Nick Trout: Ein Streuner kehrt heim – Roman

Nick Trout: Ein Streuner kehrt heim, OT: The Patron Saint of Lost Dogs, aus dem Englischen von Christine Heinzius, München 2014, Page & Turner/Verlagsgruppe Random House, ISBN 978-3-442-20430-4, Hardcover mit Schutzumschlag, 381 Seiten mit 7 schwarz-weiß-Fotos, Format: 14,7 x 4,2 x 22,2 cm, Buch Hardcover: EUR 14,99, Taschenbuch: EUR 8,99, Kindle Edition: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Page & Turner / Random House
Abbildung: (c) Page & Turner / Random House

EIN STREUNER KEHRT HEIM schildert nur eine knappe Woche im Leben des Dr. med. vet. Cyrus Mills, 41, aus Charleston/South Carolina. Aber diese Woche hat es in sich!

Vor 14 Jahren schon hat Dr. Cyrus Mills seine Approbation als Tierarzt erhalten, aber nie in einer Praxis gearbeitet. Wie seine Mutter Ruth war er als Veterinärpathologe hauptsächlich im Labor tätig. Jetzt hat er von seinem Vater Robert Cobb eine heruntergewirtschaftete Tierarztpraxis in Eden Falls geerbt, einem kleinen Ort in Vermont. Dort hat Cyrus die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht, ehe er in ein South Carolina auf ein Internat kam, an dem Seine Tante Rachel Mills Schulleiterin war und zu einer Ersatzmutter für ihn wurde. Nach dem Tod seiner leiblichen Mutter hat Cyrus den Nachnamen Cobb abgelegt und den Namen Mills angenommen.

Nie wieder wollte er nach Eden Falls zurückkehren. Die Erbschaft seines Vaters auszuschlagen, kann er sich allerdings nicht leisten. Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber befindet er sich in einem Rechtsstreit. Er hat Job und Approbation verloren und sitzt auf einem Berg von Anwaltskosten. Sein Plan: Nach Eden Falls zu fahren, die Praxis zu verkaufen und mit dem Geld seine berufliche Situation wieder in Ordnung zu bringen. Doch daraus wird nichts. Obwohl sein Vater unermüdlich gearbeitet hat, ist die Praxis hoch verschuldet und gehört samt dem Anwesen im Grunde der Bank. Banker Critchley gibt ihm eine Art Gnadenfrist: Wenn Cyrus es schafft, innerhalb einer Woche einen bestimmten Betrag zu erwirtschaften, kann er weitermachen.

Das ist der reine Wahnsinn, aber Cyrus hat nichts zu verlieren und sagt zu. Und nun steht er da: ein menschenscheuer Tierfreund ohne Zulassung und ohne Berufserfahrung, dafür aber mit einem Haufen Schulden und Papas Angestellten an der Backe: Dr. Fielding Lewis ist über 70 und arbeitet nur noch Teilzeit. Bürokraft Doris ist nicht viel jünger und eine pampige Kettenraucherin in unmöglicher Aufmachung. Dazu kommt, dass der verstorbene Tierarzt Robert Cobb in der Gemeinde fast wie ein Heiliger verehrt wurde. Als sein Nachfolger wird Cyrus es schwer haben. Für die wenigen Menschen am Ort, die seine Geschichte kennen, ist er der undankbare Sohn, der nicht mal zur Beerdigung seiner Eltern erschienen ist. Für die anderen ist er ein eigenbrötlerischer Fremder mit einem komischen Akzent.

Als allererstes soll er im Auftrag eines Kunden die kerngesunde Golden-Retriever-Hündin Frieda einschläfern. Das bringt er nicht übers Herz und behält das Tier heimlich. Dass Frau und Tochter des Kunden die Hündin als entlaufen betrachten und sie verzweifelt suchen, bringt Cyrus ganz schön in die Bredouille. Was soll er jetzt tun? Das Tier zurückgeben und damit dem Kerl ausliefern, der es töten lassen will?

