Tim Marshall: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt

Tim Marshall: Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt, OT: Prisoners of Geography, aus dem Englischen von Birgit Brandau, München, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-28068-6, Hardcover mit Schutzumschlag, 303 Seiten mit zweifarbigen Landkarten, Format: 14,1 x 3 x 21,3 cm, Buch: EUR 22,90, Kindle Edition: EUR 19,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Es ist egal, ob die Ideologie jener, die die Macht haben, zaristisch, kommunistisch oder nepotistisch ist – die Häfen frieren immer noch zu und die nordeuropäische Tiefebene ist weiterhin flach.
Nehmen Sie die Grenzen der Nationalstaaten weg, und die Landkarte, mit der Iwan der Schreckliche konfrontiert war, ist die gleiche wie die, die ein Wladimir Putin heute vor sich hat.“ (Seite 43)

Ich wär’ so gern ein Weltversteher. Oft frage ich mich nämlich, wie viele andere Durchschnittsbürger auch, warum sich ansonsten zivilisierte Staaten wegen eines unwirtlichen Zipfelchens Erde bekriegen. Was wollen die denn mit dem staubigem Gelände, wenn’s da nicht mal Erdöl gibt?

Der Autor Tim Marshall verspricht, uns die Weltpolitik anhand von zehn Landkarten erklären zu können. Karten? Liegt die Antwort denn in der Topographie? – In der Tat ist es bei umstrittenen Landstrichen oft so wie bei begehrten Immobilien: Entscheidend ist die Lage. Vielleicht ist ja genau dieses unbedeutende Inselchen für ein Land der entscheidende Zugang zum Meer oder das karge Gebirge eines, von dem die Armee des Nachbarstaates bequem herunterschießen könnte – was man aus nachvollziehbaren Gründen verhindern will. Da kontrolliert man diese entlegene Bergregion doch lieber selbst.

In Friedenszeiten den Krieg bedenken


Auch wenn man gerade mit keinem Land auf so schlechtem Fuß steht, dass man mit einem Angriff rechnen müsste und beispielsweise dringend einen (eisfreien) Hafen für die Marine und für Warenlieferungen bräuchte – die Regierenden dieser Welt gehen auf Nummer sicher, denken in Jahrhunderten, in denen bekanntlich viel passieren kann, und bereiten sich in Friedenszeiten auf mögliche Kriegsszenarien vor. Das leuchtet ein. Und so ergibt manches, was einem zunächst merkwürdig vorkam, durchaus Sinn: warum zum Beispiel der Westen auf die Krim verzichten konnte, Russland aber nicht … weshalb Tibet wohl nicht mehr selbstständig werden wird … wieso Indien und Pakistan sich in der Kaschmirfrage nicht einig werden und aus welchen Gründen es vielen Ländern vor der Vorstellung einer Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea graut.

Hohe Berge zwischen den Ländern oder weite Strecken unwegsamen Geländes, die ein Aggressor im Angriffsfall samt Nachschub zurücklegen müsste, verhindern ziemlich zuverlässig Kriege zwischen zwei Nationen. Wie könnten China und Indien einander bekämpfen mit dem Himalaya zwischen ihnen?

Die Vor- und Nachteile einer Ebene


Weite Ebenen dagegen, wie die nordeuropäische Tiefebene, die sich von Frankreich bis an den Ural erstreckt, sind geradezu eine Einladung zum Einmarschieren. In den vergangenen 500 Jahren wurde Russland mehrfach vom Westen her angegriffen. Kein Wunder also, dass es Putin nicht behagt, wenn die NATO immer näher an seine Grenze heranwächst. Mit den Ländern des Warschauer Pakts sowie dem Baltikum, Belarus, der Ukraine und Moldawien als Puffer war die Lage für Russland deutlich komfortabler.

Doch die Topographie kann nicht nur kriegsentscheidend sein, sie kann auch den Ausschlag dafür geben, wie sich eine Region wirtschaftlich und kulturell entwickelt. Ein gemäßigtes Klima,
fruchtbare Böden und ein Netz langer, gemächlich dahinfließender Flüssen sind ideale Bedingungen für einen regen Austausch von Gütern, was meist auch einen Technologie- und Kulturtransfer nach sich zieht. Die Menschen entlang der Handelsrouten lernen voneinander, die Region entwickelt sich. So war es in Europa und in den USA. Warum Lateinamerika und vor allem Afrika nicht so richtig auf die Füße kommen, erfahren wir auch.

