David Adam: Zwanghaft. Wenn obsessive Gedanken unseren Alltag bestimmen

David Adam: Zwanghaft. Wenn obsessive Gedanken unseren Alltag bestimmen, OT: The Man Who Couldn’t Stop. OCD, and The True Story of a Life Lost in Thougt, aus dem Englischen von Ursula Pesch, München 2015, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-26049-7, Klappenbroschur, 299 Seiten, Format: 13,7 x 3,5 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle Edition: EUR 14,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Dieses Buch ist nicht als Ratgeber gedacht. Doch wenn es (…) anderen auch nur die Augen öffnen kann, dann bin ich froh. Etwas Gutes wird aus dem erwachsen, was ich als Angst einflößende, elendige Erfahrung empfunden habe. Meine seltsamen Gedanken werden endlich einen Nutzen haben.“ (Seite 264)

Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich generell Interesse an psychologischen Themen habe. Was es bedeutet, eine Zwangsstörung zu haben, davon hatte ich nur eine schemenhafte Vorstellung. Das ist vielleicht keine ausreichende Motivation für die Beschäftigung mit diesem Werk. Es behandelt das Thema schon sehr gründlich.

Der Autor, ein britischer Wissenschaftsjournalist, ist seit seinen Teenagerjahren persönlich betroffen. Seit einem harmlosen Gespräch mit einem Schulkameraden ist er von dem Gedanken besessen, er könne sich durch versehentlichen Kontakt mit HIV-infiziertem Blut Aids zuziehen. Obwohl er weiß, wie unwahrscheinlich das ist, kann er nicht damit aufhören, seine Hände und seine Umgebung (Türklinken, Wasserhähne, Fußböden, Papierhandtücher in öffentlichen Toiletten) auf fremdes Blut hin zu untersuchen. Wieder und wieder.

Es ist ihm klar, dass sein Tun weit über übliche Vorsichtsmaßnahmen hinausgeht und absurde Ausmaße angenommen hat, doch er kann es nicht stoppen. Zahllose Anrufe bei der National Aids Helpline können ihn nicht beruhigen. Es dauert Jahre, bis er endlich kompetente Hilfe findet und eine Therapie bekommt, auf die er anspricht. Inzwischen ist er beinahe selbst Experte für die Entstehung und Behandlung von Zwangsstörungen geworden. In diesem Buch hat er zusammengetragen, was man heute über das Thema weiß – und über welche Punkte sich noch die Gelehrten streiten.

Bizarre Gedanken hat jeder mal: „Wenn ich dem Typ da drüben jetzt ans Schienbein trete, fällt er in den Bach“, schießt uns durch den Kopf. Wir wundern uns kurz über uns selbst und vergessen das Ganze wieder. So etwas Unzivilisiertes würde wir ja niemals tun! Wenn sich die Vorstellung, andere Menschen zu verletzen, nicht mehr abstellen lässt und wir allerhand mehr oder weniger absurde Vorkehrungen treffen, um die Gefahr zu bannen, dann haben wir es mit einem zwanghaften Gedanken zu tun – und in Folge davon mit zwanghaftem Verhalten.

  • Ein Drittel der Betroffenen hat Zwangsvorstellungen, die Schmutz und Krankheiten betreffen.
  • Ein Viertel fürchtet sich davor, Schaden anzurichten.
  • Ein Zehntel hat ein zwanghaftes Bedürfnis nach Mustern und Symmetrie.
  • Andere haben Zwangsvorstellungen in Bezug auf ihren Körper bzw. auf körperliche Symptome, oder religiöse, sexuelle oder gewalttätige Gedanken.

Manche dieser Ängste können für kurze Zeit gelindert werden, indem der Betroffene etwas prüft, reinigt, zählt, hortet oder bestimmte Handlungsschritte in einer genau festgelegten Reihenfolge ausführt. Aber diese Linderung hält nicht lange an. Es geht immer wieder von vorne los: Zwangsgedanke – Zwangshandlung, Zwangsgedanke – Zwangshandlung …

Wie kommt das zustande? Es ist offenbar keine moderne Zivilisationskrankheit, weil Berichte von derlei Symptomen auch aus anderen Epochen überliefert sind. Es gibt auch keine kulturellen Unterschiede. Die Zwangsgedanken und die damit verbunden Rituale sind überall auf der Welt gleich.

