Susanne Goga: Es geschah in Schöneberg. Kriminalroman. Ein Fall für Leo Wechsler

Susanne Goga: Es geschah in Schöneberg. Kriminalroman. Ein Fall für Leo Wechsler, München 2016, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21622-7, Softcover, 333 Seiten, Format: 12,3 x 2,7 x 19,4 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,90.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

Berlin, im Winter 1927: Die große Modenschau im Romanischen Café soll für das aufstrebende Modehaus Morgenstern & Fink den Durchbruch bringen. Chefin Lotte Morgenstern träumt davon, die Schauspielerin Elisabeth Bergner als prominente Kundin zu gewinnen. Die Einladung zur Modenschau hat sie zumindest schon mal angenommen. Doch die Veranstaltung wird zum Fiasko. Gleich die ersten beiden Vorführdamen, wie man die Models damals nannte, brechen schreiend zusammen: Jemand hat das Kleiderfutter mit einem Kontaktgift versehen. Die Damen kommen ins Krankenhaus, die Polizei erscheint, die Show ist gelaufen.

Ein Giftanschlag auf eine Modenschau


Wer hat Interesse daran, das Modeatelier zu ruinieren? Entlassene Mitarbeiter? Neidische Konkurrenten? Dass der oder die Täter aus der Modebranche kommen müssen, daran besteht kein Zweifel. Kein Laie werde imstande gewesen, die Kleider auf diese Weise zu präparieren. Und noch etwas ist klar: Wer immer das Attentat verübt hat, muss Hilfe von innerhalb des Hauses Morgenstern & Fink gehabt haben.

Oberkommissar Leo Wechsler und seine Kollegen von der Polizeiinspektion A durchleuchten das Leben und den beruflichen Werdegang der Inhaberin Lotte Morgenstern und ihres Chefdesigners und Ehemanns Carl Fink. Doch da ist weit und breit kein Anlass für ein solches Attentat zu finden. Gut, wie Frau Morgenstern ihr Atelier finanziert hat, wirft vielleicht ein paar Fragen auf, aber bei ihrem vorigen Arbeitgeber, dem Modesalon Simon & Block, ist sie im Guten ausgeschieden und man lässt dort nichts auf sie kommen.

Bei ihrem Gatten sieht die Sache ein wenig anders aus. Carl Fink hat als letztes für das Modehaus Janson am Hausvogteiplatz gearbeitet und ist dort zwischen die Fronten von Senior- und Juniorchef geraten. Der Senior hat in dem jungen Modeschöpfer einen möglichen Nachfolger gesehen, der Junior einen Konkurrenten. Als Fink nach einem großen Krach gekündigt hat, hat der Junior gejubelt, der Senior aber begriffen, dass so ein begnadeter Designer schwer zu ersetzen ist. Finks Weggang würden sie womöglich teuer bezahlen müssen.

Viele Fakten, doch nirgends ein Motiv


Da geschieht ein Mord, der auf den ersten Blick gar nichts mit der Modebranche zu tun hat: Rainer Vogt, ein Mitarbeiter des Instituts für S e x u a l wissenschaft, wird erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden. Sehr schnell wird klar: Der Ermordete war homo s e x uell, er muss einen festen Freund gehabt haben, der regelmäßig bei ihm übernachtet hat – und er hatte Kontakt zum Modeatelier Morgenstern & Fink. Hängt Vogts Tod irgendwie mit dem Giftanschlag zusammen?

Leo Wechsler und seine Leute rennen sich die Hacken ab. Sie stoßen auf eine Fülle von privaten Problemen und interessanten Firmeninterna, aber wie alles zusammenhängt, bekommen sie einfach nicht zu fassen. Nichts, was sie zutage gefördert haben, liefert auch nur ansatzweise ein Motiv für den Anschlag oder den Mord. „In jeder Ermittlung gab es Momente, in denen man nicht weiterwusste, vielleicht sogar glaubte, versagt zu haben.“ (Seite 247) Wechsler ahnt, dass ihm ein entscheidendes Puzzlestück für die Lösung der beiden Fälle fehlt …

Wenigstens privat läuft’s für den Oberkommissar


Privat scheint es für den Oberkommissar endlich mal gut zu laufen. Mit seiner zweiten Ehefrau, der klugen und emanzipierten Bibliothekarin Clara ist der Witwer sehr glücklich. Auch seine Kinder, der 13jährige Georg und die 10jährige Marie, verstehen sich mit ihrer Stiefmutter gut. Wechslers unverheiratete Schwester Ilse hat es inzwischen verkraftet, in seinem Haushalt überflüssig zu sein. Sie hat eine eigene Wohnung, arbeitet als Arzthelferin in der Allgemeinpraxis von Dr. Magda Schott und hat einen sympathischen neuen Verehrer.

