Susan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street

TSusan Jane Gilman: Die Königin der Orchard Street, OT: The Ice Cream Queen of Orchard Street, aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld, Berlin 2015, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-17625-1, Hardcover mit Schutzumschlag, 552 Seiten, Format: 13,6 x 3,4 x 21,3 cm, Buch: Hardcover: EUR 19,95, Taschenbuch: EUR 10,99, Kindle Edition: EUR 16,99.

Abbildung: (c) Insel Verlag
Abbildung: (c) Insel Verlag

„Wir waren wie Schauspieler in den Lichtspielen. In der ersten Szene waren wir noch Malka und Herschel Bialystoker, zwei arme, abgerissene Russen, die Jiddisch sprachen und in der größten stinkenden Hitze auf der Lower East Side ankamen. Aber jetzt waren wir Lillian Dunkle und Hank Bailey, zwei geschniegelte, unternehmungslustige Amerikaner in sauberen Kleidern aus dem Warenhaus, die in einem DeSoto und mit einer Tasche voller Geld durch das Weideland von New Jersey fuhren. Mein Vater und ich, wir waren so formbar wie Schauspieler. Wir konnten irgendwer sein.“ (Seite 346)

Name, Alter, Sprache, Nationalität, Religion – das sind alles recht flexible Größen. Diese Erfahrung macht die USA-Immigrantin Malka Treynovsky gleich mehrfach im Leben. In diesem Buch erzählt sie uns davon. Geboren ist sie vermutlich 1908 in Wischnew, einem kleinen Dorf in Russland. Die nächste größere Stadt ist Bialystok. Ihre Muttersprache ist Jiddisch, und was ein Pogrom ist, erfährt sie schon als kleines Kind. Die Familie muss mit ansehen, wie russische Soldaten den Großvater in der Küche zu Tode prügeln.

Onkel Hyram ist bereits nach Südafrika ausgewandert. 1913 schickt er den Treynovskys Geld für eine Passage nach Kapstadt. Also bereiten Mutter, Vater und die vier Töchter die Emigration vor. Das Reisegeld wird in Malkas Mantel eingenäht, und Mutter Tillie schärft der Kleinen ein, das Geld nur ihr zu geben, niemandem sonst. Doch Malka ist knapp sechs Jahre alt. Gegen ihren Vater Herschel kann sie sich nicht zur Wehr setzen. Bei einem Zwischenaufenthalt in Hamburg luchst er ihr das Geld ab und kauft Tickets für eine Überfahrt nach Amerika. Seine Frau, die nicht lesen kann, merkt erst, was er getan hat, als sie an Bord geht.

New York statt Kapstadt


Nichts ist’s mit der verwandtschaftlichen Starthilfe in Südafrika! Sie landen als bettelarme Einwanderer auf New Yorks Lower East Side, in der Orchard Street. Bei der Registrierung kriegt ein Beamter irgendwie den Familiennamen und den Herkunftsort durcheinander, und aus Herschel, Tillie, Bella, Flora, Rosa und Malka Treynovsky wird mit einem Federstreich die Familie Bialystoker. Die hat das Glück nicht gerade gepachtet. Herschel, der Hallodri, macht sich schnell vom Acker, und Tillie und die Mädchen versuchen mehr schlecht als recht, sich mit Schneidern und Putzen über Wasser zu halten. Die labile Tillie gibt Malka die Schuld an ihrer verzweifelten Lage, weil sie sich vom Vater das Reisegeld hat abnehmen lassen.

Als Malka auf der Straße vom Pferdewagen des Speiseeisverkäufers Dinello überfahren wird und lebenslang schwer gehbehindert bleiben wird, holt ihre Mutter sie gar nicht erst aus dem Krankenhaus ab. Eine unnütze Esserin, die nicht arbeiten kann, kann sie nicht gebrauchen. Aus Mitleid und schlechtem Gewissen nehmen die Dinellos Malka auf, und die gewiefte und geschäftstüchtige Kleine wächst schnell in das „Gelato“-Business hinein. Doch wirklich dazugehören wird sie nie, auch wenn sie italienisch lernt, katholisch wird und den Namen Lillian Maria Dinello annimmt. Sie ist keine Blutsverwandte, sie ist keine Schönheit, sie lächelt nie, hat ein übles Schandmaul und dazu noch diese starke Gehbehinderung.

Dass sie in Albert Dunkle trotzdem einen Mann findet, sogar einen überaus gut aussehenden, der Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Errol Flynn hat, grenzt für viele an ein Wunder. Bert mag attraktiv sein, aber er hat auch seine Defizite. Er stottert und hat trotz aller Bemühungen nie lesen und schreiben gelernt. Deshalb hat ihn seine Familie in Wien als Totalversager betrachtet und nach Amerika „verbannt“.

Von der Pflegefamilie ausgebootet


Kaum ist aus Miss Lillian Dinello eine Mrs. Lillian Dunkle geworden, wird sie von ihrer italienischen Pflegefamilie fies ausgebootet. Sie, die für den Familienbetrieb Rezeptideen entwickelt, die Buchhaltung erledigt und vorteilhafte Lieferantenverträge ausgehandelt hat, steht plötzlich arbeitslos auf der Straße.

