Bessere Zeiten

Vor kurzem habe ich geträumt, verschiedene Menschen hätten mich angebrüllt und mir vorgeworfen, dass ich nicht bei meinen nächsten Angehörigen sei, die mich doch so dringend bräuchten. Im Traum habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wo die alle sind und warum ich mich nicht mehr um sie kümmere. Ich habe es doch sonst immer getan. Bis mir dann einfiel: Ich kann gar nichts mehr für sie tun. Sie sind tot.

Ich bin wieder ich …


Ich mache jetzt mein eigenes Ding. Dass ich das jetzt wieder kann und darf, das habe ich anscheinend noch nicht so ganz verinnerlicht. Aber ich bin sehr wohl wieder auf dem Weg zu meinem alten wuseligen Selbst. Hier ein Projekt, da eine Idee … auch wenn manches vielleicht ein bisschen schräg ist und ich mich hier und da auch etwas übernehme. Das liegt anscheinend in der Familie. Wir können nicht nichts tun. Wir müssen immer etwas planen, aushecken und machen und sind ständig am Rotieren. Manche meiner Verwandten sind/waren da wie die Tornados. Dagegen bin ich vergleichsweise ein laues Lüftchen. 😉

Wer mich nur latent depressiv und krank vor Sorge kennengelernt hat, wundert sich jetzt und fragt sich – oder auch mich direkt – ob ich nicht etwas verdränge, überkompensiere oder ob ich vielleicht gar eine bipolare Störung hätte. Äh …

Ich denke, ich bin einfach wieder so, wie ich bin, wenn das Leben mich lässt.

Ich habe keine Lust mehr, die Vergangenheit zu begrübeln


Würde es denn etwas bringen, mich dauerhaft zu fragen, was ich früher mal hätte anders und besser machen müssen? Warum ich für den Mann vermutlich die falsche Frau und als Tochter nicht unbedingt der Hauptgewinn war? Es tut mir sehr leid, dass ich viele Probleme nicht zu jedermanns Zufriedenheit habe lösen können. Ich habe alles so gut gemacht, wie ich es nach meinem damaligen Wissensstand konnte. Mehr ging nicht. Jetzt ist alles eben so, wie es ist, und ich wurstle mich nach eigenem Gutdünken durch meine persönliche Restlaufzeit.

Natürlich vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meine verstorbenen Angehörigen denke. Sie fehlen mir. Aber ich habe keine Lust mehr, ständig die Vergangenheit zu begrübeln, auch wenn manche Mitmenschen offenbar meinen, dass ich das tun sollte.

Macht mich das jetzt zu einem Menschen, der nach schlechten Zeiten wieder bei sich ist – oder zu einem Patienten ohne Krankheitseinsicht? Besteht im Leben so eine Art Grübelzwang? Oder ist es nicht viel mehr bescheuert, wenn man sich dafür rechtfertigen muss, wenn man mal für einen kurzen Moment den Kopf aus dem Dreck streckt?

Illustration: gnokii / openclipart.org
Illustration: gnokii / openclipart.org

7 Kommentare

  1. Edith, das, was du machst, hat mit ner bipolare Störung nichts zu tun. Im Gestern zu leben – das wäre ungesund. Ich bin der Ansicht, dass man nicht alles komplett durchdenken muss, sondern auch nach schweren Zeiten nach vorn gucken darf, sogar sollte, um geistig gesund zu bleiben. Du weißt selbst am besten, was dir gut tut. Lass dir da von niemandem reinreden.

    1. Dankeschön!
      Irgendwie ist das ganze Leben ja eine bipolare Angelegenheit. Mal läuft’s Scheiße, mal läuft’s gut. Und entsprechend muss man eben reagieren. Ich weigere mich zu akzeptieren, dass das Problemwälzen der Normalzustand sein soll.

  2. Liebe Edith,
    alles hat seine Zeit. Und wir können niemals aus unseren Haut, wie man so schön sagt.
    Man hätte nichts anders machen können, denn wir sind und waren alle Gefangene unserer Zeit.
    Es ist wie es ist und es war, wie es war. Das einzige, das wir ändern können, ist das Jetzt bewusst und aufmerksam zu leben. Mit Schuldfestivals ist keinem gedient. Wer sagt denn, dass die anderen DIR nicht genügten? Man sucht sich seine Prüfungen selbst und das gilt für alle Mitmenschen. Besonders und vor allem in der Familie wird mir das immer wieder bewusst. Du musst nicht die Pakete der anderen tragen.
    Das musste ich auch schmerzvoll lernen. Als Kind ist man nicht für seine Eltern zuständig und erwachsene Partner haben durchaus die Möglichkeit ihr Leben aktiv zu gestalten. Schon erstaunlich, dass immer wieder Frauen meinen, sie wären verantwortlich, wenn irgendwo was schief lief oder läuft. Dass die Anderen oft zu träge und zu faul sind ihr Leben selbst auf die Reihe zu kriegen, aber unbewusst Vorwürfe absondern, die Andere hätte da was verbockt, finde ich erstaunlich. Wir schreien dann auch immer gleich: HIER!
    Warum? Man ist auch nicht für die Gestaltung des Lebens seines Partners verantwortlich. Es gibt solche Grübelzeiten und man kommt da auch nicht über den Verstand raus.
    Sei Dir sicher; Du HAST keine Probleme, die es zu wälzen gilt.
    Alles ist gut. Du bist alleine, aber Du hast eine Arbeit, ein soziales Netz, das Dich auffängt und seien wir mal ehrlich: Was hat man für DICH getan in all der Zeit? Ist es da nicht müssig zu fragen, ob DU für andere zu wenig getan hast?

    1. Ute, genau das wollte ich auch schreiben. Ich gehöre ja auch zu den Leuten, die sich jeden Schuh anziehen, der irgendwo rumliegt, aber so langsam ringe ich mich zu der Einsicht durch, dass es nicht meine Aufgabe ist, die Probleme der anderen zu lösen.

      Edith, ich bin sicher, du hast getan, was du konntest, und wenn du schreibst, dass du nicht die richtige Frau für den Gatten und die richtige Tochter für deine Eltern warst, wer wäre es denn dann gewesen? Auf jeden Fall freue ich mich, zu lesen, dass es dir besser geht, und lass dir das bloß nicht von irgendwelchen Mitmenschen versauen. Irgendwas finden die ja immer. Alles Gute weiterhin.

  3. Also, wenn es in deiner Umgebung Leute gibt, die dir vorwerfen, dass du jetzt wieder beginnst zu leben, dann hast du tatsächlich ein Problem. Und das besteht in genau diesen Leuten. Da du gerade in deinem Elternhaus beim Großreinemachen bist und dauernd prüfen musst, was erhaltenswert ist und was weg muss, könntest du bei diesen zwischenmenschlichen Beziehungen diesen Check vielleicht gleich mitmachen.

    Ich habe ungeduldig auf neue Baugeschichten gewartet – endlich geht’s weiter.

    1. Manche sind schon zwischenmenschlich gefengshuit worden.

      Die Baufortschritte dokumentiere ich, aber im Moment sind wir eben noch in verschiedenen Stadien der Zerstörung mit leichten Tendenzen zum Wiederaufbau. Wenn man wirklich mal was anderes sieht als Löcher in den Wänden, zeige ich Raum für Raum eine Bildergalerie.

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