Peter Spork: Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft

Peter Spork: Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft, München 2016, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-34886-7, Softcover, 247 Seiten mit s/w-Graphiken, EUR 9,90 (D), EUR 10,20 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Natur ist in. Immer mehr Menschen greifen beim Einkaufen zu, wenn sie die Labels ‚natürlich’ oder ‚biologisch’ entdecken. (…) [Aber] sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft gehen auf zutiefst widernatürliche Weise mit den physikalisch vorgegebenen Wechseln aus Tag und Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter um. Und die Hinweise nehmen zu, dass es eben diese Art von Widernatürlichkeit ist, wie wirklich negative Folgen hat.“ (Seite 14)

Wir haben seit dem Aufkommen der elektrischen Beleuchtung und der Industrialisierung verlernt, in Einklang mit unserer biologischen Taktung zu leben. Wir verlangen uns Höchstleistungen ab, wenn der Körper Ruhe braucht und ignorieren unser Bedürfnis nach Pausen und Auszeiten. Wir passen uns fremdbestimmten Rhythmen wie Schul- und Arbeitszeiten und dem gängigen Freizeitverhalten an, obwohl unser Körper ganz anders „tickt“.

Der Körper hat seine eigene innere Uhr und folgt seinen periodischen Zyklen, die er mit den Rhythmen der Außenwelt, also etwa dem Wechsel von Tag und Nacht abstimmt. Diese Zyklen kann man nicht nach Lust und Laune verschieben. Fernreisende kennen das Phänomen des Jetlag. Beim Wechsel der Zeitzonen ist man tagelang zur falschen Zeit wach, müde und hungrig. Wer dauerhaft gegen seinen Rhythmus lebt, leidet quasi unter einem permanenten Jetlag. Das führt nicht nur zu Reizbarkeit und mangelnder Leistungsfähigkeit, sondern langfristig auch zu Übergewicht und Krankheit.

In den 8 Kapiteln dieses Buchs zeigt der Autor jeweils, wo die gesellschaftliche Realität mit den Fakten aus der Wissenschaft kollidiert und stellt Lösungsvorschläge zur Diskussion, deren Umsetzung aber nicht immer in den Händen der betroffenen Einzelpersonen liegt. Wo Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft aktiv werden müssten, kann der kleine Arbeitnehmer nur resigniert seufzen und versuchen, wenigstens das umzusetzen, was in seiner Macht steht.

1. Mehr Licht!


Die Schaltzentrale unserer inneren Uhr ist ein Nervenknoten, der im Zwischenhirn sitzt. Mithilfe der Zeitgeber aus der Umwelt korrigiert sich diese „Bio-Uhr“ ständig selbst. Wir Fabrik- und Büromenschen von heute haben jedoch viel zu wenig Kontakt mit Tageslicht. Das Gespür für Zeit schwindet, unser innerer Rhythmus kommt durcheinander. Unser Stoffwechsel gerät aus dem Gleichgewicht und es steigt das Risiko, chronisch krank zu werden.

Der Autor empfiehlt, tagsüber mehr nach draußen zu gehen, vor allem vormittags. Wer das nicht tun kann, sollte mit Tageslichtlampen nachhelfen. Die Forderung, wie Büros, Krankenhäuser, und Pflegeheime ausgestattet und organisiert sein sollten, klingen einleuchtend aber utopisch. Das ist Peter Spork auch bewusst. Aber man muss Maximal(an)forderungen formulieren, damit man sieht, wo man steht und was noch getan werden muss.

2. Mehr Dunkelheit!


Nachts, wenn der Mensch schläft, geschieht einiges im Körper: Das Gehirn schaltet von „Datenaufnahme“ auf „Datenverarbeitung“ um, alte, verbrauchte Zellen werden entsorgt, andere „repariert“. Organe und Immunsystem erholen sich. Die abendliche Dunkelheit war ursprünglich mal ein Signal für den Körper, sich nun in die Ruhephase zu begeben.

Ist der Mensch abends bei Kunstlicht aktiv, wird zu wenig vom Nachthormon Melatonin gebildet. Man wird zu spät müde, geht zu spät zu Bett, schläft zudem manchmal schlecht – und die notwendige Regenerationsphase fällt zu kurz aus. Zu viel Licht am Abend hat ähnliche Folgen wie zu wenig Licht am Tag. Ab dem späten Nachmittag sollte man nur noch warmgelbe Leuchtmittel einsetzen, hell erleuchtete Räume meiden und Computer und Fernseher rechtzeitig vor dem Zubettgehen ausschalten.

3. Werft die Wecker weg!


In diesem Kapitel geht’s um die verschiedenen Chronotypen: die Lerchen (Frühaufsteher) und die Eulen, die morgens erst zwischen 9 und 10 Uhr munter werden, dafür aber auch bis in die Nacht hinein fit sind. Dazwischen gibt’s eine Menge Abstufungen. Das ist jeweils angeboren und kein persönlicher Verdienst. Veränderbar ist der individuelle Chronobiologietyp nicht. Aus einer Eule wird nie eine Lerche und umgekehrt. Unter www.euclock.org kann man testen, zu welchem Typ man selbst gehört.

Auch wenn nur 1/6 der Menschen zu den frühaufstehenden Lerchen gehören, sind unsere Schul- und Arbeitszeiten auf diesen Personenkreis ausgerichtet. Die Eulen haben das Nachsehen. Besser wäre es, wenn jeder gemäß seines Chronotypus lernen und arbeiten könnte. Hier richten sich die Forderungen des Autors an Wirtschaft und Politik. Der einzelne kann allenfalls einen Beruf wählen, der seinem Lebensrhythmus nicht komplett entgegensteht.

