Der Robocop von der Hafenkante

Wenn es zeitlich passt, schau ich gern mal eine Episode der Vorabend-Fernsehserie „Notruf Hafenkante“. Kleine, überschaubare Geschichten über relativ „normale“ Leute und ihre Probleme. Keine Superhelden, nicht allzu albern, und ein paar echt taffe Frauenfiguren hat’s auch dabei. Ich bin ein Fan der Krankenschwester Frauke! Auch Polizeihauptmeisterin Claudia Fischer, die sich von ihrem hektischen und dampfplaudernden Kollegen Tarik nicht übermäßig beeindruckt zeigt, gefällt mir.

Wer mich allerdings irritiert, ist der Neuzugang, Polizeioberkommissarin Alexa Seifart, dargestellt von Minh-Khai Phan-Thi.

Alexa bewegt sich eckig, leiert auswendig gelernte Textpassagen aus irgendwelchen Dienstvorschriften und Seminaren herunter, scheint eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung zu haben – oder zumindest einen übertriebenen Hygienefimmel –, kriegt die Krise, wenn zu viele Reize auf sie einströmen (Hektik, Lärm) und hat überhaupt keine Ahnung, was andere Menschen empfinden. Dafür scheint sie über eine ausgezeichnete Beobachtungs- und Kombinationsgabe zu verfügen.

Irgendwann wird einer hinter sie treten, eine Klappe in ihrem Nacken öffnen und ihr den Saft abdrehen. Reingefallen, Leute, das ist gar kein Mensch, das ist ein neuartiger Polizeiroboter! Der Robocop von der Hafenkante.

Seit Wochen habe ich mich gefragt, was Alexa darstellen soll. Die Karikatur einer Asperger-Autistin? Hm … die sagen zwar auch manchmal Dinge, die ein Nichtbetroffener vermutlich diplomatischer formulieren würde und legen gelegentlich noch Argumente nach, obwohl der Gesprächspartner schon am Heulen oder kurz vorm Durchdrehen ist. Nicht aus Bosheit, sondern weil es ihnen unverständlich ist, wie da ein Mensch sitzen und die offensichtlichen Fakten ignorieren kann. So scheint das das zumindest bei denen zu sein, die ich kenne. Aber als roboterartig wie Alexa habe ich keine/n von ihnen je wahrgenommen. Ist sie also doch anders gemeint?

Jetzt habe ich mal gegoogelt, was die Autoren sich bei der Rolle der Alexa gedacht haben. Sich plump über Besonderheiten von Menschen lustig zu machen, ist sonst nicht die Art der Serie. Also: Die Polizistin hat Alexithymie. Aha, deswegen heißt die Figur wohl auch Alexa. 😉

Was das ist? Wikipedia übersetzt es mit „Gefühlsblindheit“, oder auch „Gefühlslegasthenie“ und sagt, das sei „die Unfähigkeit (…), die eigenen Gefühle adäquat wahrzunehmen und sie in Worten zu beschreiben.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Alexithymie

Mag sein, dass das Stichwort in der einen oder anderen Episode der Serie bereits gefallen ist. Ich sehe die Reihe ja nur sporadisch.

In wieweit die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi die Symptome „realistisch“ spielt, kann ich nicht beurteilen. Ich habe bis zur Stunde noch nie etwas von dieser Störung gehört.

Ein bisschen grenzwertig finde ich die Rolle schon. Alexa kommt rüber wie ein Alien, ein Exot, der irgendwie nicht richtig funktioniert. Ein bisschen wie Spock oder Data bei STAR TREK. Wobei ich bei denen nie das Gefühl hatte, die Kollegen würden sie fürchten und den Umgang mit ihnen als zu anstrengend meiden. Bei Alexa schon.

Und wie so oft bei Film- oder Serienfiguren mit psychischen Auffälligkeiten frage ich mich, ob das nun gut oder schlecht ist. Erfährt der Zuschauer durch die Darstellung etwas über die betroffenen Menschen? Weckt das Verständnis, mindert es Vorurteile und Berührungsängste? Oder wird die fiktive Figur stellvertretend für alle, die diese Störung/Krankheit/Besonderheit haben, der Lächerlichkeit preisgegeben? Die Rolle der Alexa hat schon eine Tendenz zum Kasper. Wenn sich daran nichts ändert, bin ich froh, wenn Rhea Harder in ihrer Rolle als Franzi Jung zurückkommt.

Foto: (c) Bernd Sterzl / www.pixelio.de
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