Dorothea Böhme: Schwabenblues. Kriminalroman

Dorothea Böhme: Schwabenblues. Kriminalroman, Meßkirch 2018, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2256-0, Klappenbroschur, 250 Seiten, Format: 2,5 x 12,1 x 20 cm, Buch: EUR 12,– (D), EUR 12,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

 

Abbildung: (c) Gmeiner Verlag

„Es gibt immer noch 10.000 Euro, die verschwunden sind“, überlegte Paula.
Timo nickte nachdrücklich. „Es geht doch immer nur ums Geld. Kapitalistenschweine.“
„Oder um Liebe.“
„Monogame Idioten.“ (Seite 194)

Mit SCHWABENBLUES habe ich unwissentlich den zweiten Band einer Serie erwischt. Ich brauchte ungefähr drei Kapitel, um zu verstehen, wie ernst ich die Figuren und die Handlung zu nehmen habe. Der Sidekick der Heldin ist ein recht schräger Vogel und Comedy-Elemente wie der trampelige Kellner, der seine Gäste ständig beim Flirten und Knutschen stört, deuten auf Klamauk hin, der Fall selbst eher weniger. Ich habe die Geschichte dann in die Ecke DETEKTIV ROCKFORD – ANRUF GENÜGT oder REMINGTON STEELE sortiert. (Sollte es moderne Fernsehserien mit Privatdetektiven als Helden geben, so kenne ich sie nicht.)

Mit der Zeit klärt sich auch mehr oder weniger, wieso die drei Helden – Privatdetektivin Paula Schmidt und ihre Freunde Timo und Julia – in Jobs stecken, für die sie deutlich überqualifiziert sind.

Eine Privatdetektivin, die Brötchen verkauft


Paula Schmidt, die ich auf Ende 20 schätze, hat an der Uni Stuttgart diverse Studienfächer angefangen aber nirgendwo einen Abschluss erworben. Wegen eines Drogendelikts ist sie vorbestraft. Unschuldig, wie sie beteuert. Jetzt schlägt sie sich als Privatdetektivin durch, beschattet mutmaßlich untreue Ehepartner und derzeit auch einen nerdigen Studenten, den seine überbesorgte Mutter in schlechter Gesellschaft wähnt.

Ihr Büro hat Paula im Hinterzimmer des Headshops von Timo, einem dauerbekifften Ex-Philosophiestudenten, den sie noch aus Uni-Zeiten kennt. Timo schwadroniert permanent vom Kommunismus, wettert gegen die Kapitalistenschweine und verkennt dabei die Tatsache, dass er inzwischen selbst Unternehmer ist.

Weil Paula von ihrer Detektei nicht leben kann, arbeitet sie nebenbei als ungelernte Verkäuferin in einer Bäckerei, genau wie die BWL- und Marketing-Expertin Julia. Warum Julia dort hängengeblieben ist, wurde mir nicht so ganz klar. Sie ist mit Brötchenverkaufen eindeutig unterfordert. Vielleicht hängt sie sich deshalb so gern in Paulas Ermittlungsarbeiten rein.

Paulas Nachbar ist verschwunden


Den neuesten Fall schleppt Frau Hirschle an, Paulas Vermieterin. Sie behauptet steif und fest, Martin Kirner, der Mieter der Dachgeschosswohnung, sei seit zwei Wochen verschwunden. Niemand nimmt ihre Besorgnis ernst. Es ist Sommer, es sind Semesterferien. Kirner, der Privatdozent an der Uni ist, ist bestimmt mit seiner rabiaten on-and-off-Freundin Sophia Lemberger in Urlaub gefahren. Die ist nämlich auch nicht erreichbar.

Die beiden sind erwachsen. Sie müssen sich weder bei ihren Angehörigen noch bei der Vermieterin abmelden. Frau Hirschle gibt aber keine Ruhe und beauftragt Paula offiziell. Deren Honorar gedenkt sie schwäbisch-sparsam mit dem Flachbildfernseher des Herrn Kirner zu begleichen. Wenn ihm was zugestoßen ist, braucht er das Gerät ja nicht mehr, oder?

Paula bricht in Kirners Wohnung ein. Zu holen war da nichts. Privatdozenten müssen nicht viel arbeiten, verdienen aber auch nicht viel Geld. Verreist scheint Kirner aber nicht zu sein. Er hat jedenfalls nichts mitgenommen. Von der Bekleidung über den Koffer bis zur Zahnbürste ist noch alles da.

