Silke Porath, Sören Prescher: Mord mit Seeblick

Silke Porath, Sören Prescher: Mord mit Seeblick, Augsburg 2018, Weltbild-Verlag, ISBN: 978-3-95973-648-0, Flexibler Einband, 399 Seiten, Format: 12,5 x 18,7 x 2,7 cm, Buch: EUR 9,99, E-Book: EUR 8,99. Exklusiv erhältlich bei Weltbild.
Buch: www.weltbild.de/artikel/buch/mord-mit-seeblick_22867416-1
e-Book: www.weltbild.de/artikel/ebook/mord-mit-seeblick_22867419-1

Abbildung: (c) Weltbild-Verlag

Den Vornamen des Helden erfahren wir nicht. „Schrödinger“ muss es tun. Er lebt in Hannover, müsste in seinen Vierzigern sein und ist geschieden. Gerne wäre er Polizist geworden, aber es kam anders. Er hat Elektriker gelernt und es über verschiedene berufliche Stationen bis zum stellvertretenden Geschäftsführer eines Getränkemarkts gebracht.

Auch wenn ihm die Polizeilaufbahn verwehrt war – ein Faible für Krimis hat er noch heute. Deswegen heißt sein Boxerrüde auch „Horst“ – nach Horst Schimanski aus dem TATORT. Dass der Hund nicht umsonst eine prominente Spürnase als Namenspatron hat, werden wir noch erleben.

Ein Toter auf dem Campingplatz


Jetzt machen Schrödinger und Horst erst einmal Campingurlaub am Bodensee. Doch aus der ersehnten Erholung wird nichts. Nicht nur, weil Schrödinger vergessen hat, eine Badehose einzupacken und es einfach nicht auf die Kette kriegt, sich eine neue zu beschaffen, die nicht gleich der Zerstörungswut seines Hundes zum Opfer fällt, sondern vor allem, weil besagter Hund gleich am zweiten Urlaubstag auf dem Campingplatz einen Toten aus der Erde buddelt. Das ruft umgehend Kommissar Bohnert auf den Plan, der noch ganz andere Probleme hat als diesen mysteriösen Mordfall.

Der Tote ist der Antiquitätenhändler Jens Zimmermann, der Stammgast auf dem Campingplatz war. Sein Laptop ist verschwunden. Das kann mit seinem gewaltsamen Tod zu tun haben, muss aber nicht. Denn neuerdings kommt hier alles Mögliche weg, sogar der leicht ramponierte Grill und die alten Plastiklatschen von Schrödingers Platznachbar Heiner. Und der Antiquitätenhändler ist vergiftet worden. So etwas machen Einbrecher ja eher nicht.

Heiner und seine Frau Brigitte wundert Jens‘ jähes Ende nicht sehr. So ganz koscher sollen seine Geschäfte nicht gewesen sein. Wer weiß, mit wem er sich angelegt hat!

Verdächtige Umtriebe: Die Camper ermitteln


Schrödingers Interesse an dem Mordfall ist geweckt. Mit Spürnase Horst an seiner Seite, einer Portion gesundem Menschenverstand und seiner langjährigen Krimi-Erfahrung könnte er den Fall vielleicht aufklären. Eher vermutlich als der etwas verpeilt wirkende Kommissar. Hilfe hätte Schrödinger auch: Auf dem Campingplatz wimmelt es vor Männern, die vor Langeweile nicht wissen, was sie tun sollen. Heiner und Marius, zum Beispiel. Der russische Ingenieur Michail, der vor Jahren in eine deutsch-italienische Gastronomenfamilie eingeheiratet hat, wäre sicher auch mit dabei. Der Freizeitgestaltung seiner Frau und seiner Töchter (schwimmen, Showprogramm und shoppen) kann er nämlich nicht viel abgewinnen.

Verdächtige Umtriebe gibt’s hier ja durchaus: Thierry, der Kioskbetreiber, scheint nebenher krumme Geschäfte zu machen. Und die Teenagertruppe, die hier urlaubt, macht vermutlich auch mehr als nur feiern, kiffen und grausliche Musik hören.

Abgelenkt von schönen Frauen


Von seinen Privatermittlungen abgelenkt wird Schrödinger dadurch, dass es auf dem Platz auch verflixt attraktive Frauen gibt. Die französisches Buchhändlerin Mirabelle, zum Beispiel. Sie hat in Berlin Literatur studiert und besitzt Supermodel-Qualitäten. Aber bei ihr rechnet sich Schrödinger wenig Chancen aus. Dann schon eher bei der jungen Witwe Marion aus Tuttlingen, die mit ihrer Mutter und ihren zwei Kindern hier Ferien macht. Die ist nicht ganz so abgehoben wie Mirabelle. Anwaltsgehilfin hat sie mal gelernt, und jetzt macht sie die Buchhaltung einer Dachdeckerfirma. Eine hübsche, bodenständige und warmherzige Frau, die die Höhen und Tiefen des Lebens kennt. Die wäre seine Kragenweite!

