Carla Berling: Tunnelspiel. Kriminalroman

Carla Berling: Tunnelspiel. Kriminalroman, Band 3 der Ira-Wittekind-Reihe, überarbeitete Neuausgabe, München 2019, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-41995-7, Klappenbroschur, 271 Seiten, Format: 11,8 x 3 x 18,5 cm, Buch: EUR 9,99, Kindle: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Wenn ich nicht wüsste, dass H. den Brenner im Schlachthof hingehängt hat (…), würde ich denken, dass sie ihn alle gemeinsam umgebracht haben (…). Alle haben ihn gehasst, jeder hatte ein Motiv.“ (Seite 141)

Bad Oeynhausen, Sommer 2014: Als Lokalreporterin Ira Wittekind (54) und ihr Lebensgefährte Andreas Weyer auf einer Radtour am alten Schlachthof vorbeikommen und dort Rettungswagen, Notarzt, ein halbes Dutzend Polizeiautos sowie jede Menge Neugieriger stehen sehen, verfällt Ira schlagartig in den Jobmodus. Der Ausflug ist vergessen.

Man hat einen Toten gefunden den man „erst vom Gitter schneiden musste“. Mehr erfahren Ira und Andy nicht. Also sehen sie sich am Hintereingang zum Firmengelände um. Dort parkt ein PKW mit Herforder Kennzeichen. Aber das ist eine gottverlassene Einöde, hier parkt nie jemand! Das Auto hat bestimmt dem Toten gehört.

Mord im alten Schlachthof. Ira recherchiert.

Ira ist schon lange im Geschäft. Sie hat ihre Methoden, einem Verdacht nachzugehen, die sicher nicht in Lehrbuch stehen, aber hervorragend funktionieren. Bald weiß sie Bescheid: Der Tote ist der Verleger Lorenz Brenner, 47, verheiratet, ein Kind. Seine Familie ist vermögend. Umso überraschender, dass Brenners Verlag so eine heruntergekommene Klitsche ist, in der nur noch eine unbezahlte Praktikantin herumwurstelt und alles abwickelt.

Er war schon ein Herzchen, dieser Lorenz Brenner! Weder seine Familie noch seine Geschäftspartner lassen ein gutes Haar an ihm. Er hat alle hintergangen und übervorteilt. Sein Bruder Konrad hat seit Jahrzehnten kein Wort mehr mit ihm gesprochen. (Ist es eigentlich Zufall, dass die Brüder heißen wie der berühmte Zoologe Konrad Lorenz, der mit den Graugänsen? Zumindest einer von beiden ist ja schon ein bisschen fehlgeprägt …)

War es überhaupt Mord? Die Auffindesituation des Toten war, nun ja: pikant. Es könnte auch eine Sadomaso-Nummer gewesen sein, die gewaltig schief gegangen ist.

Die Nachbarin ist verschwunden!

In dieser Szene kennt sich Frau Debruyn aus, Iras Nachbarin in Bielefeld. Doch als Ira sie um ein paar Informationen bitten will, ist die Frau plötzlich unter mysteriösen Umständen verschwunden. Ira sorgt sich um sie. Doch Polizei wird in dieser Angelegenheit nichts unternehmen. Frau Debruyn ist schließlich erwachsen und kann auch mal spontan verreisen ohne, wie üblich, ihre Nachbarin Ira um Blumengießen und Briefkastenleerung zu bitten.

Also sucht Ira nun ihre verschwundene Nachbarin – und die Geschichte hinter dem Todesfall Brenner. In diesem Fall hat sie dasselbe Problem wie die Polizei: Verdächtige en masse!

Das Tolle an Ira Wittekind ist, dass sie so unprätentiös und normal ist. Endlich mal keine gebrochene Heldin, die ständig um ihre eigenen Befindlichkeiten kreist, sondern eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Und bei dieser (Schwieger-)Familie kann sie auch gar nicht die Bodenhaftung verlieren: Tante Sophie und Tante Friedchen sind schon hoch in den Achtzigern, aber noch fit und an Iras Arbeit, oder besser gesagt: an den skandalösen Details, überaus interessiert. Für lokale Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, sind die zwei eine hervorragende Informationsquelle. Und sie reden nicht lange um den heißen Brei herum, was Ira sehr zu schätzen weiß.

Verdächtige mit großem Ego

Mit überkandidelten Personen wie den Autorinnen und Autoren aus dem Dunstkreis des mutmaßlich ermordeten Verlegers hat die Journalistin dagegen Probleme: Mit dem (Prahl-)Hannes Krawuttke, der sich als Autor Nandorf Kühn nennt, genauso wie mit der ebenso aggressiven wie intelligenten Monka Diesterweg, die alles verloren hat (einschließlich des i in ihrem Vornamen, wie ich vermute). Ein besonderes Kaliber ist die pensionierte Lehrerin Nelly Mooskamp-Rübenberg, die entsetzlich von sich eingenommen ist.

Der Gesichtsausdruck der Frau wechselte von borniert zu eifrig. „Ich habe der aus Nordamerika stammenden Kunst der Patchwork- und Quilt-Arbeiten in Ostwestfalen zu neuen Ehren verholfen.“
Ira übersetzte den Satz insgeheim mit: Sie nähte Steppdecken.
(Seite 58)

Da kichert man als LeserIn trotz des gruseligen Mordfalls. Genau wie bei den Szenen mit den sich ewig kabbelnden alten Tanten. Wenn man nichts zu lachen hätte, wäre die Geschichte (und das Leben) schon sehr düster.

Auch wenn man den Mord jedem zugetraut hätte, der jemals mit Lorenz Brenner in Kontakt gekommen ist: Wer es schließlich war, überrascht dann doch. Aber die Leser hätten wahrscheinlich auch jeden anderen gern als Täter akzeptiert, vor allem aus dem Kreis der aufgeblasenen Autoren.

Mitleid mit dem M*stkerl

Der Tote war ein M*stkerl reinsten Wassers, aber am Schluss tut er einem fast schon ein bisschen leid. Er tritt ab, ohne dass ihm auch nur ein einziger Mensch eine Träne nachweint. Die Leute sind nicht mal zu seiner Beerdigung gegangen, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich in die Grube fährt. Das ist schon traurig.

Ich finde es immer noch ein wenig verwirrend, dass die Bände der Ira-Wittekind-Reihe bei Heyne nicht in der Reihenfolge veröffentlicht werden, in der Carla Berling sie geschrieben hat. Das hat gute Gründe, aber es ist trotzdem seltsam, wenn hier auf einmal Nebenfiguren eingeführt und vorgestellt werden, die man bereits kennt. Die Taxifahrerin Coco, zum Beispiel. Aber das sind Kleinigkeiten.

Ira Wittekind ist eine sympathische Heldin in einem ebensolchen Umfeld. Man begleitet sie gerne bei ihren Recherchen, die hier wieder mal unversehens in kriminalistische Ermittlungen münden. Ach ja, und bitte nicht irritieren lassen: „Tante Erna“ ist keine weitere Verwandte, sondern Iras Hund. Ich falle bei jedem Band aufs Neue drauf rein. 😉

Die Autorin

Carla Berling, Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihrer Comedyreihe Jesses Maria durch große und kleine Städte.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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