Dagmar Chidolue, Olivia Vieweg: Ein verrückter Hühnerhaufen (9 – 11 Jahre)

Dagmar Chidolue (Autorin), Olivia Vieweg (Illustratorin): Ein verrückter Hühnerhaufen (9 – 11 Jahre), Münster 2017, Coppenrath-Verlag, ISBN 978-3-649-67035-3, Hardcover, 179 Seiten mit s/w-Illustrationen, Format: 15,1 x 2,3 x 21,9 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Coppenrath Verlag

Für Lucie Wiese sind die Sommerferien dieses Jahr nicht das reine Vergnügen. Wenn sie im Herbst in die 4. Klasse kommt, wird das an einer neuen Schule sein, denn ihre Eltern – Vater: Architekt, Mutter: Bibliothekarin -, haben einen alten Bauernhof gekauft, den sie derzeit aufwändig zu einem Wohn- und Bürogebäude umbauen. Stadtkind Lucie muss also künftig auf dem Land leben, wo sie noch keine Menschenseele kennt.

Ein Stadtkind kommt aufs Land


Bei der Ankunft im neuen Heim ist Lucie zunächst entsetzt: Das Wohnhaus ist ja nur ein Fachwerkgerippe! Aber ihr Vater kann sie beruhigen: Die „Bruchbude“ soll sein neues Büro werden. Gewohnt wird im ehemaligen Saustall. Darin riecht es zum Glück überhaupt nicht mehr nach Schwein, es ist ein richtig tolles Wohnhaus geworden. Papa versteht sein Geschäft.

Lucie merkt schnell, dass es unter den neuen Nachbarn „solche und solche“ gibt. Krügers sind ein bisschen komisch. Sie besitzen einen riesigen Sennenhund, Rolfi, den sie allerdings nicht im Griff haben. Ihre Söhne leben in einer eigenen Welt. Sie sind eben viel allein, weil die Eltern berufsbedingt wenig Zeit für sie haben. Der blonde Timm ist in Lucies Alter, der dunkelhaarige Torben ein Jahr älter. Ein bisschen erinnern die zwei an Max und Moritz, was auch an den Illustrationen von Olivia Vieweg liegen mag. Sie reden einander mit „Captain“ und „Commander“ an und sprechen in einem für Außenstehende nahezu unverständlichen Science-Fiction-Kauderwelsch:
„Leitstrahl auf meine Position, Captain! Phase zwei beginnt.“
„Aye, aye, Commander.“ Timm wendet sich mir zu. (…) „Er absorbiert jetzt kinetische Energie.“
„Wer?“
„Na, unser Commander.“ (Seite 49)

Doofe Nachbarn, nette Nachbarn


Dafür sind die Nachbarinnen auf der anderen Seite umso netter. Nachbarstochter Sara ist ein Jahr älter als Lucie und so patent und burschikos wie ihre allein erziehende Mutter Carola, die im Amt für Umwelt und Gesundheit arbeitet, Kamerunschafe als Rasenmäher hält und ein verwaistes Wildschwein mit der Flasche aufgezogen hat.

Tiere gibt’s hier überhaupt jede Menge, und die geraten gern mal in Schwierigkeiten. Innerhalb weniger Tage muss Lucie einen jungen Igel, eine Ente und ein kleines Kätzchen retten. Und sie macht die erschreckende Erfahrung, dass man auf dem Land ein anderes Verhältnis zu Tieren hat als in der Stadt. Ein Katzenleben zählt hier nicht viel und Hühner sind zum Eierlegen da oder kommen in den Suppentopf.

Das wird den Hühnern, die Nachbarin Carola den Wieses schenkt, sicher nicht passieren! Der Vater verdreht zwar die Augen, weil er derzeit Wichtigeres zu tun halt als einen Hühnerstall für Melody, Leila, Bella und den Gockel Zack zu bauen, aber dann fügt er sich doch in sein Schicksal. Ein raubtiersicheres Gehege sollen die Tiere auch noch bekommen, denn schließlich gibt’s hier Greifvögel, Füchse und Marder. Die Nachbarsbuben Timm und Torben kriegen sich darüber gar nicht mehr ein und machen über den Zaun hinweg jede Menge galaktisch blöde Bemerkungen. Aber Lucie und Sara nehmen die zwei „Schlumpf-Astronauten“ sowieso nicht für voll.

Tierhaltung bedeutet Verantwortung


Tiere zu halten bedeutet allerdings nicht nur Spaß, sondern auch Verantwortung. Als die Krüger-Jungs ihren Hund unbeaufsichtigt lassen und die beiden Mädchen die Hühner nicht in den Stall bringen, erleben alle miteinander eine böse Überraschung. Dieses Kapitel ist nichts für zart besaitete LeserInnen.

Aber so ist nun mal das Leben: Alles, was man tut oder lässt, hat Konsequenzen. Das gilt auch für die Erwachsenen. Lucies Mutter hat plötzlich einen vierjährigen Jungen an der Backe, auf den sie in der Bibliothek nur einen Moment achten sollte – und dann verschwindet die Mutter und taucht nicht mehr auf. Der Kleine weiß weder, wie er mit Familiennamen heißt, noch wo er wohnt. Jetzt ist guter Rat teuer. Saras Mutter wiederum muss der Tatsache ins Auge sehen, dass sie ihr mittlerweile erwachsenes Flaschenkind, Wildschwein Susi, nicht länger als Haustier halten kann. Sie wird dem Tier nicht mehr Herr. Was jetzt?

Drama beim Schlossfest


Richtig dramatisch wird’s beim örtlichen Schlossfest. Lucie und Sara ziehen mit den Krüger-Jungs und deren Hund übers Festgelände und streifen trotz der elterlichen Verbote am Abend noch durch den Wald. Und weil irgendwie alles schiefgeht, steht Lucie auf einmal mutterseelenallein im Dunkeln – in einer Gegend, in der sie sich überhaupt nicht auskennt. Schwer zu sagen, wer da am meisten Angst hat: Lucie selbst, ihre Freunde, die sie aus den Augen verloren haben und sich nun dafür verantworten müssen oder Lucies Eltern, die sich die schrecklichsten Szenen ausmalen …

Es geht um Menschen und Tiere, um Freundschaft und Familienzusammenhalt und darum, dass auch die Leute ganz in Ordnung sein können, die auf den ersten Blick ein bisschen abweisend oder sonderbar wirken. Dieses Buch ist witzig, spannend, ein bisschen unheimlich und voller Sommerferien-Romantik, es hat aber auch tragische und berührende Momente. Es hat „nur“ 180 Seiten, aber da ist das volle Leben drin.

Die Autorin
Dagmar Chidolue wurde 1944 in Sensburg (Ostpreußen) geboren und wuchs in Gütersloh auf. Sie studierte Jura und politische Wissenschaften und arbeitete jahrzehntelang für einen Frankfurter Bankenverband. Seit über vierzig Jahren schreibt Dagmar Chidolue Bücher und gehört zu den renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Für ihre Werke wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.

Die Illustratorin
Olivia Vieweg wurde 1987 in Jena geboren und studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar. Sie schreibt und zeichnet Comics, Mangas und Cartoons, illustriert Kinderbücher und liebt dicke Katzen. 2015 gewann sie den Tankred-Dorst-Preis für ihr Drehbuch „Endzeit“. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann lebt sie in Weimar.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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