Viktor Glass: Schüssler und die verschwundenen Mädchen. Kriminalroman

Viktor Glass: Schüssler und die verschwundenen Mädchen. Kriminalroman, Bielefeld 2018, Pendragon-Verlag, ISBN 978-3-86532-609-6, Softcover, 296 Seiten, Format: 11,3 x 2,5 x 19 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle Edition: EUR 10,99.

Abbildung: (c) Pendragon Verlag

Beim Pendragon-Verlag findet man immer wieder interessante Autoren und Themen, bei denen man nicht das Gefühl hat, Ähnliches schon –zig Mal gelesen zu haben. Der vorliegende Augsburg-Krimi ist eigentlich ein historischer Roman, in dem es unter anderem auch zu kriminellen Aktivitäten kommt.

Augsburg 1890: Sehr viel erfahren wir nicht über Ludwig Schüssler, den Helden der Geschichte. Ganz jung kann er nicht mehr sein. Im mittleren Alter, vielleicht. Eine Familie hat er nicht. Er wohnt zusammen mit anderen unverheirateten Männern in einer Art Pension. Was den Altbayern aus Schäftlarn an der Isarschlucht nach Augsburg verschlagen hat, wissen wir nicht. Wenn ich die Andeutungen richtig verstanden habe, war er zusammen mit dem Augsburger Wachtmeister Kilian Huber auf der Polizei- und Gendarmerieschule. Warum er dann kein Polizist (mehr) ist, sondern sich als Privatermittler durchschlägt, bleibt unerwähnt. Vielleicht kommt das seiner Freiheitsliebe entgegen, vielleicht ist es auch lukrativer, auf eigene Rechnung Ladendiebe zu überführen und vermisste Menschen zu suchen.

Zwei Privatermittler im 19. Jahrhundert


Bei einem seiner Einsätze lernt er die Schwäbin Caroline Geiger kennen, eine erstaunlich moderne und unabhängige Frau. Sie ist bei einem Kloster angestellt und betreut als Haushälterin, Pflegerin und Gesellschafterin fünf betagte Nonnen. Die fünf waren in ihrer aktiven Zeit Lehrerinnen an Missionsschulen in China, Niederländisch-Ostindien, Ostafrika und Bolivien. Natürlich erzählen sie oft aus ihrem Leben und Caroline hört aufmerksam zu. Vielleicht ist deshalb ihr Horizont weiter als der mancher anderen Zeitgenossen.

Ludwig Schüssler hat kein romantisches Interesse an Caroline. Er tauscht sich nur gern mit der klugen und aufgeschlossenen jungen Frau aus. Und als der Reitersoldat Augustin Hipp (Viertes Cheveauxslegers-Regiment König) ihn damit beauftragt, seine verschwundene Verlobte Luise Habenicht zu suchen, die Dienstmädchen bei Familie Häberle war, kommt ihm die Idee, Caroline als Mitarbeiterin einzuspannen. Sie kennt viele Dienstboten in der Stadt und kann sie unauffälliger befragen als er. Und sicher werden sie ihr auch mehr erzählen als einem fremden Mann wie ihm.

Spurlos verschwundene Dienstmädchen


Schnell stellt sich heraus, dass Luise Habenich nur eine von vielen Dienstmädchen ist, die verschwunden sind. Was bisher niemanden interessiert hat. Die Gesellschaft ist im Umbruch, die Zeiten für die Frauen sind hart. Immer häufiger erledigen Maschinen die schweren Arbeiten im Haushalt. Manchmal schließen sich mehrere Haushalte zusammen und teilen sich ein Dienstmädchen. Die übrigen Frauen verlieren ihre Arbeit. Aber auch in den Fabriken ersetzen zunehmend Maschinen die Arbeitskraft der Frauen. „In die Fabrik gehen“ ist keine Alternative mehr. „Da bleibt oft nur Heirat oder Tod“, stellt Caroline Geiger ganz unsentimental fest (Seite 36).

Die arbeitslosen Frauen ziehen weiter, gehen zu ihren Familien zurück oder geraten auf die schiefe Bahn. Dass sich welche aus Verzweiflung das Leben nehmen, kommt leider auch vor. Und aufgrund dieser Situation hat es niemand für nötig erachtet, dem Verschwinden der Augsburger Dienstmädchen nachzugehen.

Mädchenhändler? Massenmörder?


Ludwig Schüssler tippt zunächst auf einen Mädchenhändlerring. Da ist dieser dubiose Hausierer, Hugo Halbleib, der nicht nur mit Fotos von Stadtansichten handelt, sondern auch noch mit, äh, anderen Motiven. Er pflegt Kontakte mit dem Ausland und hat in allen möglichen Geschäften seine Finger drin. Verhökert er etwa die Frauen in Bordelle in Frankreich und Nordafrika?

