Johannes Groschupf: Lost Boy (14 – 17 Jahre)

Johannes Groschupf: Lost Boy 14 – 17 Jahre, Hamburg 2017, Oetinger Taschenbuch, ISBN 978-3-8415-0447-0, Klappenbroschur, 235 Seiten, Format: 978-3-8415-0447-0, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Oetinger Verlag

„Oder sollte ich gleich zur Polizei gehen und den Beamten meine superglaubwürdige Story präsentieren: Meine Hamburger Freundin ist eben am Lausitzer Platz entführt worden und ich habe auch schon so einen Verdacht, wer es gewesen sein könne (…) Ach ja, und einen Ausweis oder so habe ich auch nicht, weil ich neulich am Hamburger Hauptbahnhof sozusagen blank aufgewacht bin, bitte glauben Sie mir, Herr Wachtmeister.“ (Seite 108)

Hamburg, Sonntag früh um halb fünf: Der Gymnasiast Lennart Lohmann, 17, steigt aus einem Zug und hat alles vergessen. Er weiß nicht, wer er ist, woher er kommt und wie er in die Bahn nach Hamburg geraten ist. Was will er überhaupt hier? Ein schneller Check ergibt, dass er weder Papiere noch Handy bei sich hat und dass sich seine Barschaft auf genau fünf Euro beläuft. Dass er Lennart heißt, vermutet er, weil er sich an eine Frauenstimme zu erinnern meint, die immerzu diesen Namen ruft.

Jetzt liegt ja die Vermutung nahe, dass so ein gebildeter und gepflegter Junger Mann irgendwo vermisst wird. Er ist kein Obdachloser und hat da, wo er herkommt, garantiert Familie, Freunde und Kollegen. Aber Lennart geht weder zur Polizei noch in ein Krankenhaus. Er irrt durch die Straßen, bis ihn der Fischhändler Werner aufliest, ihm einen Aushilfsjob gibt und ihn in seinem Wohnwagen wohnen lässt. Werner war mal Amateurboxer. Dass jemand nach einem Schlag auf den Kopf Probleme mit dem Gedächtnis hat, ist ihm nicht neu. Dafür hat er Verständnis.

Erinnerungen weg. Lennart pfeift drauf


Lennart unternimmt nichts, um herauszufinden, wer er ist und was seinen Gedächtnisverlust ausgelöst hat. Er freundet sich mit der blonden Schülerin Jule an („Kunst Leistungskurs“) und lebt in den Tag hinein.

Nach und nach kommen Erinnerungsfetzen zurück. Er weiß nun, dass er aus Berlin stammt und dass er ein außergewöhnlich gutes Ohr für Geräusche hat. Irgendwas muss er mit der Technoszene zu tun haben. Ist er Musiker? Und er erinnert sich an seine Freundin Moe, mit der er zerstritten ist. Aber warum? Er hat Angst, nach Berlin zurückzukehren und es herauszufinden. Lieber will er weiter in Hamburg herumtrödeln. Doch das lässt die pragmatische Jule nicht zu. Sie leiht sich kurzerhand das Auto ihrer Mutter und fährt mit Lennart da hin, wo das Unglück seinen Anfang nahm.

Lennarts Eltern reagieren seltsam distanziert auf die Tatsache, dass ihr Sohn wochenlang verschwunden war und jetzt mit einer neuen Freundin im Schlepptau wieder auftaucht, als sei nie etwas gewesen. Vielleicht haben sie es längst aufgegeben, nachvollziehen zu wollen, was ihr Sohn treibt und was in ihm vorgeht.

Warum reagieren die Freunde so seltsam?


Als er mit Jule um die Häuser zieht und seine Freunde wiedertrifft, ist die Stimmung merkwürdig angespannt. Sie geben ihm offensichtlich die Schuld an etwas, aber niemand spricht es aus. Und wieso hängt sein ehemals immer so fröhlicher und unbekümmerter Kumpel Chris auf einmal an der Flasche? Warum reagieren alle so sonderbar, wenn er nach dessen Freundin Kaya fragt? Dass Lennart wirklich massive Erinnerungslücken hat, will ihm keiner glauben. Schon gar nicht Bulgur, der charismatische DJ Evil, für dessen „Sick Sound Sessions“ Lennart als Soundsammler gearbeitet hat.