Auch wenn der neue Tierarzt wenig Erfahrung hat: Diagnosen stellen kann er! Das lernen auch die Gemeindemitglieder bald zu schätzen. Er behandelt erfolgreich nierenkranke Katzen, Hunde, die etwas Giftiges oder sonstwie Unbekömmliches gefressen haben, er hilft dem Kitten einer behinderten Katze auf die Welt und sogar einem Menschenbaby. So langsam beginnt er auch zu begreifen, wieso sein Vater in seinem Beruf so aufging und dennoch nichts als Schulden hinterlassen hat. Aber es sind auch noch eine Menge Fragen offen:

  • Warum hat sein Vater ihm die Praxis überhaupt vermacht?
  • Wer versucht, ihn mit anonymen Briefen aus dem Ort zu vertreiben? Und warum?
  • Wer ist auf seiner Seite – und wer tut nur so?
  • Warum hat die brillante Amy ihr Studium aufgegeben und verplempert ihr Leben als Kellnerin im Diner von Eden Falls?
  • Was hat sein Angestellter Fielding Lewis zu verbergen?
  • Wie kann er Hündin Frieda wieder mit ihrer Familie vereinen, ohne ihr Leben zu gefährden?
  • Vor allem: Wie soll er es schaffen, in einer knappen Woche genügend Geld aufzutreiben, um die Praxis für den Verkauf flottmachen zu dürfen? Und … will er das überhaupt noch?

Die Story „Doktor kommt in ein Provinzkaff, wo ihm die misstrauischen Einheimischen das Leben schwer machen“ ist jetzt nicht so rasend neu. Hier erwischt es eben mal einen Tierarzt. Trotzdem leidet man mit dem sozial unbeholfenen Cyrus mit. Die Bewohner des Ortes sind schon sehr speziell! Als Tierfreund zittert man auch um jeden tierischen Patienten. Ob Clint, Puck, Toby, Tina oder Chelsea: Er wird doch hoffentlich herausfinden, was ihnen fehlt und sie retten können!

Dr. Cyrus Mills muss sich im Verlauf der Geschichte einigen unbequemen Fragen stellen und sich Antworten gefallen lassen, die ihm gar nicht schmecken. Am Ende der Woche wird er manches, das für ihn jahrzehntelang Gewissheit war, auf einmal ganz anders sehen.

Als Leser bleibt man fasziniert bei der Sache, weil man wissen will, ob er es gegen jede Wahrscheinlichkeit schafft, seine schwer angeschlagenen Patienten und seine Praxis zu retten. Das ist wie bei diesen amerikanischen Fernsehfilmen, in die man Sonntag nachmittags zufällig reinzappt und dann unbedingt bis zum Ende anschauen muss.

Die Aktionen von Robert Cobb, Cyrus’ Vater, sind nicht immer ganz nachzuvollziehen. Er war der Erwachsene. Hätte er sich nicht ein bisschen mehr um seinen kleinen Sohn kümmern müssen, statt zuzulassen, dass dieser sich ihm völlig entfremdet? Hätte man eine gewisse Beerdigung nicht um ein, zwei Tage aufschieben können? Und warum hat er, als er seine Angelegenheiten geregelt hat, nicht noch einmal versucht, mit seinem Sohn Kontakt aufzunehmen? – Wie dem auch sei: Die Abenteuer des Dr. Cyrus Mills in Eden Falls sind mitreißend, berührend und unterhaltsam. Der Titel allerdings passt nicht so recht zum Buch. Der Originaltitel war treffender, wäre aber in der Übersetzung zu sperrig.

Auf Englisch gibt es seit April 2014 bereits einen zweiten Band der Reihe: DOG GONE, BACK SOON.

Der Autor
Nick Trout hat an der University of Cambridge Tiermedizin studiert und arbeitet als Chirurg am berühmten Angell Animal Medical Center in Boston; er hat mehrere Bücher über seine Arbeit und sein Leben mit Tieren geschrieben, die alle New York Times Bestseller wurden. Nick Trout lebt mit seiner Frau Kathy und dem Labrador-Pudel-Mischling Thai in Massachusetts.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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