Unterschätzte Helden

Bei einem Gespräch über Lieblingsfiguren aus Film und Unterhaltungsliteratur zeigte sich eine Bekannte überrascht, dass ich einen kultivierten britischen Gentleman in einem Atemzug mit einem etwas prolligen, dauerquasselnden Italo-Amerikaner nannte. Bei näherer Betrachtung haben die beiden doch etwas gemeinsam: Sie gehören zu den Helden, die man gründlich unterschätzt.

Tatsächlich gehören eine ganze Reihe meiner fiktionalen Lieblingsfiguren zu dieser Gruppe. Entweder liegt das daran, dass das generell ein beliebtes Thema ist, oder daran, dass ich mit den amerikanischen Superhelden-Comics aufgewachsen bin. Die haben doch alle eine langweilige geheime Tarnidentität, um vor ihren Feinden und dem ewigen Weltretten auch mal ihre Ruhe zu haben.

  • Der klassische unterschätzte Held ist Clark Kent: ein fader, ein bisschen trotteliger Provinzjournalist, der in Wirklichkeit Superman ist. ‚Ja‘, denkt man als Comicleser, ‚legt euch nur mit Kent an, ihr fiesen Finsterlinge! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!‘So gesehen ist die Geschichte vom unterschätzten Helden eng verwandt mit der Schadenfreude: „Hihi, ätsch! Das seid ihr wohl an den/die Falsche(n) geraten!“ Und nun ergibt die Parade meiner Lieblingsheldinnen und Helden einen Sinn.
  • Inspector Columbo (Fersehserie): ‚Schmuddeliger kleiner Prolet‘, denken die Verdächtigen, denen er auf den Fersen ist und fühlen sich genervt von seinen scheinbar überflüssigen Fragen, seinem Gequassel und seinen ständigen Familienanekdoten. Wie clever er ist, merken sie erst, wenn die Handschellen klicken.
  • Tom Selleck als versoffener Kleinstadtsheriff Jesse Stone (Fernsehfilm-Reihe): Ein abgehalfterter Cop mit vielen Problemen und wenig Skrupel. „Ich bin der Polizeichef, ich weiß alles“ ist nicht nur so ein Spruch …
  • F. Paul Wilsons Romanheld Repairman Jack: Ein Problemlöser der lebensgefährlichen Art, der sich mit voller Absicht als langweiliger Durchschnittstyp inszeniert. Nur eine Handvoll Leute wissen, wozu der Kerl tatsächlich fähig ist. Na ja, und die eben, die auf seine Langweilermaske hereingefallen und nun nicht mehr in der Lage sind, davon zu berichten.
  • James Gerald, 70, Ex-Agent des britischen Secret Intelligence Service, aus den Romanen von Marlies Ferber: „Zurückhaltender Gentleman“, „alter Grantler“ oder „hinfälliger Opa“ – so sehen die Leute ihn, wenn er das so will. Dass er auch im Ruhestand noch nichts verlernt hat und immer noch über beste Kontakte verfügt, dämmert manch einem erst, wenn es zu spät ist. Stellt euch James Bond als Rentner vor!
  • Auch Frauen profitieren davon, unterschätzt zu werden. Zum Beispiel Margaret Rutherford als Miss Marple (Spielfilmreihe der 1960er-Jahre). Ob sie sich als Hobbyschauspielerin oder Hauswirtschafterin ausgibt oder einfach nur Hotelgast ist: die Leute denken geringschätzig ‚schrullige alte Schachtel‘ und rechnen nicht damit, dass sie ihren unlauteren Machenschaften nachschnüffelt.
  • Ähnlich ergeht es Frau Maier in den Krimis von Jessica Kremser: Sie ist eine wortkarge, menschenscheue bayerische Putzfrau im Rentenalter. Die Leute nehmen sie in ihrer Unscheinbarkeit gar nicht zur Kenntnis, aber Frau Maier beobachtet genau, hört gut zu und zieht ihre Schlüsse. Auch wenn es den zuständigen Ermittlern überhaupt nicht in den Kram passt, hat sie schon mehrfacht dazu beigetragen, dass Mörder hinter Gitter wandern.

Heldinnen, die sich vorsätzlich doof stellen, fallen mir jetzt keine ein. Das, was bei Clark Kent & Konsorten gut funktioniert, würde bei der Schilderung von (Amateur-)Detektivinnen vermutlich als frauenfeindlich gelten. Marple und Maier werden unterschätzt, weil niemand darauf gefasst ist, dass reifere Damen kriminellen Spürsinn besitzen – ob sie nun polternd-exzentrisch daherkommen oder schweigsam und introvertiert sind.

Schadenfreude gegenüber den allzu selbstsicheren Gesetzesbrechern ist ein Grund, au wir die unterschätzten Helden lieben. Aber vielleicht mögen wir sie auch, weil wir uns mit ihnen identifizieren. Hoffen wir nicht alle, dass in uns weit mehr steckt, als die anderen gemeinhin glauben?

Illustration: (c) Tim Reckmann / pixelio.de
Illustration: (c) Tim Reckmann / pixelio.de

Illustration: (c) Tim Reckmann / www. pixelio.de

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