Jetzt ist Paulas Jagdinstinkt geweckt. Mit Hilfe von Timo und Julia ermittelt sie im privaten und beruflichen Umfeld des Vermissten. Die Freundin ist eine eifersüchtige Furie und verpasst der Ermittlerin erst einmal eine Tracht Prügel, weil sie sie für eine Nebenbuhlerin hält. An der Uni geht’s zu wie seinerzeit bei DALLAS oder dem DENVER-CLAN – wenn wir schon bei ollen Fernsehserien sind: Intrigen und Affären, dass Paula und die LeserInnen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Sodom und Gomorrha an der Uni


Wer mit wem liiert, verbündet oder verfeindet ist und wer mit wessen Hilfe an welchen Stuhlbeinen sägt, ist nicht so leicht zu durchschauen. Warum hat Philipp Hartmann den lukrativen Professorenposten bekommen, obwohl Kirner der brillantere Kopf war? Was haben die Professoren Stolten und Dörfler zu verbergen? Die studentischen Hilfskräfte sind auch nicht ganz koscher. Und wo, bitte, sind die 10.000 Euro abgeblieben, die sich Kirner kurz vor seinem Verschwinden geliehen hat?

Als Martin Kirners Leiche gefunden wird, tritt Kommissar Jan Brändle auf den Plan, mit dem Paula ein bisschen mehr verbindet als eine rein berufliche Beziehung.

Offenbar ist Paula dem Täter dichter auf den Fersen als ihr selbst klar ist. Die Drohungen häufen sich, und es bleibt nicht bei eingeschlagenen Scheiben. Wenn Paula schon von einem Unbekannten eine kräftige Abreibung bekommen hat, ist es dann clever, wenn sie sich nachts mit einem anonymen Informanten auf einem einsamen Parkplatz in Walddorfhäslach trifft? Und wenn nun gar kein Tippgeber kommt, sondern der Mörder? Kumpel Timo sichert zwar seine Unterstützung zu, aber ist auch wirklich Verlass auf ihn?

Ermittlungen am Rande der Legalität


Es ist spannend und wegen der Nebenfiguren auch amüsant, Paula bei ihren nicht immer ganz legalen Ermittlungen zu begleiten. Den Schluss empfand ich allerdings als ein bisschen unbefriedigend. Ich hatte bei dem komplexen Beziehungs- und Intrigengeflecht irgendwann den Durchblick verloren und könnte beim besten Willen nicht erklären, wie genau der Täter in der Geschichte mit drinhängt und was sein Motiv war. Vielleicht verstehe ich auch zu wenig vom Uni-Betrieb. An „meiner“ FH seinerzeit hat es solche Zickereien bestimmt nicht gegeben. Alles Kerle und fast nur Ingenieure …

Aber auch Paula selbst kommt nicht immer ganz mit. Wieso fragt sie sich auf Seite 161, was Martin Kirners Vater wohl beruflich gemacht hat, wo es ihr Frau Hirschle doch schon auf Seite 13 lang und breit erklärt hat? Allerdings auf Schwäbisch. Und weil Paula eine „Rei’g’schmeckte“ ist, hat sie vielleicht nicht alles verstanden. Die Vermieterin ist übrigens die einzige Person im Buch, die Dialekt schwätzt. Und das nur in wenigen Dialogzeilen des ersten Kapitels, in dem sie auftritt. Danach werden ihre Ausführungen auf Hochdeutsch wiedergegeben.

Wie sagt der Schwabe? „Net schlecht“


Ob man sich in Stuttgart auskennt oder nicht, ist beim Lesen nicht so rasend bedeutend. Wenn man dort an der Uni war, hat man natürlich einen gewissen „Heimvorteil“. Alle anderen ortskundigen LeserInnen erkennen vielleicht ein paar Cafés oder Straßennamen. Oder das Dreigroschentheater.

Mein Gesamturteil fällt so schwäbisch-sparsam aus wie Frau Hirschles Detektivhonorar: „Net schlecht“.

Die Autorin
Dorothea Böhme, geboren 1980, zieht es immer wieder in die weite Welt hinaus: Ecuador, Italien und Ungarn waren nur einige Stationen in ihrem Leben. Ein paar Jahre verbrachte sie auch in Klagenfurt, das sie schnell in ihr Herz schloss. Deshalb siedelte sie ihre skurrilen Kriminalromane um Chefinspektor Fritz Reichel in Kärnten an, genauer gesagt in dem fiktiven Dorf Lendnitz. Inzwischen lebt sie in Stuttgart, wo auch ihre Protagonistin, die Privatdetektivin Paula Schmidt, ermittelt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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