Theorien gibt es einige:

  • Eine gewisse (Über-)Vorsicht könnte uns einen evolutionären Vorteil gebracht haben. Wer sich gegen Risiken gut absichert, lebt länger und hat mehr Chancen, seine Gene zu verbreiten. Bei den Betroffenen ist dieser an und für sich positive Mechanismus dann irgendwie entgleist.
  • Eine Zwangsstörung kann auch eine Reaktion auf ein Trauma sein. Viele Betroffene können einen auslösenden Moment benennen. Die einen erleiden eine posttraumatische Belastungsstörung, die anderen entwickeln eine Zwangsstörung. Auch Kombinationen sind möglich.
  • Vielleicht ist der Auslöser auch in den Familienverhältnissen zu suchen.
  • Sogar eine Streptokokken-Infektion will schon als Ursache ausgemacht haben (PANDAS).

Aus welchem Grund auch immer scheint in vielen Fällen der Gehirnstoffwechsel durcheinandergeraten zu sein. Der Autor erklärt es ausführlich, ich habe es aber nicht ganz verstanden. Irgendetwas stimmt da nicht in den Basalganglien. Es ging um die Botenstoffe Dopamin und Serotonin. Von einem gibt’s zu viel, vom anderen zu wenig, was zur Folge hat, dass der Thalamus es nicht mehr schafft, das Signal: „Gefahr vorüber! Aktivitäten einstellen“ an den orbitofrontalen Cortex des Gehirns zu senden. Nun ist das Gehirn verwirrt: Die Sinne senden die Botschaft: „Alles okay!“, doch der Thalamus funkt weiter: „Gefahr!“ Die Rituale werden ausgeführt, obwohl keine objektive Notwendigkeit dafür besteht.

Hier kann man mit Medikamenten ansetzen, die die Aufnahme des Serotonins hemmen. Diese helfen zwar in der Mehrzahl der Fälle, doch bis zu 40% der Betroffenen sprechen nicht darauf an, ganz egal, welches Präparat sie einnehmen. Es muss also noch andere Ursachen für Zwangsstörungen geben, die man so nicht behandeln kann. An dem Problem ist man noch dran.

Der Autor macht sich Gedanken darüber, ob sein Gehirn oder sein Geist krank ist. Wäre es das Gehirn, läge die Störung außerhalb seiner Kontrolle und Verantwortung. Andererseits ließe sich ein „kaputter Geist“, den er als Untermieter seines Gehirns bezeichnet, doch aufgrund seiner Flexibilität und Lernfähigkeit sicher leichter reparieren als ein krankes Gehirn. Wobei wir wieder einmal bei dem Thema wären, inwieweit sich „Gehirn“ und „Geist“ überhaupt voneinander trennen lassen.

Gruselig ist das Kapitel, in dem David Adams verschiedene Ausprägungen der Zwangsstörung anhand von Fallbeispielen beschreibt. Geistig ausgestiegen bin ich bei der Abhandlung über Gehirnchirurgie. Das war für mich als medizinischen Laien doch zu speziell. Und auch die Frage, welche Behörde welche psychischen Erkrankungen mit welchen Folgen für Therapie und Pharmazie in welche Kategorien einteilt, hat mich etwas überfordert. Was immer die Bürokraten da veranstalten: Vielleicht hält sich der menschliche Geist einfach nicht an diese Einteilungen und erkrankt höchst individuell?

Man kann tatsächlich auch „ein bisschen“ zwangsgestört sein und ein Leben lang so im subklinischen Bereich herumdümpeln. Das kann man auf einer Skala messen. David Adam verrät uns, wo im Internet wir unseren persönlichen Wert ermitteln können. Als Leser wird man nämlich schon ein bisschen alarmiert: O Gott, ich habe als Kind Fingernägel gekaut und raufe mir heute in Stress-Situationen manchmal die Haare! Ist das schon eine Vorstufe zu irgendeiner (…)tillomanie?

Man lernt einiges aus diesem Buch. Jetzt kenne ich den Unterschied zwischen einer Zwangsstörung und einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Und nun ahne ich auch, was mit der jungen Frau los ist, die stets mit einer komplizierten Schrittfolge, begleitet von regelmäßigem Händeklatschen durch die Straßen geht. Und ich habe den Hauch einer Vorstellung, warum es nicht möglich ist, zwanghafte Rituale aus eigenem Antrieb abzustellen. Für einen interessierten Laien, der nicht persönlich involviert ist, steht vielleicht ein bisschen mehr in dem Buch, als er wissen wollte und verarbeiten kann.

Der Autor
David Adam, Dr. rer. nat., Jahrgang 1972, ist Wissenschaftsjournalist und Redakteur bei ‚Nature‘. Vorher hat er lange als Wissenschaftskorrespondent für den ‚Guardian‘ gearbeitet. Er hat Reportagen über die Arktis, die Antarktis, China und den Dschungel des Amazonas geschrieben und wurde von der Association of British Science Writers zum Autor des Jahres nominiert. David Adam lebt mit seiner Familie in London.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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