Vorbereitung für ein Leben als brave Ehefrau und vielfache (Stief-)Mutter in der Provinz. Doch das Konzept „alleinstehende berufstätige Künstlerin“ war damals einfach noch nicht an der Tagesordnung. Die blinde Pianistin Maria Theresia (von) Paradis lebt so. Aber ihr sieht man das vielleicht auch nur aufgrund ihrer Behinderung nach.

Freiheit würde einem nicht gegeben, sagt Paradis einmal zu Nannerl. Man müsse sie sich schon nehmen. Aber da ist Nannerl wohl ein Opfer ihrer Erziehung. Sie hätte es nicht fertiggebracht, sich wie ihr Bruder abzusetzen und den alten Vater im Stich zu lassen.

Dieser Aspekt der Geschichte fasziniert mehr als der Kriminalfall. Ganz für die Katz‘ ist das Buch also nicht. Nur als Krimi ist es eben nicht der Hit.

Der Autor
Matt Beynon Rees, am 8. Juli 1967 in Newport/South Wales geboren, studierte Englische Literatur an der University of Oxford und Journalismus an der University of Maryland, College Park. Danach lebte er fünf Jahre in New York, bevor er 1996 nach Jerusalem ging, wo er für ›The Scotsman‹ und ›Newsweek‹ schrieb. Von 2000 bis 2006 leitete er das Jerusalemer Büro des ›Time‹-Magazins, für das er auch weiterhin schreibt. 2008 erschien sein erster Krimi mit dem palästinensischen Lehrer Omar Jussuf. Seine Bücher erscheinen bisher in 25 Ländern. Rees spricht u. a. Arabisch und Hebräisch und lebt mit seiner Familie in Jerusalem.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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