Nicholas Gannon: Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt (10 – 12 Jahre)

Nicholas Gannon: Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt ( 10 – 12 Jahre), OT: The Doldrums, aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke, Münster 2016, Coppenrath Verlag, ISBN 978-3-649-61942-0, Hardcover, 360 Seiten mit farbigen Illustrationen von Nicholas Gannon, Format: 14,9 x 3,2 x 21,7 cm, Buch: EUR 14,95 (D), EUR 15,40 (A), Kindle Edition: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Coppenrath Verlag
Abbildung: (c) Coppenrath Verlag

Oliver seufzte tief. (…)
„Schlimme Dinge geschehen einfach so, und wenn es so weit ist, sollte man ihnen ganz schnell aus dem Weg gehen.“
„Du kannst nicht immer allem aus dem Weg gehen“, sagte Adelaide.
„Du brauchst Freunde, die dich aus dem Weg ziehen“, sagte Archer.
Oliver starrte ihn an. (…)
„Aber du ziehst mich nicht aus dem Weg – du machst das Gegenteil.“ (Seite 249)

Als Archer B. Helmsley 9 Jahre alt ist, verschwinden seine Großeltern, die Naturforscher Ralph und Rachel Helmsley, spurlos bei einer Antarktis-Expedition. Fortan darf er das Elternhaus nur noch verlassen, wenn er zur Schule geht. Zu groß ist die Angst seiner Mutter, der verträumte Junge könnte ebenfalls in der Welt verlorengehen.

Also sitzt Archer alleine daheim in dem schmalen Haus in der Weidengasse, das bis unters Dach vollgestopft ist mit allerlei Kram, der seinen Großeltern gehört (hat). Er redet gern mit den ausgestopften Tieren im Haus – und weniger gern mit den Erwachsenen, die seine Eltern immer mal wieder einladen. Wenn man den Jungen zwingt, an den Dinnerpartys teilzunehmen, passieren meist fürchterlich peinliche Dinge.

Zwei Jahre geht das so, und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum Archers leidlich vernünftiger Vater zulässt, dass sein Sohn derart gefangen gehalten wird. Dann passiert zweierlei: Archer beginnt, sich mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen Oliver Glub, den er aus der Schule kennt, heimlich auf dem Dach zu treffen. Und in die unmittelbare Nachbarschaft zieht ein französischer Cafébesitzer mit seiner elfjährigen Tochter ein.

Drei Außenseiter schließen Freundschaft


Alle drei Kinder sind Außenseiter: Archer, weil er nicht unter die Leute darf, Oliver, weil er ein Hasenfuß mit wunderlichen Ideen ist, Adelaide Belmont, weil sie aus Frankreich kommt, einen Akzent hat und noch nie auf einer Schule war. Daheim in Paris hat sie immer Privatunterricht bekommen. Sie war außerdem einmal eine begabte Balletttänzerin, bis sie einen schweren Unfall hatte. Seitdem trägt sie eine Beinprothese. Sie hat sich angewöhnt, den Leuten zu erzählen, ein Nilkrokodil habe ihr das Bein abgebissen. Dass sie in Wahrheit einen schnöden Autounfall hatte, wissen nur die wenigsten.

Erst beneidet Archer das Mädchen glühend um sein aufregendes Leben mit den vielen Reisen. Zu gerne würde er auch mal ein Abenteuer erleben. Er wüsste sogar schon, welches. So ziemlich als einziger ist er davon überzeugt, dass seine Großeltern noch leben. Er will an den Südpol reisen, sie finden und nach Hause bringen. Doch dazu bräuchte er mehr Erfahrung mit der Außenwelt. Er kennt ja nichts anderes als die Schule und sein Elternhaus.

Irgendwann dämmert Archer, dass Adelaide vermutlich die Lösung für sein Problem ist: Sie hat so viel erlebt, dass sie bestimmt auch eine Polarexpedition ausrüsten kann. Dass sie einfach nur eine blühende Phantasie hat und sich vieles nur ausdenkt, kommt ihm nicht in den Sinn. Oliver dagegen ahnt etwas, würde aber um keinen Preis etwas tun oder sagen, das die Freundschaft zu Archer oder Adelaide gefährden könnte. Er zweifelt und schweigt.

Archer will zum Südpol – seine Großeltern retten


Sie schmieden allerhand Pläne, treffen skurrile Vorbereitungen für ihre Reise und haben fest vor, sich als blinde Passagiere auf ein Schiff zu schleichen, während ihre Schulklasse einen Ausflug ins Museum macht. Nur kurz wollen sie sich bei ihren Mitschülern sehen lassen und dann klammheimlich verschwinden. Pech nur, dass die neue Klassenlehrerin, Mrs. Murkley, das sonderbare Freundestrio auf dem Kieker hat.

Mrs. Murkley merkt recht schnell dass die drei etwas im Schilde führen. Als sie verhindern will, dass sie sich abseilen, bricht die Hölle los. Man sollte nicht für möglich halten, was ein paar wild entschlossene Schulkinder, eine rabiate Lehrerin, eine aufgescheuchte Menschenmenge und, nun ja, ein paar Tiere aus dem städtischen Zoo für ein Chaos anrichten können …

Schräg – aber irgendwie passiert nix


Ich hatte eigentlich erwartet, dass die drei Kids auf ihre Reise ans Ende der Welt ein bisschen weiter kommen, als dies dann tatsächlich der Fall ist. Aber der vorliegende Band ist der erste einer geplanten Reihe. Hier werden wohl erst die etwas versponnenen Helden samt ihrer Vorgeschichte eingeführt und die Story nimmt dann im nächsten Band im wahrsten Sinne des Wortes Fahrt auf. Das hoffe ich zumindest. Denn in diesem Buch passiert mir einfach zu wenig. Die Kids reden, lesen und planen, aber so richtig Action gibt’s erst gaaaaaanz am Schluss.

Vielleicht ist auch einfach nur der Buchtitel irreführend. Im Original heißt der Band schlicht „The Doldrums“ – Die Flaute. Das passt. Hat man dem Buch im Deutschen nur einen dieser superlangen und unmerkbaren Titel verpasst, weil die gerade modern sind, obwohl die Helden niemals ein wirkliches Reiseabenteuer erleben werden? Man weiß es nicht.

Die Romanfiguren sind herrlich verschroben, es kommt zu allerlei kuriosen und witzigen Begegnungen und die Themen Freundschaft, Respekt und Loyalität werden sehr einfühlsam behandelt. Und die Illustrationen versprühen einen altmodischen Charme. Nur wirklich ans Ende der Welt wurde eben nicht gereist. Und das war nicht das, was ich aufgrund des Titels und des Klappentextes erwartet hatte. Ich hatte da mehr in Richtung DER GOLDENE KOMPASS oder DIE CHRONIKEN VON NARNIA gedacht und immer vergeblich darauf gewartet, dass es jetzt endlich losgeht. Ob die Zielgruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen mehr Geduld mit der Geschichte hat als ich?

Der Autor
Nicholas Gannon hat Kunst und Design studiert und sich in verschiedenen Jobs versucht, bevor er Vollzeit-Autor wurde. Er hat in den Bundesstaaten Tennessee, Minnesota und New York gewohnt und für kurze Zeit auch in einem hohen, schmalen Sandstein-Haus in New York City, das ihn zum Haus der Helmsleys in Weidengasse 375 inspiriert hat. Inzwischen lebt der Autor in Brooklyn. „Die höchst wundersame Reise zum ende der Welt“ ist sein Debüt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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