Beate Maly: Tod am Semmering – Historischer Kriminalroman

Beate Maly: Tod am Semmering – Historischer Kriminalroman, Köln 2016, Emons-Verlag, ISBN 978-3-95451-995-8, Softcover, 272 Seiten, Format: 13,9 x 2,8 x 20,4 cm, Buch: EUR 11,90 (D), EUR 12,30 (A), Kindle Edition: EUR 9,49.

Abbildung (c) Emons-Verlag
Abbildung (c) Emons-Verlag

Weil ich dazu tendiere, Prologe schnell zu vergessen, wenn sie mit der Kernhandlung des Romans auf den ersten Blick nichts zu tun haben, habe ich dieses Mal ganz besonders gut aufgepasst. Los geht’s im Herbst 1917 im Isonzo-Tal in Italien: Zwei Bauernbuben im Grundschulalter geraten beim Spielen auf der Wiese an eine Giftgasbombe und finden den Tod.

Wien im Winter 1922: Hier beginnt die eigentliche Romanhandlung. Die frühpensionierte Lehrerin Ernestine Kirsch, 59, gibt den Kindern des Süßwarenherstellers Rosenstein Nachhilfeunterricht. Als die Rosensteins einen bereits bezahlten Tango-Tanzkurs im Nobelhotel Panhans am Semmering nicht antreten können, schenken sie die beiden Karten der allein stehenden Lehrerin. Die weiß auch gleich, wer ihr Tanzpartner sein soll: ihr verwitweter Vermieter, der Apotheker Anton Böck (60).

Antons Tochter und seine Enkelin finden Ernestines Einladung wunderbar. Anton selbst ist das alles lästig. Er ist zwar durchaus interessiert an seiner selbstbewussten, temperamentvollen und unternehmungslustigen Mieterin, aber seine Ruhe ist ihm wichtiger. Tanzen kann er nicht, wegfahren mag er nicht und sich unter die High Society Wiens mischen will er gleich gar nicht. Allenfalls die Aussicht auf das gute Essen im Hotel könnte ihn locken.

Viel Geld, wenig Manieren


Während er noch nach Ausreden sucht, haben seine drei Damen schon alles organisiert. Und bevor er recht weiß, wie ihm geschieht, sitzt er schon mit Ernestine im Zug. Das bereut er bald. Das Ambiente ist einschüchternd luxuriös, die KursteilnehmerInnen und die Veranstalterin – die Bankierswitwe Rosalia Schwarz – irrlichtern zwischen großspurig-herablassend, hoffnungslos überspannt und mysteriös-zwielichtig. Halbwegs normal wirken allenfalls der Arzt Dr. Hubert Schöller und seine unverheiratete Schwester Franziska, eine Krankenschwester. Auch der Sohn der Veranstalterin, Ernst Schwarz, macht einen recht umgänglichen Eindruck. Aber selbst er hat offenbar etwas zu verbergen. Hat sein Geheimnis vielleicht etwas mit der Fabrikantentochter Clara Zuckerberg zu tun? Anton und Ernestine sind überzeugt davon, dass die beiden jungen Leute sich weit besser kennen als sie zugeben.

Als absoluter Widerling entpuppt sich Generaloberst Johann von Rauch. Er hat nicht nur massive Alkohol- und Eheprobleme, er scheint auch mit einem Großteil der Kursteilnehmer im Streit zu liegen – und das nicht erst seit heute. Jeder scheint hier mit jedem auf persönliche oder geschäftliche Weise verbandelt zu sein, was für die beiden Außenseiter Anton und Ernestine nicht so leicht zu durchschauen ist. Sie bewegen sich ja sonst nicht in diesen Kreisen.

Anton Böck würde am liebsten sofort wieder abreisen. Aber selbst wenn er den Mut aufbrächte, Ernestine so vor den Kopf zu stoßen: Das Wetter macht nicht mit. Die Hotelgäste sind eingeschneit. Aber das Essen ist gut und das Tanzen macht im wider Erwarten Freude. Die argentinischen Tanzlehrer bescheinigen ihm sogar Talent. Bei Ernestine allerdings ist die Begeisterung deutlich größer als die Begabung. So hat sie sich das nicht vorgestellt.

Eingeschneit mit einem Mörder


Doch bald kann die pensionierte Lehrerin ihre Stärken voll ausspielen: Rätsel lösen und Leute herumscheuchen. Nach einem besonders feucht-fröhlichen Abend wird Generaloberst von Rauch tot aufgefunden. Ernestine, der nicht verborgen geblieben ist, wie viele Feinde der Mann hatte, glaubt nicht an eine natürliche Todesursache. Sie ist sicher, dass von Rauch vergiftet wurde. Apotheker Böck, Dr. Hubert Schöller, der Chemiker Franz Haberl und nicht zuletzt der Hotelkoch Josef Malek mit seiner feinen Nase stimmen ihr zu: Jemand hat dem Generaloberst Gift ins Glas getan!

