Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht (Roman, 10 – 12 Jahre)

Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht (Roman, 10 – 12 Jahre), OT: A Boy Called Christmas, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, München 2016, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-28088-4, Hardcover mit Schutzumschlag, 264 Seiten mit s/w-Illustrationen von Chris Mould, Format: 13,1 x 2,7 x 19,9 cm, Buch: EUR 18,–, Kindle Edition: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Das Unmögliche ist eine Möglichkeit, die du nur noch nicht erkannt hast.“ (Seite 98)

Was hat der Weihnachtsmann eigentlich gemacht, bevor er der Weihnachtsmann wurde? Wie kam er zu seinem Job? Es muss ja einen Grund haben, dass ein Mensch – und er ist doch ein Mensch, oder? – allein bei den Wichteln am Nordpol haust, über ein Gespann an fliegenden Rentieren verfügt und den Kindern einmal im Jahr Geschenke bringt! Der Mann mit der roten Mütze hat bestimmt eine interessante Vorgeschichte, dachte sich der britische Autor Matt Haig und ist der Sache auf den Grund gegangen …

Man sollte sich nicht davon täuschen lassen, dass das Buch entzückende Illustrationen hat und als Kinderbuch verkauft wird. Manche Anspielungen werden wahrscheinlich nur von erwachsenen Leserinnen und Lesern richtig verstanden werden. Und für empfindsame Kinder ist die Geschichte vielleicht auch ein bisschen düster.

Als der Weihnachtsmann noch ein Junge war


Der 11jährige Nikolas, der den Spitznamen „Weihnacht“ hat, weil er an Weihnachten geboren wurde, lebt mit seinem verwitweten Vater, dem Holzfäller Joel, in einer abgelegenen Hütte in Finnland. Die beiden sind bitterarm und Nikolas’ einziger Freund ist der Mäuserich Miika, der immerfort von Käse träumt, aber noch nie einen gesehen, geschweige denn gekostet hat. In diesem armen Haushalt gibt’s meist nur Pilzsuppe und Beeren. Kein Wunder, dass Papa Joel die Gelegenheit beim Schopf ergreift, zusammen mit dem Jäger Anders und einer Handvoll anderer Abenteurer auf eine gefährliche Expedition in den Hohen Norden zu gehen und dem König einen Beweis dafür zu bringen, dass wirklich Wichtel gibt. Wenn ihnen das gelingt, hat er für den Rest seines Lebens finanziell ausgesorgt.

Drei Monate soll die Expedition dauern. So lange muss Nikolas in der Obhut seiner bösen und kinderhassenden Tante Carlotta bleiben, die alles tut, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Als Joel zum vereinbarten Termin nicht wieder zurück ist und Tante Carlotta sich eine unfassbare Gemeinheit leistet, schnappt sich Nikolas seinen Mäusekumpel Miika und macht sich auf den Weg in den Norden, um seinen Vater zu suchen.

Rettung in letzter Minute


Unterwegs schließt sich ihnen das Rentier Blitz an, dem Nikolas in großer Not geholfen hat. Mit einem Reittier ist das Reisen gleich viel einfacher. Aber auch an Blitz gehen die Strapazen nicht spurlos vorüber. Irgendwann stranden drei Gefährten erschöpft in der Einöde und können einfach nicht mehr weiter. In letzter Minuten werden sie von zwei Wichteln gerettet, die sie mit in ihr Dorf nehmen. Dort sind Menschen allerdings ausgesprochen unbeliebt.

Von der legendären Gastfreundschaft der Wichtel ist nicht viel zu spüren. Die war wohl auch nur theoretischer Natur. Eine Willkommenskultur hatten die Wichtel nur so lange wie kein Fremder bei ihnen vorbeikam. Die erste reale Begegnung mit Menschen war ein Schock für sie, zumal die Menschenmänner einen kleinen Wichteljungen entführt haben. Jetzt hat der strenge Bürgermeister Väterchen Wodol das Sagen. Er verbietet sicherheitshalber jeglichen Spaß und schottet sein Dorf gegen alles Fremde ab. Wichteldorf den Wichteln … man kennt das ja.

Wichteldorf den Wichteln


Ehe Nikolas es sich versieht, sitzt er im Gefängnis, zusammen mit einem gewalttätigen Troll und einer rüden und mordlüsternen Elfe. Doch auf seiner Reise hat er einiges gelernt: Man darf die Hoffnung nicht verlieren und wenn man nur fest genug daran glaubt, wird selbst das Unmögliche möglich. Auf wunderbare Weise kommt er tatsächlich frei und macht sich sofort auf den Weg, ein großes Unrecht wieder gut zu machen. Inzwischen weiß er nämlich, dass es seines Vaters Expedition war, die durchs Dorf kam und den kleinen Wichtel entführt hat, um ihn dem König als lebenden Beweis mitzubringen.

Das Wiedersehen zwischen Nikolas und seinem Papa verläuft enttäuschend – und tragisch. „Nichts lässt einen schneller erwachsen werden als die Erkenntnis, dass der eigene Vater nicht der ist, für den man ihn hielt.“ (Seite 180) Und das führt dazu, dass Nikolas nichts mehr in der Welt der Menschen hält. Einen letzten „himmlischen Gruß“ hinterlässt er – oder besser gesagt, sein Rentier Blitz – bei Tante Carlotta. 😉 Aber die hätte sehr gut darauf verzichten können. Dann kehrt er wieder zurück nach Wichtelgrund, wo aus ihm erst „Väterchen Nikolas“ und schließlich, nach seinem Spitznamen „Väterchen Weihnacht“ wird. Doch seine wahre Bestimmung hat er noch immer nicht gefunden. Und erst, wenn einem das gelungen ist, hört man im Wichtelreich zu altern auf …

Ein Buch für Kinder und Erwachsene


Die Wichtelpolitik ist der Brüller! Bei den Gesetzen und Vorschriften, die Väterchen Wodol sich zum Schutze seiner Gemeinde ausgedacht hat, werden wohl nur erwachsene Leser Parallelen zur realen Welt ziehen und sich entsprechend amüsieren. Der Witz geht an den Kindern sicher noch vorbei. Aber das ist sicher zu verschmerzen, denn es gibt viel Spannendes und Lustiges, an dem die jungen Leserinnen und Leser ihre Freude haben werden.

Im Englischen ist es sicher eleganter, wenn aus Nikolas analog zu „Father Vodol“ ein „Father Christmas“ wird, wie der Weihnachtsmann im angelsächsischen Raum nun mal heißt. Im Deutschen muss man den Umweg über „Väterchen Weihnacht“ zum „Weihnachtsmann“ nehmen. Das ist das Kreuz der Übersetzungen. Aber die Geschichte ist und bleibt klasse, egal in welcher Sprache.

Man hat auch seinen Spaß daran, wenn man nicht religiös ist. Gegen die Ziele des Weihnachtsmanns, die Mitmenschen glücklicher und ihr Leben besser zu machen, kann niemand ernsthaft etwas einzuwenden haben. Dass er nie die Hoffnung verliert, Herzensgüte schätzt und selbst Wunder und Unmögliches für hält, macht ihn sympathisch

Der Autor
Matt Haig, geboren 1975 in Sheffield, hat bereits eine Reihe von Romanen und Kinderbüchern veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Mehr unter www.matthaig.com

Der Illustrator
Chris Mould ist mit sechzehn auf die Kunstschule gegangen und arbeitet heute vorwiegend als Kinderbuchillustrator. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Yorkshire.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

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