4. Schafft die Sommerzeit endlich ab!


Weil die innere Uhr von der Außenwelt permanent die falschen Signale erhält, sind wir in der Sommerzeit dauernd müde, meint der Autor. Nur extreme Lerchen lässt das weitgehend unberührt – aber wir sind auch nur eine verschwindend geringe Minderheit.

Dass es Angeberei ist, wenn Leistungsträger sich rühmen, dauerhaft mit nur 4 Stunden Schlaf auszukommen, ist auch uns Lerchen klar. Sie schaffen das sicher irgendwie, aber gesund ist es nicht. Auch für die wichtigen Damen und Herren der Politik und Wirtschaft gilt, was auf Seite 106 steht:Chronischer Schlafmangel lässt uns schneller altern. Er schwächt das Immunsystem (…). Er verschlechtert die Stimmung und erhöht die Gefahr für nahezu alle psychischen Leiden. Zudem erhöht er das Risiko für Stoffwechselstörungen aller Art. (…) Und (…) er macht uns auf Dauer dick.“

5. vom Ende der Schichtarbeit


Nichts verstellt die innere Uhr so gründlich wie Schichtarbeit oder Langstreckenflüge. Während man das Reise-Jetlag wenigstens ein kleines bisschen austricksen kann, bestünde in der Arbeitswelt eine Lösung darin, die rotierenden Wechselschichten abzuschaffen und die einzelnen Schichten mit Mitarbeitern des entsprechenden Chronotypus zu besetzen.

Mit Vorschlägen wie zwischen 1 Uhr nachts und 9 Uhr morgens überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren zu lassen, kann ich jetzt weniger anfangen. Wie kommen dann die Lerchen zur Arbeit? Jetzt eine „Eulokratie“ auszurufen und die A***karte von A nach B zu schieben, kann nicht die Lösung sein.

6. Macht Schulzeiten für Schüler, nicht für Lehrer!


Nie ist der Mensch „eulenhafter“ veranlagt als in seiner Jugend. Für die allermeisten Abiturienten wäre eine Schlafenszeit von 1 – 10 Uhr ideal. Schule aber fängt zur ersten oder gar zur „nullten“ Stunde an (gegen 7 Uhr) – also für sie mitten in der Nacht und weit vor ihrem eigentlichen Leistungshoch. Ein Vorschlag des Autors: Unterrichtsbeginn in den Klassen 1 bis 6 zwischen 8:30 und 9 Uhr, in der Mittelstufe nicht vor 9 und in der Oberstufe nicht vor 10 Uhr. Das wäre machbar. Aber irgendwie tut’s keiner …

7. Mach mal Pause!


Warum dauern Spielfilme meist 90 Minuten? Weil der Mensch spätestens nach eineinhalb Stunden Aufmerksamkeit eine Pause braucht. Alle 4 Stunden ungefähr meldet sich tagsüber der Appetit, alle 12 Stunden erreichen Blutdruck und Herzfrequenz ein Tief: am frühen Nachmittag und in der späten Nacht. Die „Siesta-Senke“ ist offenbar ein biologisches Programm. Nur gilt leider, wer Pause macht, als faul. Die Pausenzeiten, die biologisch sinnvoll wären, bleiben für abhängig Beschäftigte einstweilen ein … äh … Traum.

8. Esst euch fit!


Im letzten Kapitel geht es um das optimale Timing für Essen und Sport. Nachts sind die Organe auf Ruhe gepolt, da kann der Körper die Nährstoffe nicht so gut verwerten. Nächtens aufgenommene Nahrung bringt den Stoffwechsel durcheinander mit den bekannten Folgen für die Gesundheit. Die Empfehlungen für den Leser sind hier nicht so revolutionär: morgens und mittags energiereich essen, abends wenig, spätabends gar nichts. Und Sport ist, wie wir uns das schon gedacht haben, tagsüber sinnvoll, nachts kontraproduktiv.

Der Autor macht uns bewusst, dass es sich für uns alle lohnt, auf eine neue Zeitkultur zu achten. Nur können sich aber die wenigsten Menschen ihr Umfeld so einrichten, wie es ihrem Chronotypus entspricht. Dazu sind wir zu fremdbestimmt. Was wir persönlich tun können, um ausgeschlafen(er) und fit(ter) zu werden, das sollten wir auch in Angriff nehmen. Wir tun uns einen Gefallen damit.

Der Autor
Dr. Peter Spork, Jahrgang 1965, gilt als einer der führenden deutschen Wissenschaftsautoren. Er studierte Biologie, Anthropologie und Psychologie in Marburg und Hamburg und promovierte im Bereich Neurobiologie / Biokybernetik. Seit 1991 arbeitet er als freiberuflicher Wissenschaftsjournalist unter anderem für „FAZ“, „NZZ“, „SZ“, „bild der wissenschaft“, „Die Zeit“ und „Geo“. Spork ist Autor mehrerer Sachbücher für Kinder und Erwachsene und hält im deutschsprachigen Raum erfolgreich Vorträge zu den Themen seiner Bücher. Die Bücher wurden bislang in neun Sprachen übersetzt. Sein Bestseller „Der zweite Code“ ist das erste populärwissenschaftliche Buch über Epigenetik. Außerdem ist Spork Herausgeber des „Newsletter Epigenetik“. Der Deutschlandfunk nannte ihn „Der Mann, der die Epigenetik populär machte.“

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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