Petra Busch: Das Lächeln des Bösen – Psychothriller

Petra Busch: Das Lächeln des Bösen, München 2015, Knaur Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-426-51548-8, Softcover, 448 Seiten, Format: 12,6 x 3 x 19 cm, Buch: EUR 9,99, Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbíldung: (c) Knaur TB
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„Nein“, schluchzte sie, ohne ihn noch einmal anzusehen, „ich beruhige mich nicht. Da läuft ein Killer herum, der mich töten will und nicht einmal ein Geheimnis daraus macht, und Wenner und du wollt mich in die Klapse stecken!“ (Seite 314)

Geschwisterrivalität bis aufs Blut: Die ganze Kindheit über hat man Nina Bach die ältere Schwester als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Das war schön übel genug. Als die beiden Mädchen im Teenageralter sind, spannt Frauke der kleinen Schwester auch noch den Kerl aus. Die dreht vollkommen am Rad, verprügelt Frauke mit einem Stöckelschuh und landet für ein Jahr in der Psychiatrie. Nie wieder wird Nina in ihr Elternhaus zurückkehren. Sie bricht jeglichen Kontakt zu ihrer Familie ab.

12 Jahre später ist Nina Bach eine obdachlose Prostituierte mit einem großen Herz für Außenseiter. Frauke ist eine erfolgreiche Chirurgin mit schicker Eigentumswohnung – und sie ist tot. Angeblich Selbstmord. Bevor sie sich die Pulsadern geöffnet hat, soll sie sich selbst ein Stück Haut vom Unterarm abgezogen haben. „Blödsinn“, befindet Nina. Kurz vor ihrem Tod hatte Frauke sie aus heiterem Himmel angerufen und eingeladen um ihr etwas Erfreuliches mitzuteilen. Es hat sich gar nicht so angehört, als plane sie, aus dem Leben zu scheiden.

Auch wenn Nina nie mehr etwas mit ihrer Herkunftsfamilie zu tun haben wollte, reist sie jetzt doch an Fraukes Wohnort und macht Kriminalhauptkommissar Stefan Wenner und Rechtsmediziner Emil Koswig die Hölle heiß. Sicher haben sie etwas übersehen! Frauke muss ermordet worden sein! Doch niemand nimmt die schrille junge Frau mit den Hippieklamotten und den kreischrot gefärbten Haaren ernst. Ach so, eine ehemalige Psychiatriepatientin, die auf der Straße lebt! Na dann!

Als Nina erfährt, dass die Ehefrau des Rechtsmediziners Emil Koswig vor einem Jahr unter ganz ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist wie Frauke, ist sie davon überzeugt, dass hier ein Serienmörder am Werk ist. Sie versteht nicht, warum das außer ihr niemand sehen will.

Rechtsmediziner Koswig hat nicht nur den (Frei?-)Tod seiner Ehefrau Alexandra zu verkraften. Ihn plagen noch ganz andere Dämonen. Als Kind war er Opfer häuslicher Gewalt und ist dann irgendwann ins Heim gekommen. Auch wenn man das berücksichtigt, kann man in ihm nichts anderes sehen als einen gefühlskalten, launischen und arroganten Kotzbrocken. Warum alle Frauen auf ihn fliegen, Nina Bach inklusive, bleibt ein Rätsel. Nina zieht sogar bei Koswig ein. Sie muss länger in der Stadt bleiben als geplant. Da ihr Eltern nicht mehr dazu in der Lage sind, muss sie Fraukes Beerdigung organisieren und ihren Nachlass regeln.

Dass Nina immer noch an ihrer Serienmörder-Theorie festhält und selbst Nachforschungen anstellt, wenn es sonst keiner tut, scheint jemanden nervös zu machen. Sie wird bedroht und in der Wohnung ihrer Schwester überfallen. Oder bildet sie sich das alles nur ein?

