Tucki Kaiser: Artgerechte Menschenhaltung. Tipps zur Anschaffung, Erziehung und Pflege

Tucki Kaiser: Artgerechte Menschenhaltung. Tipps zur Anschaffung, Erziehung und Pflege, Nerdlen/Daun 2015, Kynos Verlag, ISBN 978-3954640461, Klappenbroschur, 120 Seiten mit farbigen Illustrationen von Heinz Grundel, Format: 13,4 x 1,5 x 21 cm, Buch: EUR 16,95, Kindle Edition: EUR 14,99.

Abbildung: (c) Kynos-Verlag
Abbildung: (c) Kynos-Verlag

„Ein oder zweimal im Jahr braucht Ihr Mensch in der Regel einen Umgebungswechsel. (…) Witzigerweise sucht [er] sich dann klimatisch völlig andere Orte aus als jene, in denen er üblicherweise lebt, und zwar solche, in denen es entweder viel zu heiß oder viel zu kalt ist. Aus diesem Grund kehrt er dann aber meist schon nach wenigen Wochen wieder reumütig zurück (…) Der Hintergrund dieses Rituals ist bis heute völlig ungeklärt.“ (Seite 103)

Kein Zweifel: Hier spricht ein Experte. Kleinspitz Tucki hat fünf Jahre Erfahrung in der Menschenhaltung und teilt diese gerne mit seinen Artgenossen. Zu dem Zweck hat er den vorliegenden Ratgeber geschrieben, der für zweibeinige Leser nicht nur zum Quietschen komisch ist, sondern ihnen auch den einen oder anderen Erkenntnisgewinn beschert: „Ach, du Schande! So sieht das also der Hund? Na, dann wundert mich gar nichts mehr!“

Mit einer Art zärtlicher Herablassung gibt Tucki Tipps für den richtigen Umgang mit den geliebten Zweibeinern. Man darf sie keinesfalls überfordern, schärft er seinen Lesern ein. Sie seien nun mal keine Hunde. Und sie haben’s schwer: der aufrechte Gang macht macht es ihnen unmöglich, den Boden nach wertvollen Informationen abzuschnuppern. Und selbst wenn sie es könnten, brächte es ihnen nichts, weil ihr Geruchssinn so schwach entwickelt ist. Mit ihrem Gehör steht’s nicht wesentlich besser. Fell haben sie auch so gut wie keines, was sie schmerzempfindlich und wehleidig macht. Ihr Zeitgefühl lässt ebenso zu wünschen übrig. Selbst die Ernährung ist für die Menschen ein umständlicher Akt, für den sie jede Menge Hilfsmittel benötigen. Machen sie Besorgungen, haben sie keine Vorstellung davon, wie ewig lange sie von Zuhause weg sind. Aber was will man diesbezüglich auch erwarten von einem Lebewesen, das, nach hundlichem Ermessen, im Schnitt 560 Jahre alt wird?

Wie überleben Menschen ohne Hund?


Dermaßen unzureichend ausgestattet und ohne jegliches Gespür für die Gefahren des Lebens, ist es nur natürlich, dass die Menschen auf einen vierbeinigen Herr und Meister angewiesen sind – den Hund. Dass streunende Menschen – also solche ohne Hund – überhaupt überlebensfähig sind, grenzt in Tuckis Augen an ein Wunder. Wer beschützt diese denn vor gefährlichen Fahrrädern, aufdringlichen Postboten und räuberischen Müllmännern? (Wie Tucki die Tätigkeit der Müllabfuhr interpretiert, ist zum Brüllen.)

Über eines müssen sich Hunde im klaren sein, wenn sie sich eines oder mehrerer Zweibeiner annehmen: „Menschen bellen zwar meist nur sehr leise, aber dafür ungemein viel. (…) Mit der gewohnten Ruhe ist es damit nämlich vorbei.“ (Seite 16) Aber zum Glück ist der Homo sapiens einigermaßen gelehrig. Man kann ihm allerhand nützliche Tricks beibringen. Nur darf man ihn nie in dem Glauben lassen, er sei der Boss. „Der Mensch braucht eine starke Pfote und einen eindeutigen Platz innerhalb der Rangordnung Ihres Rudels.“ (Seite 74)

Der geneigte Leser erfährt Wichtiges über die Auswahl des/der richtigen Menschen, über Aufzucht und Pflege, Kommunikation und Erziehung, über arttypisches Verhalten, verschiedene Menschenkrankheiten, über die Trennungsängste der Zweibeiner und die Besonderheiten im Umgang mit Menschenwelpen.

