Melissa Caughey: How to Speak Chicken. Warum Ihre Hühner tun, was sie tun …

Melissa Caughey: How to Speak Chicken. Warum Ihre Hühner tun, was sie tun, und sagen, was sie sagen, OT: How to Speak Chicken. Why Your Chickens Do What They Do & Say What They Say, aus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow, Bern 2018, Haupt Verlag, ISBN 978-3-258-08044-4, Klappenbroschur, 144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Format: 15,4 x 1,5 x 20,2 cm, EUR 20,00.

Abbildung: (c) Haupt-Verlag

„Ich möchte Sie ermuntern, (…) Ihre Hühner zu beobachten und ihnen zuzuhören, während sie ihren Hühnergeschäften nachgehen. Wiederholen Sie, was Sie hören und beobachten Sie ihre Reaktion. (…) Sie sind überrascht, dass Sie „Hühnerisch“ sprechen. Imitieren Sie sie weiter. (…) Wiederholen Sie ihre kuhs und gacks und buk-gohs, und ehe Sie es sich versehen, sprechen Sie die Hühnersprache fließend.“ (Seite 8/9)

Weil die Autorin Melissa Caughey ihren Kindern etwas über Nachhaltigkeit und Verantwortung beibringen wollte und um immer frische Eier zu haben, hat sie vor ein paar Jahren angefangen, Hühner zu halten. Dass die ganze Familie zu Fans der Hühner wird und sogar deren Sprache lernt, hätte sie damals nicht gedacht.

Hühnersprache? Echt jetzt?
Ja! Was die Tiere den ganzen Tag so gackern, hat tatsächlich einen Sinn.

Wie man die Hühnersprache lernt


Hühner sind, entgegen landläufiger Meinung, nicht doof. Sie kommunizieren mit Körpersprache und mittels mehr als zwei Dutzend verschiedener Laute. „Je nachdem, ob es um Revier, Paarung, Stress, Gefahr, Angst oder Nisten geht, geben sie unterschiedliche Rufe von sich.“ (Seite 11) Melissa Caughey hat ihre Hühner gut beobachtet und nicht nur interessante Erkenntnisse über ihre Kommunikation gewonnen, sondern auch über ihre Intelligenz, ihr Sozialverhalten, ihre Gefühle und Problemlösungsstrategien. Und sie hat ihre Laute nachgemacht: Gefahrensignale, Glücksbezeugungen, Begrüßungen, Abendgrüße und ermunterndes Gegacker.

Und wie testet man, ob das mit der Hühnersprache auch wirklich funktioniert oder ob die eigene Herde nur aufgrund von Dressur auf die Laute reagiert? Man wendet sein Wissen bei einer fremden Hühnerherde an und gackert ihr etwas vor. Wenn diese Tiere die Botschaft begreifen und entsprechend reagieren, hat man alles richtig gemacht. Die Hühner von Melissas Freundin haben sie auf Anhieb verstanden. Bingo! Hühnerflüsterer!

Jetzt wär’s natürlich hilfreich, wenn wir LeserInnen die Hühnerlaute auch hören könnten. Sie beschrieben zu bekommen oder sie lautschriftlich zu lesen, ist nur die zweitbeste Lösung. So genau kann man sich gar nicht vorstellen, wie das klingt. Wahrscheinlich muss man sich wirklich mit den Vokabelseiten zu seinen Hennen setzen und versuchen, die Laute zu identifizieren und nachzuahmen. Nur mit dem Buch allein kann man sich also kaum zum Hühnerflüsterer weiterbilden. Man sollte zum Üben schon ein paar leibhaftige Hennen in Reichweite haben.

Aus dem Familienleben der Hühner


Auch wenn man nicht mit den Hühnern reden will, sondern nur ein allgemeines Interesse an ihnen hat, kann man von dem Buch profitieren. Es enthält Fotos aus dem Leben des Hühnervolks, die man so nicht alle Tage sieht. Außerdem erfahren wir zum Beispiel, dass Hühner Umgangsformen haben. Es gibt einen regelrechten „Hühnerstall-Knigge“.

