John Niven: Gott bewahre – Roman

John Niven: Gott bewahre, OT: The Second Coming, aus dem Englischen von Stephan Glietsch und Jörn Ingwersen, München 2014, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-67633-6, Softcover, 400 Seiten, Format: 11,8 x 3,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99, Kindle Edition: EUR 8,99, Audio-CD: EUR 19,99.

Abbildung: (c) Wilhelm Heyne Verlag
Abbildung: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„… Christen gegen Schwule, Christen gegen Abtreibung, Christen gegen Sozialismus, Christen für Schusswaffen, Christen für Atomwaffen. Ich meine, das denke ich mir doch nicht aus! Was ist mit eurem Gemeinschaftssinn passiert? Begreift ihr es nicht? SEID SCHEISSE NOCHMAL LIEB ZUEINANDER!“ (Seite 278)

Wer als Kind mit irgendeiner Form von religiöser Erziehung konfrontiert wurde, dürfte sich irgendwann gefragt haben, ob Gott überhaupt verfolgt, was hier auf der Welt passiert. Und was Jesus, so er denn eine historische Person war, von dem halten würde, was alles in seinem Namen gesagt und getan wird.

Autor John Niven hat sich diese Fragen offenbar auch gestellt – und eine abgefahrene Geschichte daraus entwickelt. Der Himmel ist in seiner Vorstellung eine Art Familienbetrieb, Gott, der Chef, eine coole Socke: ein attraktiver Herr, der ausschaut wie Sky Dumont (wen auch immer Niven bei seiner Beschreibung tatsächlich vor Augen gehabt hat), ab und zu mal einen Joint raucht und über einen erstaunlich deftigen Wortschatz verfügt. Sein Sohn macht ihm Sorgen: Der Kerl wird einfach nicht erwachsen. Er singt, spielt Gitarre und hängt dauernd mit Musikern wie Jimi Hendrix herum.

Gott macht Ferien und das Chaos tobt
Weil auch Gott mal Ferien braucht, packt seinen Kram und fährt für eine Woche zum Fischen. Die Verantwortung überlässt er während dieser Zeit Jesus. Was kann in einer Woche schon anbrennen? Im Himmel nichts. Aber in einer Woche Himmelszeit vergehen auf der Erde immerhin rund 400 Jahre. Weil Jesus sich erwartungsgemäß um rein gar nichts kümmert, geht’s dort bald fürchterlich rund.

Bei Gottes Abreise hat man bei uns hier unten das Jahr 1609 geschrieben. Als er gut gelaunt mit einem Bündel Forellen wieder zurückkommt, sind wir im 21. Jahrhundert angelangt. Während er nachliest, was während seines Urlaubs alles passiert ist, kriegt er die Krise: „Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen, Guantanamo, Belfast, Kambodscha, Vietnam, Flandern, Ypern, Nagasaki, Hiroshima, Ruanda, Bosnien …“ (Seite 20) Auf einmal gibt’s Kapitalismus und Kommunismus, nukleare Abschreckung, ein Gleichgewicht des Schreckens, Abtreibungsgegner und Nulltoleranz, hochverzinsliche Risikoanleihen, Immobilienblasen, Fatwa und Jihad … Was, zum Geier, ist nur aus dem einzig wahren Gebot geworden: „Seid lieb?“

Satan in den Kellergeschossen – der ein wenig Danny DeVito ähnelt – triumphiert. Seine Geschäfte laufen glänzend.

Neuer Einsatz für JC
Den Herrn packt die Wut. Was für ein Sauladen! Soll er das Projekt Erde jetzt in die Tonne klopfen und anderswo noch einmal neu beginnen? Allerdings hat er schon eine Menge Zeit und Arbeit in ihre Entwicklung gesteckt. Na ja, vielleicht sollte er den Menschen doch noch eine Chance geben. Aber so kann er sie dort unten nicht weiterwursten lassen. Jemand muss sie auf Kurs bringen, sie führen, inspirieren und ihnen helfen. Die Auswahl ist da nicht groß. Und weil Gott auch der Herr über die Zeit ist, lässt er Jesus im Dezember 1979 als Sohn einer ahnungslosen Jungfrau im amerikanischen Mittelwesten auf die Welt kommen.

32 Jahre später haust der talentierte aber erfolglose Gitarrist und Sänger JC mit zwei Musiker-Kumpels in einer winzigen Bruchbude in New York und gilt als spinnerter Gutmensch. Was ja auch kein Wunder ist: Er nennt sich Jesus Christ, ist von einer unfassbaren Unschuld, Güte und Gelassenheit und kümmert sich hingebungsvoll um gescheiterte Existenzen wie Junkies, Obdachlose und Alkoholiker.

Jesus Christ – American Pop Star?
So richtig Bewegung kommt in sein Leben, als seine Musikerfreunde ihn dazu überreden, beim Casting der Fernsehsendung „American Pop Star“ mitzumachen. Dort erkennt man sein Talent und seinen publikumswirksamen Freak-Faktor und winkt ihn durch. Doch die Show selbst findet in Los Angeles statt. Weil er seine hilfsbedürftigen Freunde nicht alleine lassen will, kommen sie einfach alle mit. Mit einem ausrangierten und notdürftig umgerüsteten Greyhound-Bus fahren sie nach LA: JC und die Musiker Kris und Morgan, der traumatisierte Kriegsveteran Big Bob, die obdachlose Paar Gus und Dotty, das meist irgendwo betrunken in der Ecke liegt, die drogensüchtige Meg und Ex-Junkie Becky mit ihren beiden kleinen Söhnen Danny und Miles. Unterwegs lesen sie noch den Farmerjungen Claude und den schwerkranken arbeitslosen Tischler Pete auf.

