Lisa Graf-Riemann: Madame Merckx trinkt keinen Wein – Südfrankreich-Krimi

Lisa Graf-Riemann: Madame Merckx trinkt keinen Wein, Köln 2015, Emons-Verlag, ISBN 978-3-95451-567-7, Softcover, 265 Seiten, Format: 13,4 x 2,5 x 20,3 cm, Buch: EUR 10,90 (D), EUR 11,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,49.

Abbildung: (c) Emons-Verlag
Abbildung: (c) Emons-Verlag

„Für Rätsel und Geheimnisse schien dies absolut nicht der passende Ort zu sein. Eines der hundert schönsten Dörfer Frankreichs, im sonnigen Midi, aber irgendwer hatte Jean Acotinin in den Schnaps gemischt und Mado die schrecklichen Blumen vor die Tür gelegt. Und jetzt war auch noch Giselle verschwunden.“ (Seite 214/215)

Grantig, geizig, schmuddelig: Der Landwirt Jean Baptiste Vidal, 58, ist nicht gerade der sympathischste Bewohner des Dörfchens Colombiers in den französischen Cevennen. Seine attraktive Gattin Madeleine „Mado“ erhofft sich noch ein wenig mehr vom Leben als nur Hausarbeit und Fernsehen. Ab und zu mal essen gehen wäre nett. Aber da macht ihr sparsamer Jean nicht mit. Sie würde auch gern in den örtlichen Reiseclub eintreten und im Herbst mit den Nachbarinnen nach Marokko fliegen. Aber wie soll sie das nur ihrem Mann beibringen? Er wäre garantiert dagegen.

Als die gläubige Mado in der Dorfkapelle den Heiligen Martin um Hilfe bittet, hat sie aber nicht gemeint, dass ihr Jean wenige Tage später tot auf der Brücke liegen soll. „Es war das Herz“, meint Dr. Daniel Michelet, der Hausarzt. Aber weil Jean Vidal immer von so robuster Gesundheit war und kurz vor seinem Tod noch problemlos einen in den Bergen verunglückten Jäger ins Tal geschleppt hat, kommt dem Doktor die Sache komisch vor. Sicherheitshalber veranlasst er eine Obduktion. Und tatsächlich: der Landwirt starb an einer Vergiftung!

Wer hat den Landwirt Jean Vidal vergiftet?
Aus Versehen kann der Mann das Gift nicht zu sich genommen haben, das muss ihm jemand verabreicht haben. Die Aufklärung eines Mordfalls traut man dem jungen Dorfpolizisten Marcel nicht zu. Der ist ohnehin mehr an seinen sportlichen Aktivitäten interessiert als an seiner Arbeit. Hier muss die Kriminalpolizei ran. Und so wird der schnöselige Commissaire Raymond Riquet aus Béziers in das kleine Bergdorf geschickt. Der stellt sich an, als habe man ihn die Steinzeit verbannt und gibt sich äußerst herablassend. Aber in Colombiers wissen die Leute, wie man auf einen groben Klotz einen groben Keil setzt.

Ein schnöseliger Commissaire aus der Stadt
Dass zwischen dem Commissaire und den Einheimischen keine vernünftige Kommunikation zustande kommt, macht die Ermittlungen nicht eben einfach. Für Riquet ist ohnehin klar: Die Witwe war’s. Die hat ihren tyrannischen Ehemann vergiftet. Das sehen die Frauen im Dorf ganz anders. Unter dem Kommando der ebenso mürrischen wie resoluten Belgierin Giselle Merckx machen sich die Witwe Mado sowie Arlette, die ihren schwerkranken Mann pflegt, und die Deutsche Isa, die derzeit bei Giselle wohnt, auf, um den Mord an Jean Vidal in eigener Regie aufzuklären. Tatsächlich finden sie heraus, mit welchem Gift Jean umgebracht wurde. An dieses Zeugt kommt man nicht so einfach ran! Also: Wer hat Zugang zu dieser Substanz? Und wer hätte ein Mordmotiv?