Nun schlendert die Handlung eine Weile im trägen Sommerurlaubsmodus voran. Die Hobbyermittler patrouillieren nicht ganz so unauffällig, wie sie meinen, über den Campingplatz, Schrödinger sucht bei den Antiquitäten- und Gebrauchtwarenhändler in der Gegend nach den gestohlenen Gegenständen und kommt seiner Marion langsam näher. Boxerrüde Horst wird trotz permanenter Flatulenzen zum Liebling der Urlaubsgäste. Man ist ja zum Glück meist im Freien. Und ab und zu scheucht der unternehmungslustige Michail mit seinen ausgefallenen Ideen den gemütlichen Haufen ein bisschen auf.

Hängt die Mafia mit drin?


Der arme Michail hat ja keine Ahnung, wie einschüchternd er mit seiner polterigen Art auf manche Menschen wirkt! Ein ruppig geführtes geschäftliches Telefonat lässt ihn für Schrödinger und seine Kumpels auf einmal verdächtig wirken. Hat er am Ende etwas mit der Mafia zu tun? Ob mit der russischen oder der italienischen wäre bei seinen Familienverhältnissen noch zu klären.

Was weiß eigentlich Marions Mutter Hillu von den unsauberen Geschäften, die hier so offensichtlich betrieben werden? Für eine einfache Hausfrau trägt sie eine erstaunliche Menge Bargeld mit sich herum!

Verdächtige gibt’s hier viele. Am Schluss ist jedoch alles ganz anders, als man geglaubt hat, und für drei der Freizeitdetektive wird’s echt brenzlig. Für den einen, weil er auf der falschen Fährte war, für die anderen zwei, weil sie einem Täter zu dicht auf den Fersen sind …

Rasantes Finale


Irgendwie scheint die Geschichte das Tempo, das sie am Anfang auf charmante Weise vertrödelt hat, am Schluss wieder aufholen zu wollen. Die Aufklärung des Mordfalls kommt ein bisschen sehr zufällig und plötzlich zustande. Wie Schrödinger sich so schnell den Ablauf der Ereignisse zusammenreimen konnte, hat mich verblüfft. Ich habe rein altershalber bestimmt mehr Krimi-Erfahrung als er und wäre im Leben nicht auf die Zusammenhänge gekommen! Für meine Begriffe bleiben auch noch ein paar Fragen offen: Woher hat zum Beispiel Hillu die viele Kohle? Und, wer zum Geier, hat Heiners Schuhe geklaut? Selbst ein unerfahrener Einbrecher würde doch in einem Paar schmuddeliger Badelatschen keine Beute sehen!

Für passionierte Camper, Hundefreunde und Kenner der Bodensee-Region ist MORD MIT SEEBLICK eine amüsante Urlaubslektüre. Das Autorenduo Porath und Prescher kennt sich aus, beobachtet sehr genau und setzt ein paar lästerliche Spitzen. Dass im Verlauf der Handlung immer wieder Hund Horst zu Wort kommt und die Ereignisse und das unverständliche Verhalten der Zweibeiner aus seiner Sicht kommentieren darf, ist für so manchen Lacher gut. Hast schon recht, Horst: Wir Menschen sollten uns nicht so wichtig nehmen!

Viel Spaß, nicht ganz so viel Spannung


Nur die Krimihandlung kommt nicht so recht in die Gänge. Für den Helden, Schrödinger, hängt einfach zu wenig von der Klärung des Falles ab. Er kannte das Opfer nicht und er wird auch nicht verdächtigt. Mehr, als dass sein Hund den Toten gefunden hat, hat er nicht damit zu tun. Und so behandelt er die Ermittlungen mit der milden Neugier eines allenfalls am Rande Betroffenen und widmet sich ihnen mit ungefähr dem gleichen Engagement wie dem Flirt mit Marion, seinen touristischen Erkundungen und dem Erwerb einer Badehose.

Man hat seinen Spaß beim Lesen, keine Frage! Aber atemberaubende Krimispannung darf man hier nicht erwarten.

PS: Nie und nimmer glaube ich, dass eine hart arbeitende Schwäbin in einem Restaurant einen sauteuren Cappuccino einfach so stehen lässt. Nicht ohne triftigen Grund! Das dürfte in Silke Poraths Heimatstadt Balingen genauso sein wie hier bei uns in der Region Stuttgart. 😀

Die Autoren
Silke Porath lebt, liebt und arbeitet mit ihrem französischen Mann, dem Mops Baudelaire und dem reinrassigen Charlie in ihrer schwäbischen Heimatstadt Balingen. Die Mutter dreier Kinder ist Mitglied bei den 42er Autoren und im Verband deutscher Schriftsteller. Das Zuhause im Netz ist immer geöffnet: www.silke-porath.de.

Sören Prescher, Jahrgang 1978, wohnt mit seiner Familie in Nürnberg. Zudem ist er Mitglied der 42erAutoren und freier Journalist des Nürnberger Musik- und Kulturmagazins RCN. Neben zahlreichen Kurzgeschichten-Veröffentlichungen sind in den vergangenen Jahren mehrere Romane von ihm erschienen, unter anderem der Thriller „Raststopp“. Zusammen mit Silke Porath verfasste er drei Kurzkrimi-Sammlungen sowie den amüsanten Kriminalroman „Klosterkeller“. Mehr über den Autor unter www.soeren-prescher.de.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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