Was hat ein taubblinder junger Mann mit all den Vorfällen zu tun? Er setzt sich aus seinem Pflegeheim ab um Frauke zu suchen. War er ihr Patient? Sie soll sich ja angeblich sehr für Menschen mit Behinderung engagiert haben. Alle, die sie kannten, beschreiben sie als herzlich, selbstlos und hilfsbereit. Nina kann es nicht fassen. Wieso hat Frauke, das egoistische Luder, einen so radikalen Persönlichkeitswandel vollzogen? Und wie passt der mysteriöse Kurierfahrer Timo Reichel ins Bild? Er will nicht Fraukes Lebensgefährte gewesen sein, hat aber anscheinend bei ihr gewohnt.

Dann ereignet sich ein dritter Todesfall nach demselben Muster. Jetzt kann wirklich niemand mehr behaupten, dass es sich um eine Reihe zufällig ähnlicher Suizide handelt! Wie das alles wirklich zusammenhängt, dämmert Nina erst beim blutigen Showdown …

Vielleicht bin ich einfach kein Psychothriller-Typ. Ich tat mich ein bisschen schwer mit dem Roman. Natürlich wollte ich wissen, ob Nina mit ihrem Verdacht Recht hat … und wer Frauke aus welchem Grund ermordet hat. Was mir fehlte, war eine „normale“ Identifikationsfigur. Wenn ein Mensch wie Sie und ich ohne eigenes Zutun in so ein gruseliges Thrillerszenario gerät, ahnt man als Leser, was er gerade empfinden muss und kann sich in seine Aktionen und Reaktionen hineinversetzen. Was aber, wenn ausnahmslos alle Personen in einer Geschichte traumatisiert, psychisch labil oder vollkommen wahnsinnig sind und ständig völlig unberechenbares Zeug machen? Dann könnte die Story genauso gut in einem völlig fremden Kulturkreis, wenn nicht gar bei den Aliens spielen, weil man beim Lesen ständig denkt: „Okay, ich kapiere jetzt zwar nicht, warum er/sie das tut, aber wenn er/sie meint …“

Ich habe weder Nina und Emil wirklich verstanden noch deren Angehörige. Das war mir alles zu grausam und zu krank. Ich vermute, dass für viele LeserInnen genau darin der Reiz liegt. Ich konnte auch Alexandras und Fraukes Pläne nicht nachvollziehen. Die meisten Menschen würden schreiend vor der Verantwortung davonlaufen, sie diese beiden sich freiwillig und unter großen Opfern auferlegen wollten. Das ehrt sie. Aber was hat das ausgelöst? Gerade Frauke war ja gar nicht der Typ dafür.

Und noch etwas habe ich mich gefragt: Wie kann jemand, der als Dreijähriger jegliche Kommunikation eingestellt hat, sich auf einmal mit Morsezeichen verständigen? Wenn dieser Mensch nie lesen und schreiben lernen konnte, wie kommt er dann mit dem Morsealphabet klar? Oder hat er nur die Vokabeln reproduziert, die man ihm beigebracht hat, ohne aktiv eigene Wörter bilden zu können?

Dass widerwärtige Grausamkeiten und unbegreifliche Aktionen psychisch auffälliger Menschen für mich nur begrenzten Unterhaltungswert haben, will ich jetzt nicht dem Buch anlasten. Wer nicht in völlig kranke Hirne kriechen will, soll eben keine Psychothriller lesen. Wer daran Spaß hat, ist hier richtig.

Die Autorin
Petra Busch, geboren 1967 in Meersburg, arbeitet als freie Texterin und Journalistin für internationale Kunden aus Wissenschaft, Technik und Kultur. Sie studierte Mathematik, Informatik, Literaturgeschichte und Musikwissenschaften und promovierte in Mediävistik. Für ihren Kriminalroman „Schweig still, mein Kind“ erhielt sie den renommierten Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt des Jahres 2010. Sie lebt im Nordschwarzwald.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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