Caroline und Schüsslers altem Bekannten, Wachtmeister Huber, kommt diese Theorie ein bisschen sehr weit hergeholt vor. Dem Kunstmaler und Lebenskünstler Eginald Berwanger könnte man aber mal auf den Zahn fühlen. Er bietet verzweifelten jungen Frauen eine Menge Geld, damit sie ihm nackt Modell stehen. Dass sie sich danach in der Stadt nicht mehr blicken lassen können, weil jedermann sie auf den ausgestellten Gemälden erkennt, wird den Modellen meist erst klar, wenn es schon zu spät ist.

Caroline gibt vor, sich von ihm malen lassen zu wollen und ist verblüfft, als sie sieht, um welche Summen es hier geht. Woher hat der Maler so viel Geld? So gut verkaufen sich seine Gemälde doch gar nicht!

Ein ungeheuerliches Verbrechen


Als in Schüsslers Stammkneipe ein Gast auftaucht, der im Wald einen menschlichen Unterkiefer gefunden haben will, ist der Privatermittler alarmiert. Hat jemand die verschwundenen Dienstmädchen ermordet und im Unterholz verscharrt? Schüssler überprüft die Angaben des Mannes und geht dann zur Polizei. Doch dort lacht man ihn als Wichtigtuer aus. Nur Wachtmeister Huber, der Schüssler gut genug kennt, glaubt ihm, dass an der Fundstelle weder uralte Keltenknochen noch Tierkadaver lagern, sondern tatsächlich menschliche Skelette jüngeren Datums. Also kümmert er sich in seiner Freizeit um den Fall und kommt, zusammen mit Ludwig Schüssler, Caroline Geiger und dem Soldaten Augustin Hipp einem ungeheuren Verbrechen auf die Spur.

Gruselig ist das! Und brutal. Schüssler kann froh sein, dass er den Fall nicht im Alleingang aufklären muss, sondern so kompetente Mitstreiter gefunden hat.

Ob SCHÜSSLER UND DIE VERSCHWUNDENEN MÄDCHEN der Auftakt zu einer Serie ist?

Krimi und Zeitreise


Genauso spannend wie Suche nach Luise und ihren verschwundenen Kolleginnen ist die Schilderung des damaligen Alltagslebens. Von wegen „gute alte Zeit“! Die mussten seinerzeit schon verflixt schwer schuften und von einer sozialen Absicherung konnte nicht die Rede sein. Und wie ärmlich es auf dem Land zugegangen ist, dass die Situation als Dienstmädchen in der Stadt für die Frauen eine Verbesserung darstellte, sehen wir auch.

Doch nicht alles ist hier tragisch und deprimierend. Als Ludwig Schüssler „in die Stauden“ geht, ein Gebiet, in dem man angeblich ein besonders unverständliches Schwäbisch schwätzt, muss Caroline als Dolmetscherin mit. Altbayer Schüssler wäre dort aufgeschmissen. Und dann haut da eine alte Bäuerin einen Spruch raus, der sich mir (Region Stuttgart) auf Anhieb erschloss. Trotz der dramatischen Situation habe ich laut losgelacht. Dialekte sind schon was Feines!

Wie Schüssler eine Ladendiebin in einem Feinkostgeschäft überführt, bringt einen ebenfalls zum Kichern. Doch die Konsequenzen für die Frau – auch wenn sie uns von Herzen unsympathisch ist – sind so schrecklich, dass einem das Lachen schnell wieder vergeht. Wie’s manchmal so ist im Leben.

Gut, wenn man genau hinschaut, beruht die Aufklärung des Falls schon auf einem großen Zufall. Wären Schüssler und sein „Team“ an einem anderen Tag vor Ort gewesen, wäre das schreckliche Geheimnis auf ewig unentdeckt geblieben. Doch sei’s drum. Der Fall ist spannend, das Ermittlergespann interessant und ungewöhnlich und die „Zeitreise“ ins ausgehende 19. Jahrhundert ausgesprochen faszinierend.

Der Autor
Viktor Glass, geboren 1950 in Iserlohn, studierte Sinologie und Publizistik in Bochum. Er veröffentlichte mehrere Bände mit Erzählungen und Romanen, u. a. den sehr erfolgreichen Roman »Diesel« über das Leben von Rudolf Diesel. Viktor Glass lebt in Augsburg und ist ein hervorragender Kenner der Augsburger Industrie- u. Sozialgeschichte.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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