Ralf Lisch: Inkompetenzkompensationskompetenz: Wie Manager wirklich ticken

Ralf Lisch: Inkompetenzkompensationskompetenz: Wie Manager wirklich ticken, Geschichten, Münster 2016, Solibro-Verlag, ISBN 978-3-96079-013-6, Softcover, 218 Seiten, Format: 13,1 x 2 x 20,5 cm, Buch: EUR 16,80, Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: (c) Solibro-Verlag
Abbildung: (c) Solibro-Verlag

„Tatsächlich sind es (…) Status, Macht, Karriere, Eitelkeit und andere durchaus menschliche Motive und Eigenschaften, mit denen sich Managementprozesse treffend beschreiben und vorhersagen lassen. (…) Es geht um die elementare Kompetenz, die eigene Inkompetenz zu kompensieren.“ (Seite 10)

Zehn frei erfundene aber dennoch eng an die Realität angelehnte Geschichten aus dem Manageralltag hat der Ex-Manager und Soziologe Dr. phil. Ralf Lisch für dieses Buch zusammengestellt. Ob es um Managementseminare geht und um die Umsetzung des dort erworbenen Wissens, um Hoffnungsträger, auch „High Potentials“ genannt, um die mitunter recht absurden Rituale der Budgetplanung oder um das Gespenst der Reorganisation – wenn man lange genug für große Unternehmen gearbeitet hat, hat man hier ein Déjà-vu nach dem anderen.

Sind die Besprechungsräume des eigenen Arbeitgebers etwa verwanzt oder hat ein gehässiger Kollege dem Autor womöglich Insider-Informationen gesteckt? Wie’s beim „Strategy-Meeting“ abgeht, vielleicht? Bis hin zum Firmen-Denglish klingt das alles dermaßen vertraut …! Doch dann dämmert einem: Dieser Wahnsinn ist mitnichten unternehmensspezifisch – er ist weit verbreitet! Gold-Standard, sozusagen.

Erheiternde Lektüre, verstörende Erkenntnis


Doch das haltlose Gelächter über die Macken und Marotten der Vielflieger, über die Tücken des Qualitätsmanagements, über Peinlichkeiten auf Rentnerfeiern und über das, was hinter den Kulissen einer Firmenübernahme vor sich geht, bleibt dem Leser bald im Hals stecken, denn so erheiternd diese Lektüre auch ist – eigentlich ist die Erkenntnis, die man daraus gewinnt, zutiefst verstörend.

Im Management ist alles genau so, wie wir es seit Jahrzehnten befürchtet haben: Ein paar wenige haben Einblick und Überblick und können aus den ihnen vorliegenden Zahlen leidlich vernünftige Entscheidungen ableiten (oder sie haben nur unverschämten Dusel). Der große Rest aber tut nur so als ob. Und das ist erschreckend. Da geben Leute die Richtung vor, die selber keine Ahnung haben, wo’s langgeht, und wir alle rennen ihnen brav hinterdrein. Wenn das schon in der Wirtschaft gang und gäbe ist, wird’s in der Politik nicht viel besser sein.

Tatsächlich nur Mumpitz und heiße Luft


Solange wir jung waren, hatten wir wenigstens noch die Illusion, dass die, die den Kurs bestimmen, mehr Wissen, Bildung und Erfahrung haben als wir selbst. Je älter wir wurden, desto stärker wurden die Zweifel daran. Diese Gedanken verdrängen wir jedoch meist schnell wieder, denn wir möchten nur zu gerne darauf vertrauen, dass die Geschicke der Wirtschaft (und der Politik) in kompetenten Händen sind. Und jetzt kommt da so ein Wissenschaftler daher und sagt sinngemäß: „Nein, nein, Leute, ihr bildet euch das nicht ein. Ihr seid auch nicht über die Jahre alt und zynisch geworden. Management ist tatsächlich in den allermeisten Fällen nur planloser Mumpitz und heiße Luft.“

Na, siehste, wir hatten also die ganze Zeit über Recht! Es nutzt uns nur nichts. Solange wir berufstätig sind, sind wir den Dampfplauderern ausgeliefert. Auch der Autor will oder kann keine Alternativen aufzeigen. Er beschreibt nur treffend überaus amüsant den Ist-Zustand.

Hilft es vielleicht, für kleinere Unternehmen zu arbeiten oder sich selbstständig zu machen, fragt man sich, nachdem man dieses Buch gelesen hat. Natürlich gibt es Unternehmensstrukturen mit weniger Management-Heißluft, aber die haben wieder andere Eigenheiten und Probleme. Jede/r muss die Form des Firmenwahnsinns finden, mit der er/sie am besten leben kann. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Lachen statt aufregen


Es trägt zweifellos zur Entspannung bei, wenn man über den Firmenwahnsinn, über den man sich sonst immer aufregt, mal herzhaft lachen kann. Jüngeren LeserInnen beschert die Lektüre sicher das eine oder andere Aha-Erlebnis, in Ehren ergraute Konzern-Mitarbeiter fühlen sich dagegen in sämtlichen (Vor-)Urteilen bestätigt. Eines sollte einem aber klar sein: Der Autor ist nicht mit dem Anspruch angetreten, eine Lösung für die beschriebenen Probleme zu liefern. Die darf man von diesem Buch nicht erwarten.

Der Autor
Dr. phil. Ralf Lisch, 1951 in Bremen geboren, studierte Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisations- und Personalwesen sowie Statistik und Sozialforschung an Universitäten in Deutschland und den USA. Er schloss sein Studium als Doktor der Philosophie ab. Nach einer Karriere in der akademischen und angewandten Forschung war er mehrere Jahrzehnte in leitenden Positionen im In- und Ausland tätig und kennt sich im Management bestens aus. Nach Stationen in Kuala Lumpur und Hong Kong ist er inzwischen in Singapur zu Hause, wo er als freier Autor und Consultant tätig ist. Sein besonderes Interesse gilt den historischen Vorläufern der Managementliteratur. Ralf Lisch hat zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel zu wissenschaftlichen wie populären Themen veröffentlicht.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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