Während die Anwesenden wahlweise starr vor Schreck sind oder froh, den Mistkerl endlich los zu sein, empfindet Ernestine den Mordfall als angenehm aufregend. Sie ist fest entschlossen, den Fall selbst aufzuklären. Mit dem Eintreffen der Polizei ist witterungsbedingt in den nächsten Tagen ohnehin nicht zu rechnen. Tanzen kann Ernestine zwar nicht, aber sie ist eine begnadete Schauspielerin (und Lügnerin!). Sie zieht den Kursteilnehmern die Informationen aus der Nase, bevor die überhaupt wissen, was gespielt wird. Dabei stößt sie nicht nur auf menschliche Tragödien sondern auch auf sehr unethische Allianzen.

Amateurdetektiv wider Willen


Anton Böck, der nichts weiter will als gutes Essen und seine Ruhe, kommt bei Ernestines Ermittlungen die Rolle des Handlagers zu. Und weil er die resolute Lehrerin mag und nicht der Typ ist, der auf den Tisch haut und seinen Willen durchsetzt, lässt er sich von ihr zu haarsträubenden Aktionen anstiften. Ernestine scheint in ihrem Eifer zu vergessen, dass sie es hier nicht mit einer Denksportaufgabe zu tun hat, sondern mit einem Mörder, der vor nichts zurückschreckt …

Wer den Prolog noch im Kopf hat, fragt sich die ganze Zeit, wo denn nun die Verbindung zu den getöteten italienischen Buben ist. Hatten die Militärschädel, die sich hier so großspurig aufführen, da ihre Finger im Spiel? Wer immer jetzt, nach fünf Jahren, noch auf Rache sinnt, muss ein sehr persönliches Motiv haben. Aber wer? Dass hier jemand nicht der ist, der er zu sein vorgibt, ist eigentlich unmöglich, weil ja jeder jeden von früher kennt. Und der Mörder muss unter denen sein, die sich gerade im Hotel aufhalten. Wegen der Wetterlage kommt ja keiner rein und keiner raus.

So rätseln wir mit Ernestine Kirsch und zittern mit Anton Böck, der um das Leben der mutigen Lehrerin fürchtet und um sein eigenes. Doch wie Mr. Stringer in den Miss-Marple-Filmen mit Margaret Rutherford macht er in blinder Ergebenheit alles mit, was sie verlangt. Er jammert zwar, aber er tut’s.

Überrascht der Schluss? Ja und nein. Weil man ja die Vorgeschichte aus dem Prolog kennt und den Gedankengängen der Amateurdetektive folgt, ahnt man recht bald, worauf es hinausläuft. Überraschend ist eher das, was Ernestine und Anton so quasi entlang des Weges an Dramen und Schweinereien aufdecken. Da kommt von der feinen Gesellschaft kaum einer sauber raus und man bekommt anschaulich vorgeführt, dass große Vermögen oft nicht mit ehrlicher Arbeit verdient werden.

Spannung, Humor und Gesellschaftskritik


Von einem Krimi-Debüt war in der Werbung die Rede. Doch schon nach den ersten Zeilen war mir klar, dass diese Autorin sehr gut weiß, was sie tut. Sie hat bereits zahlreiche Kinderbücher und historische Romane veröffentlicht und ist ein echter Profi. TOD AM SEMMERING ist eine gelungene Mischung aus Spannung, Humor und Historie mit einer kräftigen Prise Gesellschaftskritik. Die Helden sind eigentlich keine, sondern normale Menschen mit Fehlern und Schwächen, die plötzlich in einen Kriminalfall hineinrutschen. Auch bei den Schurken gibt es Grautöne. Nicht alle sind von je her über Leichen gegangen. Manche haben sich durch ihre schrecklichen Kriegserlebnisse bis zur Unkenntlichkeit verändert und Dinge getan, die sie vor dem Krieg nicht für möglich gehalten hätten. Das gibt einem zu denken.

Ach ja: Auch wenn dieser historische Kriminalroman in/um Wien spielt, muss niemand Verständnisschwierigkeiten befürchten. Nur das Hotelpersonal „darf“ in diesem Buch Dialekt sprechen und tut dies recht gemäßigt.

Die Autorin
Beate Maly wurde 1970 in Wien geboren, wo sie bis heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt. Zum Schreiben kam sie vor rund zwanzig Jahren. Zuerst verfasste sie Kinderbücher und pädagogische Fachbücher. Seit rund zehn Jahren widmet sie sich dem historischen Roman und liefert mit »Tod am Semmering« ihren ersten Kriminalroman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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