Dass Clara Wechsler ihre naturwissenschaftlich begabte Stieftochter Marie auf die Oberrealschule schicken möchte, während Leo den (finanziellen) Aufwand für ein Mädchen nicht so recht einsieht, ist nur kurz ein Diskussionspunkt. Dass Sohn Georg mitnichten mit einer harmlosen Jugendgruppe unterwegs ist, sondern sich in höchst zweifelhafter Gesellschaft herumtreibt, wissen die Wechslers noch nicht. Das weiß vorläufig nur der Leser.

„Beim Recherchieren und Schreiben wurde mir sehr deutlich bewusst, dass es zunehmend dunkler wird in Leos Welt“, schreibt die Autorin im Nachwort (Seite 331). Und in der Tat kommt es in dem Roman zu schweren Ausschreitungen der SA, wie wir am Rande mitbekommen. Leos kommunistisch gesinnter Nachbar wird auf offener Straße zusammengeschlagen, und ein bärtiger alter Herr kann sich in letzter Sekunde in das Modeatelier von Lotte Morgenstern flüchten: „Sie waren auf einmal da“, sagte er mit stockender Stimme. (…) Jemand rief etwas von ‚J u d e n p a c k’. Dann gingen sie schon auf mich los. Es kam so plötzlich, ich konnte die Hände nicht mehr vors Gesicht nehmen. Es waren junge Kerle in Uniform.“ (Seite 110)

Atmosphärisch dichte Zeitreise


Der Leser, der ja mit dem Wissen von heute auf diese atmosphärisch dichte Zeitreise geht, beginnt, um einige der Nebenfiguren zu fürchten. Was wird aus Kriminalassistent Jakob Sonnenschein und seiner Frau Esther, wenn das so weitergeht, wie wir wissen, dass es weitergeht? Und Georg Wechsler? Der kann der Katastrophe vermutlich so oder so nicht entrinnen. „Aber ich habe mir diese Epoche ausgesucht“, schreibt Susanne Goga, „und werde Leo auf seinem Weg begleiten. Und ich freue mich über alle, die uns dabei folgen.“ (Seite 331)

Ich folge Leo schon seit über 10 Jahren und denke bei jedem Band, dass dieser mir womöglich noch besser gefällt als der vorherige. Spannend und sehr gut recherchiert sind sie alle. Die Personen „leben“. Wenn man als Leser eine Serie so lange begleitet, entwickelt man eine Vertrautheit mit den Figuren, die jeden Band zu einem Wiedersehen mit alten Bekannten macht. Auch wenn die Zeiten wieder härter für sie werden: Ich will wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Und ich bin gespannt, in welchem Milieu Leo im nächsten Band ermitteln wird. Er war schon im Rotlichtviertel, in der Kunstmalerszene, beim Film und nun in der Modebranche unterwegs, und jedes Mal gab’s für den Leser neben dem Kriminalfall auch interessante und aufschlussreiche Blicke hinter die Kulissen.

Man kann dem vorliegenden Band auch inhaltlich folgen, wenn man die vorigen vier nicht gelesen hat. Das Gefühl aber, dass die Personen eine lange gemeinsame Geschichte verbindet, die man selbst nicht kennt, wird man nicht loswerden.

Leserinnen und Leser, die – wie ich – gerne vorab schon das Nachwort, die Danksagung und das ganze Drumherum lesen, möchte ich warnen: Wenn man weiß, zu welchen Themen die Autorin für dieses Buch recherchiert hat, ahnt man bestimmte Zusammenhänge zu schnell und nimmt sich ein wenig die Spannung. Aber das hat man ja in der Hand. Wenn man sich im Griff hat …

Die Autorin
Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie hat außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler mehrere historische Romane veröffentlicht.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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