Bulgur ist hinter ihm her. Dass er unberechenbar ist und gefährlich werden kann, wenn es nicht nach seinem Willen geht, ist Lennart klar, Aber er kann sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen, was Bulgur von ihm wollen könnte. Es muss irgendwie mit der Nacht zusammenhängen, in der Lennart in den Zug nach Hamburg gestiegen ist. Aber die Erinnerung daran ist weg. Daran ändert sich auch nichts, als Bulgur die Hamburgerin Jule entführen lässt, um Lennart unter Druck zu setzen.

Weshalb ist DJ Evil hinter Lennart her?


Ein paar Wissenslücken kann Ex-Freundin Moe auffüllen, aber eben nicht alle. Und so trifft sich Lennart mit Bulgur zur Klärung der Angelegenheit nachts auf einem verlassenen Firmengelände. Unser Held hat zwar immer noch keine Ahnung, was von ihm erwartet wird, aber er ist offenbar auf alle Eventualitäten vorbereitet …

Das düstere Abenteuer des traumatisierten „Soundsammlers“ führt den Leser mitten hinein in die geheime Clubszene Berlins, die in verlassenen Kellern und stillgelegten, vergessenen U-Bahnhöfen feiert. Eine Affinität zu aufgelassenen Gebäuden hatte Lennart ja schon in Band 1, LOST PLACES, in dem er mit seinen Kumpels als Urban Explorer unterwegs war und sich auch nichts als Ärger eingehandelt hat. Es lohnt sich auf jeden Fall, auch diesen Band zu lesen, aber für das Verständnis von LOST BOY ist das nicht unbedingt Voraussetzung.

Die Soundexperimente, die Lennart und Bulgur betreiben, sind sehr eindrucksvoll beschrieben. Stellenweise habe ich mir gewünscht, das hören zu können, was der Autor hier schildert. Doch bei den „Sick Sounds“ war ich dann froh, dass es mir und meiner Phantasie überlassen bleibt, wie intensiv ich mir kreischende Zahnarztbohrer, plärrende Kinder oder das Geräusch des Ausspuckens nach dem Zähneputzen vorstelle. 😉

Unheimliches Ambiente, rätselhafte Story


Schon allein aus Altersgründen ist mir die Technoszene vollkommen fremd. Umso faszinierender sind die Einblicke, die uns Lennart und seine Freunde hier gewähren. Doch vor welcher Kulisse eine Geschichte auch spielen mag: Was die Menschen antreibt, ist doch überall dasselbe: Liebe, Geltungsbedürfnis, Habgier … Das ist hier nicht anders.

Bei aller Begeisterung für das unheimliche Ambiente und die rätselhafte Story: Bei der Kamin-Szene am Schluss habe ich mich ein kleines bisschen veräppelt gefühlt. Die Rettung kommt wie’s Kasperl aus der Kiste. Im Kino wäre das der Moment, in dem das Publikum kollektiv aufschreit.

Es würde mich wirklich interessieren, ob irgendein Leser auf diese Problemlösung vorbereitet war. Hätte man das kommen sehen können? Oder gar sehen müssen? Und dann wird das Ereignis mit ein paar lakonischen Sätzen abgehandelt und kein Mensch sagt zu Lennart: „Wow! Wie bist nur auf diese Idee gekommen! Das war genial! Du bist ein Held.“ Genau das hätte er verdient gehabt.

Man bleibt mit dem Gefühl zurück, dass die Geschichte noch ein bisschen Raum gebraucht hätte, um wirklich alle Fragen zu beantworten und dass die 234 Seiten, auf denen sie erzählt wird, womöglich ein bisschen knapp bemessen waren.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in Volkach hat „Lost Boy“ von Johannes Groschupf zum Jugendbuch des Monats April 2017 gewählt.

Der Autor
Johannes Groschupf, 1963 in Braunschweig geboren, wuchs in Lüneburg auf. Studium der Germanistik, Amerikanistik und Publizistik in Berlin (West). Einer der ersten Entdecker des Bezirks Neukölln; seine Erkundungen wurden unter dem Pseudonym Olga O’Groschen: Gebrauchsweisung für Neukölln (1988) veröffentlicht. Reisejournalist für Die Zeit, FAZ, Frankfurter Rundschau: Hawaii, Karibik, Ukraine, Russland, Kamtschatka, Japan, Indien, Algerien. 1994 Hubschrauberabsturz in der Sahara. 1998 entstand aus dieser Erfahrung das Radio-Feature „Der Absturz“, das im Jahr darauf den Robert-Geisendörfer-Preis erhielt. Johannes Groschupf hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder und lebt in Berlin und Hannover.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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