Weil ihnen schon kurz vor Indianapolis die gesamte Reisekasse abhanden kommt, dauert die Fahrt eben ein bisschen länger. Sie müssen ja immer wieder „Arbeitsstops“ einlegen, um sich das Benzin- und Essensgeld zu verdienen.

Irgendwann kommen sie schließlich in LA an. Auch wenn Jesus sich an keine Regeln hält und alles repräsentiert, was Steven Stelfox, der zynische Juror von „American Pop Star“ von Herzen hasst, rockt er die Show. Das Publikum liebt ihn, die Einschaltquoten gehen durch die Decke. Nur gewinnen wollen die Verantwortlichen ihn nicht lassen. (Es hat ja nicht im Ernst einer geglaubt, dass wirklich die Zuschauer über den Sieger einer solchen Show entscheiden, oder?)

Friedliche Spinner
Hier hat die Geschichte ein paar Längen, vor allem für Leser, die sich mit solchen Castingsshows nicht auskennen. Na ja, auf jeden Fall bleiben von diesem Abenteuer genügend Dollars übrig, damit JC für sich und seine Getreuen in Texas eine Farm kaufen kann. Dort bauen sie Gemüse an … Gras auch …, jagen und fischen und gewinnen Strom aus ihren eigenen Windrädern. Immer mehr Menschen schließen sich ihnen an. Zum Schluss leben an die 100 Leute auf dem Gelände, in Hütten und in Zelten. Eine friedliche Gemeinschaft. Wer sich unfriedlich aufführt, fliegt raus. Waffen, zum Beispiel, – abgesehen von den zentral gelagerten Jagdgewehren – , duldet JC nicht.

Blasphemie! Drogen! Missbrauch!
Aber wie schon Friedrich Schiller wusste: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Ein geifernder Radioprediger und ein lokaler Pastor sehen in JC und seiner „Kommune“ eine Gefahr. Blasphemie, Sekten-Unwesen, Kindesmissbrauch, Drogen, Waffen, Terrorismus … ellenlang ist die Liste ihrer Vorwürfe. War eigentlich klar, dass sie sich weigern würden, an ihn zu glauben. Schließlich nimmt er ihnen die Deutungshoheit über das Christentum. Und der arme Dorfsheriff Ike, der JCs Leute nur für harmlose Spinner hält, sieht sich plötzlich in die Rolle des Pontius Pilatus gedrängt.

Nichts dazugelernt
Die Maschinerie läuft an. Und es wird das ganz große Besteck aufgefahren: Das FBI, die Drogenbehörde DEA, das BATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, eine Regierungsbehörde), sie alle hängen sich rein. Zum guten Schluss stürmt eine schwer bewaffnete Hundertschaft das Farmgelände und die Razzia läuft grandios aus dem Ruder. Sieht irgendwie nicht so aus, als hätte die Menschheit in den vergangenen 2000 Jahren viel dazugelernt. Aber an dieser Stelle ist die Geschichte ja noch nicht zu Ende.

Christen? Das seid ihr nicht!
Das Buch ist nicht so leicht einzuordnen. Da macht sich jemand Gedanken über Gott, den Glauben und die Religionen, über die Gesellschaft, die Menschheit und den Tod – und heraus kommt das kreischkomische Abenteuer eines naiven Musikers und einer Gruppe von Verlierern. Die Geschichte hat aber durchaus auch ihre berührenden Momente. In vielem ist man geneigt, dem Jesus aus der Geschichte zuzustimmen. Wenn irgendwelche Fundamentalisten ihre intolerante Weltsicht damit begründen, dass sie ja Christen seien, widerspricht er. Nein, genau das seien sie nicht. Und er verwahrt sich dagegen, dass sie fortwährend Gottes Willen interpretieren, weil sie damit in den allermeisten Fällen grundfalsch liegen. Jesus weiß schließlich am besten, was sein Dad denkt und will.
Das Erschreckende an diesen Szenen ist, dass der Autor die überdrehten Fanatiker gar nicht erfinden musste. Die rennen zuhauf frei herum.

Wie gesagt: Der Autor war selbst Musiker, und deswegen geht’s in dem Castingshow-Teil ein bisschen mit ihm durch. Da hätte man die Story vielleicht ein wenig straffen können. Das hat ja mit Jesus’ Auftrag nur bedingt zu tun. Und: Müssen die alle so extrem unflätig daherreden? Ständig? Ich bin ja durchaus ein Freund deutlicher Worte, aber das war mir doch zu viel.

Davon abgesehen fand ich die Geschichte faszinierend. Ich konnte nicht aufhören zu lesen, weil ich unbedingt wissen wollte, ob es für Jesus diesmal besser ausgeht als beim ersten Mal. Und seine Zusammenstöße mit manchen Ausläufern des Christentums sind sehr überzeugend.

Der Autor
John Niven, geboren im Südwesten Schottlands, spielte in den Achtzigern Gitarre bei der Indieband „The Wishing Stones“, studierte dann Englische Literatur in Glasgow und arbeitete schließlich in den Neunzigern als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. Neben Romanen schreibt John Niven Drehbücher. Er lebt derzeit in Buckinghamshire, England.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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