Biggi Mestmäcker: Umweg Jakarta

Biggi Mestmäcker: Umweg Jakarta. Gegen alle Widerstände – Familiennachzug aus Syrien, Hamburg 2017, Verlag Tredition, ISBN 978-3-7469-4934-5, Softcover, 256 Seiten mit Abbildungen in Farbe und s/w, Format: 13,3 x 1,5 x 20,3 cm, Taschenbuch: EUR 12,90, gebundenes Buch: EUR 22,90, Kindle Edition: EUR 4,99.

Abbildung: (c) Mestmäcker, Reitz, Tredition

Man erntet neugierige Blicke, wenn man dieses Buch in der Öffentlichkeit liest. Die wahre Geschichte darin wird in zwei Sprachen erzählt: einmal auf Deutsch und einmal auf Arabisch. Übersetzung ins Arabische: Yaman Naal und Hazem Hadidi. Entsprechend hat das Buch auch zwei Cover. Manche Mitmenschen fragen sich ganz offensichtlich, ob du wirklich Arabisch lesen kannst und starren so lange, bis ihnen klar ist, in welche Richtung du blätterst. 🙂

Abbildung: (c) Mestmäcker, Reitz, Tredition, Aufnahme: E. Nebel

Was jedem, der dir beim Lesen zuschaut, ganz schnell klar werden dürfte: Dieses Buch ist über die Maßen spannend! Da kommt kein Krimi mit und auch kein Thriller. Die aufregendsten Geschichten „schreibt“ tatsächlich das Leben selbst.

Frau und Kind sind noch in Syrien


Darum geht’s: Durch das Kochprojekt „Über den Tellerrand kochen“ des lokalen Asylkreises lernt die Autorin im Sommer 2015 den wortkargen Syrer Elias Alkhory kennen. Sie kommen (auf Englisch) ins Gespräch. Als Ehefrau und Mutter kann Biggi sich sehr gut vorstellen, wie sehr er darunter leidet, dass er Frau und Sohn in Syrien zurücklassen musste. Wie viele andere Männer hat er sich allein auf den Weg gemacht und plant, sobald sein Asylantrag bewilligt ist, Mari und Joni nachholen. Der aufgeweckte Bub soll eine Chance haben im Leben. Elias hofft, dass er als syrischer Christ die Möglichkeit bekommt, in Deutschland bleiben zu dürfen.

Weil Biggi sowieso jeden Donnerstag die Strecke fährt, nimmt sie Elias fortan von seiner Flüchtlingsunterkunft zum Deutschkurs mit. Die Freundschaft vertieft sich, das Weihnachtsfest verbringt Elias mit Biggis Familie und so ist es nur folgerichtig, dass sie beschließen, ihm zu helfen – zu allererst mit dem Papierkram. Dass sie sich dabei mit einem wahren Bürokratiemonster anlegen, das einfach nicht zu bändigen ist, wissen sie zu der Zeit noch nicht. Die Hydra nimmt sich im Vergleich wie ein zahmes Haustier aus.

Biggi gibt Elias Deutschunterricht und lernt von ihm im Gegenzug Arabisch. Mari, seine Frau, spricht besser Englisch als er. Mit ihr korrespondiert sie übers Internet und erfährt: Die Lage in Syrien wird immer verzweifelter.

In Deutschland ändert sich ständig etwas an der Gesetzeslage und Elias erwartet, immer mutloser werdend, den Termin bei der Anhörungskommission. Doch die Einladung zum Interview im Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge in Düsseldorf lässt auf sich warten … monatelang.

Jetzt geht der Irrsinn erst richtig los


Es wird März 2016, bis klar ist, dass er bleiben darf. Elias ist jetzt anerkannter Flüchtling und Frau und Sohn können endlich im Rahmen des „erleichterten Familiennachzugs für Syrer“ zu ihm nach Deutschland kommen. Das wäre eigentlich ein Grund, die Sektkorken knallen zu lassen und tüchtig zu feiern. Mari und Joni fahren jetzt zur deutschen Botschaft, denkt man, holen sich ihr Visum und reisen aus. Doch Pustekuchen! Jetzt läuft sich das Bürokratiemonster erst so richtig warm. Ein Mix aus Unwissenheit, Überforderung, Prinzipienreiterei und Korruption legt den Alkhorys ein ganzes Gebirge an Steinen in den Weg.

Immer, wenn man denkt, nun haben sie es endlich geschafft, jetzt können sie die Koffer packen und sich in den Flieger setzen, kommt eine neue Hiobsbotschaft. Dies fehlt, das fehlt, da haben sich die Bedingungen geändert, dort ist man komplett überlastet. Die einen erklären sich für nicht zuständig, die anderen antworten gar nicht erst. Diese Auskunft ist falsch, jene unseriös, der eine will noch mehr Papiere sehen, der andere nur Geld abzocken … Die Hindernisse nehmen einfach kein Ende. Das kann man sich nicht ausdenken!