Aber Lillian ist eine Kämpferin. Mit ihrem Mann zusammen gründet sie eine eigene Speiseeisfirma. Aus einem klapperigen Eiswagen, mit dem die zwei über Land tuckern, wird ein millionenschweres Franchiseunternehmen mit diversen Patenten, Regierungsaufträgen und einer eigenen Fernsehshow. Und Lillian Dunkle wird zur Eiscremekönigin von Amerika. Doch Ruhm und Reichtum, Villa und Wohltätigkeit, Chanelkostümchen und Schönheitsoperationen hin oder her – Lillian ist und bleibt eine Gossenpflanze, die immer Angst hat, eines Tages wieder arm zu sein. Und sie ist nachtragend. Wer ihr einmal Unrecht getan hat, wird irgendwann mal die Quittung dafür bekommen. Das gilt selbst für Verwandte, die erst aus der Versenkung auftauchen, als Lillian Geld hat.

Entscheidungen und ihre Konsequenzen


Auf dem Weg nach oben hat die Eiscremekönigin nicht immer die Samthandschuhe angehabt. Als sie in den 1970er und 1980er-Jahren ein paar zweifelhafte Entscheidungen trifft, gehen einige Menschen an die Öffentlichkeit, die mit ihr noch eine alte Rechnung offen haben. Amerika scheint es gar nicht erwarten zu können, die Frau, die sie 40 Jahre lang wie eine Königin verehrt haben, vom Thron zu stürzen. Doch Lillian ist, wie gesagt, eine Kämpferin, auch noch mit 75 …

In schwindelerregendem Tempo geht’s zickzack durch sieben Jahrzehnte eines ereignisreichen Einwandererlebens. Und ein bisschen jüngere US-Geschichte kriegen wir auch noch mit. Lillian erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ. Mal schildert sie sehr farbig und anschaulich eine Episode aus ihrer lieblosen und ärmlichen Kindheit, dann wieder geht’s um die Firmengründung. Zwischendrin wird angedeutet, dass der alten Dame ein paar Gerichtsprozesse bevorstehen – mit ungewissem Ausgang. Erst nach und nach kann man sich zusammenreinem, was genau passiert ist und wie das alles zusammenhängt. Wo Lillians Geburtsfamilie hingekommen ist und warum es so schwierig war, sie zu finden, erfahren wir mit der Zeit auch.

Lillian ist gerissen und skrupellos, neureich, manchmal vulgär, herrisch und intrigant. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und zieht in einem wilden Mix aus Englisch, Jiddisch und Italienisch über Freund und Feind her. Sie ist von der Autorin nicht so angelegt, dass sie sympathisch wirken soll. Eine Antiheldin sei sie, habe ich des öfteren gelesen. Ich finde sie trotzdem großartig! Man kann fast nicht glauben, dass sie „nur“ eine literarische Figur ist. Sie erinnert mich an ein paar Selfmade-Geschäftsfrauen, mit denen meine Mutter zu tun hatte. Das waren ähnliche Kaliber, und sie werden auch ungefähr Lillians Jahrgang gewesen sein. Oder, wenn man ein prominentes Beispiel haben möchte: Leona Helmsley, die Präsidentin der Helmsley Hotels. Wenn man deren Geschichte kennt, ist es kein Wunder, dass sie so geworden sind, wie sie waren.

„Verklagt mich doch!“


Als ich gelesen habe, wie Lillian erst mit ihren Schwestern und später mit ihrem Mann vor den jeweiligen Verhandlungen das Feilschen probt, habe ich laut gelacht. Kenne ich! Sowas kann man ja auch nicht dem Zufall überlassen, da braucht man schon so eine Art Drehbuch.

Was etwas nervig war: Lillians Marotte, wichtige Sätze mit der Floskel „verklagt mich doch“ zu betonen. Im Englischen sagt sich das so flott: „So sue me“. Im Deutschen ist das nicht gebräuchlich und wirkt konstruiert. Ich will es jetzt nicht besser wissen als ein vielfach preisgekrönter Übersetzer, aber sowas wie „denkt, was ihr wollt“ hätte es in den allermeisten Fällen auch getan.

Ach ja: Falls sich jemand fragt, warum die Heldin die KÖNIGIN DER ORCHARD STREET sein soll, wo ihre Erfolgsgeschichte doch erst losging, nachdem sie die Orchard Street hinter sich gelassen hatte: „Malka“ ist das jiddische Wort für „Königin“. Sie wäre immer und überall eine gewesen.

Auch wenn diese kratzbürstige Eiscremekönigin beim besten Willen nicht als moralisches Vorbild durchgeht , sondern höchstes als zähe Überlebenskünstlerin, habe ich den Roman mit großem Vergnügen gelesen.

Die Autorin
Susan Jane Gilman stammt aus New York und hat an der Universität von Michigan Kreatives Schreiben studiert. Bislang veröffentlichte sie sehr erfolgreich drei Sachbücher, zudem schreibt sie u. a. für The New York Times, The Los Angeles Times und das Ms. Magazine. Für ihr Schreiben wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Die Königin der Orchard Street ist ihr erster Roman. Susan Jane Gilman lebt derzeit in Genf in der Schweiz und in New York.

Der Übersetzer
Eike Schönfeld, geboren 1949, übersetzt seit über 25 Jahren aus dem Englischen, u.a. Vladimir Nabokov, J. D. Salinger, Jeffrey Eugenides, Joseph Conrad, Katherine Mansfield, Martin Amis, Richard Yates, Sherwood Anderson und Charles Darwin. Für diese Übersetzungen wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2004 mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis, 2009 mit dem Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse, 2013 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Preis und 2014 mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis (zusammen mit Nicholson Baker).

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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