Die Topographie ist nicht an allem schuld


Gut, nicht an allen Missständen sind Berge, Wüste, Urwälder, reißende Flüsse und unzugängliche Steilküsten schuld, auch wenn diese Gegebenheiten es erschweren oder gar verhindern, dass Menschen zu einem friedlichen Austausch zusammenkommen. Oft liegt es auch an menschengemachten Konflikten, wenn eine Region sich in Kämpfen aufreibt und keine Chance auf Frieden, Wohlstand und Fortschritt hat. Vielfach sind dies die Nachwirkungen des Kolonialismus. Irgendwer hat irgendwann ohne Rücksicht auf örtliche Gegebenheiten auf einer Landkarte Grenzen gezogen und ethnische Gruppen in einem Staat zwangsvereinigt, die nichts miteinander zu tun haben (wollen). Wenn die Kolonialherren dann fort sind, geht das Hauen und Stechen los: Die Gruppe die am mächtigsten ist, unterdrückt die anderen. Das ist in Afrika so und im Nahen Osten auch.

Der Autor wagt das Gedankenexperiment, was denn wohl wäre, wenn es anstelle von Israel einen Palästinenserstaat gäbe. Wäre im Nahen Osten dann alles in Butter? Nein, sagt er. Es würde an der Gesamtsituation kaum etwas ändern. Die Beziehungen der Staaten/religiösen Gruppierungen untereinander sind auch ohne Israel kompliziert genug.

Und welche Rolle spielt eigentlich die Türkei als „Mittelding“ zwischen Europa und Asien? Das fragt man sich ja auch manchmal …

Überraschende Erkenntnisse, bestätigte Vermutungen


Nicht alle Erkenntnisse sind vollkommen neu, manches hat man schon gelesen oder es sich zusammengereimt. Dennoch beschert das Buch dem Leser eine ganze Reihe von Aha-Erlebnissen. Je ferner einem die beschriebene Region ist, desto mehr. Über den Nahen Osten kann man mir nicht furchtbar viel Neues erzählen, über Indien und Pakistan, China, Japan oder gar Korea sehr wohl. Und was es für die „arktischen Fünf“ – Kanada, Russland, USA, Norwegen und Dänemark – bedeutet, dass das Eis schmilzt und die Bodenschätze rund um den Nordpol auf einmal abbaubar sind, darüber habe ich noch nie intensiver nachgedacht. Die USA anscheinend auch nicht. Die Russen sind da deutlich ausgeschlafener …

Selbst wenn es uns ins weite Weltall verschlüge und wir die Bodenschätze fremder Planeten ausbeuten könnten, gäbe es dort vermutlich den gleichen Hickhack wie auf der Erde. Wir Menschen können eben nicht aus unserer Haut. Oder, wie Tim Marshall es formuliert: „Auch wenn wir uns von den Fesseln der Schwerkraft losmachen konnten, sind wir bislang immer noch Gefangene unseres eigenen Geistes, der begrenzt ist durch unser Misstrauen gegenüber dem ‚anderen’ und unseren Wettstreit um Ressourcen bedingt.“ (Seite 287)

Das Buch enthält eine Fülle hochinteressanter Fakten über

  • Russland
  • China
  • USA
  • Westeuropa
  • Afrika
  • Den Nahen Osten
  • Indien und Pakistan
  • Korea und Japan
  • Lateinamerika
  • Die Arktis

Geographie und Geopolitik


Ob etwas Wichtiges fehlt und ob es „zulässig“ ist, dass Marshall hier munter Geographie mit Geopolitik (= Klima, Demographie, Kulturregionen, Zugang zu natürlichen Ressourcen) mischt, kann ich nicht beurteilen. Ich bin just einer der interessierten Laien, für die dieses Buch geschrieben wurde. Zum umfassenden Weltversteher wird man durch diese Lektüre sicher nicht werden, aber nachdem man eifrig zwischen Tim Marshalls Ausführungen und den entsprechenden Karten hin- und herge“zappt“ hat, weiß man doch um einiges mehr als davor.

Der Autor
Tim Marshall, geboren 1959, ist Politik-Redakteur bei Sky News, dem englischen 24-Stunden-Nachrichten-Sender, und anerkannter Experte für Außenpolitik. Er hat aus 30 Ländern berichtet, über den Jugoslawienkrieg ebenso wie über Afghanistan, den Irak, den Libanon und Israel sowie über amerikanische Präsidentschaftswahlen. Marshall hat für die BBC gearbeitet und war lange als Europa-Korrespondent und Korrespondent für den Nahen Osten tätig. Er wurde wegen seiner Berichterstattung vielfach ausgezeichnet. Sein Blog Foreign Matters war auf der Shortlist für den Orwell Prize 2010. Marshall hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

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