Kampf gegen das Bürokratiemonster


Das Hauptproblem ist, dass aufgrund des hohen Andrangs in absehbarer Zeit kein Termin bei der deutschen Botschaft in Damaskus zu bekommen ist. Man schreibt Biggi, die Familie möge es doch in den Nachbarländern Syriens probieren. Also klappert sie alles ab: Jordanien, Libanon, Iran, Türkei, Ägypten, Oman … sie erwägen sogar den Irak, Indien und Singapur. Alles vergebens. Die einen sind hoffnungslos überlaufen, die anderen haben die Grenze zu Syrien längst geschlossen und bei denen, die noch übrig sind, muss der Antragsteller ein halbes Jahr oder länger in dem Land gelebt haben, ehe er ein Visum für Deutschland beantragen kann.

Das klingt jetzt so, als könne man das mal schnell in der Mittagspause klären. Von wegen! Das war eine extrem zeitraubende und mühselige Angelegenheit. „(…) Auf den Websites der Botschaften fehlen all diese Informationen, die ich mir Land für Land mühsam zusammensuchen musste. Niemand sagt einem gleich konkret, unter welchen Bedingungen eine Einreise möglich ist.“ (Seite 49)

Der Leser fiebert mit jedem einzelnen Schritt mit, kaut vor lauter Anspannung an den Fingernägeln und denkt, da hätte ich längst aufgegeben. Aber wenn man nicht nur einen „Fall“ vor sich hat, sondern Freunde, die in Not sind, ist Kapitulieren keine Option.

Biggis Wohnzimmer wird zur Kommandozentrale, ihre Computer vernetzen sie mit der halben Welt. Sie ist wild entschlossen, Mutter und Sohn da durchzulotsen und heil nach Deutschland zu bringen.

Elias will aufgeben, Biggi nicht


Elias ist derart mit den Nerven fertig, dass er eine Rückkehr nach Syrien erwägt und lieber zusammen mit seiner Familie untergehen will als weiterhin auf unbestimmte Zeit von ihnen getrennt zu sein.

Ihre letzte Hoffnung ist die Botschaft in Jakarta. Muss jetzt wirklich die reiseunerfahrene Mari mit ihrem Kind einmal ans andere Ende der Welt fliegen, um dort, vollkommen legal, ein Visum für Deutschland beantragen zu können? Mit dem Mut der Verzweiflung würde sie es wagen. Doch schon tun sich die nächsten Probleme auf.

Biggi aktiviert Freunde und Bekannte in der ganzen Welt und bewegt selbst wildfremde Menschen dazu, sich mit aller Kraft für die Alkhorys einzusetzen …

Am Rande habe ich damals ein wenig von diesen dramatischen Vorgängen mitbekommen. Aber wenn man jetzt die Ereignisse eines Jahres auf 140 Buchseiten komprimiert liest, klingt das wirklich un-f*cking-fassbar. Ich möchte den Mitarbeitern der Ämter und Botschaften keinen bösen Willen unterstellen und bin mit der Erklärung: „Überforderung“ in den allermeisten Fällen zufrieden. „Politisch gewollt“ wäre auch noch ein Stichwort. Aber wenn das ein „erleichterter Familiennachzug“ ist, wie schauen dann erst Irrsinn und Schikane aus?

Hut ab vor diesem Engagement!


Hut ab vor Biggi und ihrem engagierten Netzwerk für dieses unermüdliche Engagement. Und auch vor den Alkhorys, die diesen Wahnsinn durchlitten und überstanden haben.

Mein theoretisches Wissen aus den Medien hat jetzt ein Gesicht bekommen – und ich habe jetzt ein anderes Verständnis für die Situation. UMWEG JAKARTA ist mehr als nur eine spannende Geschichte: Sie informiert – und sie berührt.

Die Namen der Beteiligten wurden im Buch zum Teil geändert – dies nur für den Fall, dass jemand nach Elias und seiner Familie googeln möchte. Biggis berufliche und ehrenamtliche Aktivitäten kann man dagegen im Netz finden.

Die Autorin
Biggi Mestmäcker ist freiberufliche Texterin und Marketingberaterin, sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Sie lebt und arbeitet am Niederrhein. Im Jahr 2015 entschied sie sich wie viele ihrer Mitmenschen, sich für die Flüchtlinge zu engagieren, die ihrer Gemeinde zugewiesen worden waren. Hier lernte sie unter anderem Elias Alkhory kennen und es nahm eine Geschichte ihren Anfang, die am Ende einfach aufgeschrieben werden musste.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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