Dass es im Hühnerstall eine Hackordnung gibt, ist bekannt. Damit wird gleich von Anfang an geklärt, wer in der Herde welchen Rang bekleidet. Dann ist das Thema durch und die Herde kann sich ihrem Hühner-Tagesgeschäft widmen, ohne ihre Energie mit fortwährenden Machtkämpfen zu verschwenden. Damit sich die Hühner auch die Position aller relevanten Artgenossen merken können, sollte eine Herde nicht mehr 20 Tiere umfassen. So ist das auch in der Natur.

Dem Hahn ist es übrigens vollkommen egal, welches Ranking seine Damen untereinander vereinbart haben. Er sucht sich seine Favoritinnen nach seinen eigenen Vorstellungen aus.

Soziale Tiere mit erstaunlichen Fähigkeiten


Hühner sind soziale Tiere. Sie kümmern sich umeinander, können innerhalb ihrer Gruppe beste Freundinnen haben und beginnen nervös zu suchen, wenn ein Herdenmitglied abgängig ist. Trotzdem gibt’s dort auch Mobbing, aggressives Verhalten und sonstiges schlechtes Benehmen. Das kann, muss aber nicht mit suboptimalen Haltungsbedingungen zusammenhängen.

Die Autorin präsentiert uns eine Fülle von erstaunlichen Hühnerfakten. Fliegen können die Hennen nur schlecht – was gute Gründe hat – aber sie können schneller rennen als wir. Auch in der Wahrnehmung von Farbunterschieden sind sie uns Menschen überlegen und sie sehen sogar ultraviolettes Licht.

Ihre Zirbeldrüse, die oben auf dem Gehirn sitzt, fungiert quasi als drittes Auge. Sie reagiert auf Lichtmenge und –spektrum und beeinflusst Gehirn- und Körperfunktionen bis hin zur Eiablage.

Hühner haben ein interessantes Schlafverhalten, das für Fluchttiere sehr praktisch ist. Und sie sind, wie gesagt, keine Spatzenhirne. Man kann ihnen Tricks beibringen. Sie erkennen einander als Individuen, lernen aus Erfahrung und bringen einander gegenseitig Neues bei. Sie haben sogar ein rudimentäres Verständnis von Mathematik und Geometrie, was nicht jeder Mensch von sich behaupten kann. 😉

Auch wie sie sich orientieren ist interessant. Sie leiten Informationen aus dem Sonnenstand ab und haben einen „Hühnerkompass“: Mit Hilfe von Magnetpartikeln am Schnabelansatz zwischen den Augen können sie das Magnetfeld er Erde wahrnehmen. Das ist ein Erbe der Vorfahren der Vögel, die in dichten Dschungeln lebten und sich nicht an der Sonne orientieren konnten, weil sie diese kaum je zu Gesicht bekamen. Spätestens seit „Jurassic Park“ kommt man ja an der Erkenntnis nicht vorbei, dass Hühner zu den nächsten lebenden Verwandten der Saurier gehören. Seither sieht man sie schon ein bisschen mit anderen Augen.

Gute Unterhaltung!


Wie bei allen Sachbüchern spielen auch hier die Vorkenntnisse der LeserInnen eine Rolle. Die einen fühlen sich von der Vielzahl an Informationen überfordert, die anderen wissen vieles schon. Wer Hühner hält und Bücher liest, wird sich sicher so manche der Fakten schon angelesen haben. Trotzdem kann man hier vieles entdecken, das einem bisher noch unbekannt war. Und man kann sich blendend unterhalten. Zunächst natürlich mit den amüsant dargebrachten Informationen und Anekdoten – und dann, wenn man alles richtig macht, mit seinen Hühnern.

Hier kann man ins Buch reinschauen: https://issuu.com/haupt/docs/9783258080444/22

Die Autorin
Melissa Caughey ist eine preisgekrönte Autorin und Bloggerin (www.tillysnest.com). Ihre Hauptthemen sind Hühnerhaltung, Bienenhaltung und Gärtnern. Sie lebt mit ihrer Familie am Cape Cod (USA).

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

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