Gegenüber dem ortsfremden Commissaire haben die Hobbydetektivinnen einen entscheidenden Vorteil: Die Leute reden mit ihnen, und so erfahren sie deutlich mehr als er. Doch wenn man zu viel weiß, kann das auch gefährlich werden. Plötzlich ist Giselle Merckx verschwunden. Niemals wäre sie mitten in den Ermittlungen verreist, schon gar nicht, ohne Bescheid zu sagen. Jetzt sind die Damen des Dorfes doch froh, dass es die Polizei gibt …

Für Action ist es viel zu heiß
Für hektische Action ist es im sommerlichen Südfrankreich viel zu heiß. Die flirrende Hitze, die im Dorf herrscht, kann man beim Lesen regelrecht spüren. Entsprechend gemächlich entwickelt sich der Kriminalfall.

Man hat das Gefühl, während der Mordermittlungen in Colombiers zu Gast zu sein und die verstörten Dorfbewohner auf Schritt und Tritt zu begleiten. Es gibt hier nicht die zentrale Figur, sondern die Geschichte wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Mal sind wir Zeuge dessen, was Jean tut und denkt, mal steht seine Frau Mado im Mittelpunkt, dann wieder Giselle Marckx, Isa oder die Polizisten. Ja sogar der Heilige Martin kommt zu Wort und die Seele des verstorbenen Jean, die sich schwer damit tut, sich endgültig von der Familie und den geliebten Gärten zu verabschieden. Das ist ein bisschen skurril, aber unterhaltsam. Irgendwie passt das zu Mados naiver Volksfrömmigkeit.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich Isa, die deutsche Mitspielerin, richtig einordnen konnte. Warum wohnt sie bei Giselle Merckx, wenn sie doch ein Haus in Colombiers besitzt? Wieso ist dieses Haus an kriminelle Figuren vermietet, die ihre Miete nicht zahlen, keinen Menschen aufs Grundstück lassen und höchst zweifelhaften Geschäften nachgehen? Und warum interessiert keinen, was die da treiben?

Nachdem ich mich ungefähr 200 Seiten lang gefragt habe, wie die junge Isa in diesen Rentnerinnenclub hineinpasst und warum und wovon sie in dieser Einöde lebt, habe ich endlich kapiert, dass sie nur Urlaub in Colombiers macht. Womöglich eigens, um ihren Mietern auf den Zahn zu fühlen. Bei diesem Handlungsstrang bleiben Fragen offen, aber wir sehen ja auch nur eine Momentaufnahme aus dem Leben der Dorfbewohner. Da kann sich nicht alles restlos klären.

Ein Krimi für Genießer
Die Gegend ist so lebendig und bildhaft beschrieben, dass man am liebsten sofort dort hinreisen würde. Die Leute in dieser Ecke der Region Languedoc-Roussillon haben vermutlich keine Ahnung, dass dort ein deutscher Kriminalroman spielt und werden sich wundern, wenn auf einmal Touristen vorbeikommen, das Dorf aus dem Buch suchen (ich tippe ja auf Olargues), nach der Kapelle von „Saint Martin des oefs“ fragen und sich zudem bestens in der regionalen Küche auskennen. Die Rezepte der Speisen, die in dem Roman serviert werden, sind nämlich im Anhang beschrieben und eine Liste mit online-Bestellmöglichkeiten für französische Spezialitäten gibt es auch. So kann man sich mit Lesen, Essen und Trinken ein Stückchen Frankreich nach Hause holen. Ein Roman für frankophile Genießer.

So stelle ich mir den Ort der Handlung vor:

Die Autorin
Lisa Graf-Riemann, geboren in Passau, studierte Romanistik und Völkerkunde und ist seit 2009 freie Autorin. Sie hat fünf Kriminalromane und mehr als ein Dutzend Sachbücher geschrieben. »Madame Merckx trinkt keinen Wein« ist eine Hommage an ihre Wahlheimat Südfrankreich, wo sie vor vielen Jahren ein Natursteinhaus gekauft und eigenhändig renoviert hat.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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