Auch ein Fachhund kann sich irren


Es ist schon mal interessant zu sehen, dass Tucki sein Publikum siezt. Mir war gar nicht bewusst, dass fremde Hunde Sie zueinander sagen. 😉 Er ist eben ein sehr kultivierter und professioneller Ratgeber-Autor. Aber es geht ihm nicht viel besser als den menschlichen Fachleuten: Auch er sitzt dem einen oder anderen Missverständnis auf: Nicht immer freut sich der Mensch und ist in Spiellaune, wenn er hochroten Gesichts und mit wedelnden Vorderpfoten laut „bellt“.

Nun, kein Fachmann ist perfekt. Das gilt auch für Fachhunde. Aber man muss Tucki zugute halten, dass er sich große Mühe mit uns gibt. Nur eines hat er aufgegeben: Stubenrein kriegt man die Zweibeiner einfach nicht. Nur im äußersten Notfall erledigen sie ihre „Geschäfte“ wie ein anständiger Hund außer Haus. Zum Glück pinkeln sie wenigstens nicht in jede Ecke ihrer Hütte, sondern setzen sich zu diesem Zweck auf immer dasselbe Gestell. Und sie sind dankenswerter Weise in der Lage, auf Knopfdruck ihre Notdurft selbst zu entsorgen und die Hütte damit frei von Schmutz und Gestank zu halten. Das wär’ ja sonst noch schöner!

Das Ratgeber-Konzept auf den Kopf gestellt


Wenn man seinem Menschen ein paar Eigenarten lässt, ihn ordentlich beschäftigt, ihm ein bisschen Auslauf gönnt und ihm den Kontakt zu seinen Artgenossen ermöglicht, ist er schon zufrieden. So schwierig ist das also gar nicht mit den Zweibeinern, findet Tucki, und kann seine Leser beruhigen: „Wenn Sie ihm genügend Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken, werden Sie das meiste instinktiv richtig machen – machen Sie sich also nicht zu viele Sorgen.“ (Seite 30)

Es ist schon lustig, wenn das Konzept der herkömmlichen Hundehalter-Ratgeber hier einmal gründlich auf den Kopf gestellt wird und der tierische Autor sich deutlich gegen die Verhundlichung des Menschen ausspricht. Manches, was wir machen, muss unseren Vierbeinern in der Tat ausgesprochen wunderlich vorkommen. Dass sie unser Tun von ihren Erfahrungen her beurteilen und dabei zu Fehlschlüssen kommen, leuchtet ein. Das machen wir als Tierhalter ja kein Haar anders.

Weil ich sonst oft an der (typo)graphischen Gestaltung der Bücher aus dem Kynos-Verlag verzweifle, möchte ich hier ausdrücklich betonen: Dieses Buch liest sich sehr angenehm und macht dank der witzigen Illustrationen von Heinz Grundel wirklich was her. ARTGERECHTE MENSCHENHALTUNG ist eine vergnügliche Lektüre zum Selberlesen und auch ein nettes Geschenk für Hundefreunde, die Sinn für skurrile Szenen und amüsante Albernheiten haben, bei denen man sogar noch etwas lernen kann.

Es gilt die übliche Warnung: Wenn Sie das Buch im öffentlichen Raum lesen, laufen Sie Gefahr, schmunzeln, grinsen oder gar kichern zu müssen und von menschlichen Artgenossen auf Ihre Lektüre angesprochen zu werden.

Der Autor
Tucki Kaiser, ein fünfjähriger Kleinspitz, hat langjährige Erfahrung in der Zucht und Haltung von Menschen. Er ist Besitzer dreier weiblicher und dreier männlicher Exemplare der Rasse „Kölner“.

Der Illustrator
Heinz Grundel ist seit über 30 Jahren als freier Grafiker und Cartoonist tätig.
Besonderen Spaß macht ihm das Zeichnen und Karikieren von Hunden, weil er hier all die liebenswerten, komischen und manchmal skurrilen Eigenschaften der Vierbeiner wunderbar einfangen kann. Hauptsächlich wurde er durch seine eigenen Hunde beeinflusst, die ihn durch die letzten 35 Jahre begleitet haben. www.heinz-grundel.de

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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