Ben Aaronovitch: Die Glocke von Whitchapel. Roman

Ben Aaronovitch: Die Glocke von Whitchapel. Roman, OT: Lies Sleeping, aus dem Englischen von Christine Blum, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21766-8, Softcover, 414 Seiten, Format: 12,1 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 8,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Wie kannst du nicht an Gott glauben? (…) Nach allem, was du schon erlebt hast? Nach all dem Wahnsinn, den wir erlebt haben?“
„Was für Wahnsinn?“
„Du kannst zaubern, Peter“, sagte er. „Du kannst Feuerbälle aus deinen Fingern schießen lassen, und deine Freundin ist ein Fluss. Das meine ich mit Wahnsinn.“
„Das ist was anderes“, sagte ich. „Das ist real.“ (Seite 167)

Zauberlehrling Peter Grant, Band sechseinhalb

Nach sechseinhalb Bänden über den Zauberlehrling Peter Grant – der Kurzroman GEISTER AUF DER METROPOLITAN LINE bringt den Haupthandlungsstrang nicht voran und zählt deshalb nur halb – hat man als Quereinsteiger keine Chance, in die Geschichte hineinzukommen und fängt am besten bei Band 1 an. Insider kennen sich natürlich aus: Constable Peter Grant, Sohn eines weißen, drogensüchtigen Jazzmusikers und einer Reinigungsfachkraft aus Sierra Leone, ist zusammen mit seinem Chef Thomas Nightingale bei der London Metropolitan Police zuständig für die Fälle mit magischen Komponenten. Und davon gibt es mehr als man denkt.

Seit einiger Zeit ist Peter nicht mehr der einzige Zauberlehrling im „Folly“, wie das magische Hauptquartier heißt. Abigail, seine Cousine x-ten Grades, absolviert dort ebenfalls eine Ausbildung und überflügelt ihn in jeder Hinsicht.

Liiert ist Peter mit Beverley Brook, einer leibhaftigen Flussgöttin. Sie ist, genau wie er …, äh, wie sagt man eigentlich politisch korrekt „of mixed race“ auf Deutsch? In der Familie von Mama Themse, einer Afrikanerin, fühlt Peter sich wie daheim. Dort ist es genau so wie in seiner Sippe mütterlicherseits: eine riesige, weit verzweigte und unübersichtliche Verwandtschaft, mit der man abwechselnd feiert und sich fürchterlich fetzt.

Der Masterplan des „Gesichtslosen Magier“

Das Leben könnte so schön sein! Peter hat einen spannenden Job, eine tolle Frau und interessante Freunde und Kollegen. Wenn nur nicht die Bedrohung durch den gefährlichen „Gesichtslosen Magier“ wäre! Seit Band 6 wissen Grant und Kollegen nun wenigstens, wer er ist: Martin Chorley. Aber wo er sich aufhält und was er im Schilde führt, wissen sie nicht. All die grauenvollen Taten, die auf sein Konto gehen, hat er sicher nicht zum Spaß begangen. Er folgt einem Masterplan, den bislang nur noch niemand durchschaut.

Ex-Polizistin Lesley May, die auf seine Seite übergelaufen ist, weiß garantiert mehr, aber auch wenn sie ihre ehemaligen Kollegen um der alten Zeiten willen manchmal schützt – verraten würde sie Chorley auf keinen Fall. Sie ist überzeugt davon, dass das, was er vorhat, dem Wohl der Menschen dient, während Peter Grant und sein Chef eher davon ausgehen, dass er in einem Anfall von Größenwahn ganz London in Schutt und Asche legen wird.

Götter, Geister, Füchse, Fae

Götter, Geister, sprechende Füchse und verschiedene Arten von Fae – Peter recherchiert sich quer durch Londons unberechenbare Demi-monde. Wobei man nie weiß, wie lustig, schräg, peinlich oder gefährlich so eine Begegnung ausfallen wird und ob sie die Ermittlungen wirklich weiterbringt. Im Bullsh*t-Erzählen sind die magischen Wesen nämlich ganz große Klasse! Die Kontakte zwischen unserer Welt und diesen abgefahrenen Kreaturen sind das, was für mich den Reiz der Reihe ausmacht.

Es kommt auch wieder zu diversen polizeilichen Einsätzen, bei denen Peters und Nightingales Expertise gefragt ist, und bei denen sich der Leser gewöhnlich fragt: „Wer ist das? Muss ich den kennen? Was ist mit dem? Hat sich das schon abgezeichnet? Hab ich was verpasst?“ – Ich weiß es auch nicht. Ich habe nach ein paar Bänden aufgegeben, den Überblick über die Nebenfiguren und Ereignisse behalten zu wollen. Ich stolpere einfach mit Peter von Einsatz zu Einsatz und hoffe, dass mir wenigstens bei der Geschichte mit dem Gesichtslosen Magier nichts Entscheidendes entgeht.

Jetzt wissen wir zumindest, dass Martin Chorley in einer Gießerei mindestens eine mannsgroße magische Glocke anfertigen ließ, wozu auch immer, und dass er hinter archäologischen Artefakten aus der Römerzeit her ist.

Kann man Götter töten?

Während der Autor in bewährter Manier über Londons Verkehr, über Politik, Wirtschaft, Autos und architektonische Scheußlichkeiten lästert und mit jeder Menge Popkulturreferenzen um sich wirft, reimen sich die Polizeibeamten des Folly zusammen, dass Chorley einen Gott töten will, um die nötige Macht für die letzte Stufe seines Plans zu erlangen. Ja, anscheinend kann man auch unsterblichen Wesen ans Leder!

Peter Grant denkt dabei natürlich zuerst an seine Schwiegerfamilie, die Flussgötter, und warnt diese. Doch Götter, die nicht zur Familie Themse gehören, kriegen die Warnung nicht mit. Als Peter hier nachbessern will, läuft er schnurstracks in eine Falle und wird verschleppt. Doch ist es keine gute Idee von seinen Gegnern, ihn in der Obhut einer stummen Hohen Fae zu lassen. Das ist just die Spezies, der die Folly-Haushälterin Molly angehört. Und mit ihr kann Peter sehr wohl kommunizieren. Falls er es schaffen sollte, dass seine Wärterin ihm vertraut, können seine Entführer einpacken.

Der große Showdown

Unterdessen rüsten sich Chorley und Lesley auf der einen Seite, die Polizei und ein beachtlicher Teil der Demi-monde auf der anderen zum großen Showdown, bei dem die magische Glocke eine entscheidende Rolle spielen soll …

Ja, so lobe ich mir das:

  • Wenn die Polizei mit den Schlitzohren der Demi-monde schachert,
  • Wenn Realität und Magie aufeinanderprallen,
  • Wenn die Götter einander anzicken wie ganz normale Leute,
  • Wenn die Story kreuz und quer durch die Geschichte Großbritanniens springt – von der man als gewöhnlicher Leser nur nicht genügend Ahnung hat, um all die Anspielungen gebührend zu würdigen,
  • Wenn sich die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, weil selbst so grausame Mistkerle wie der mörderische Geist des Aufruhrs und der Rebellion, Mr. Punch, ganz arme Socken sind und eine furchtbar tragische Geschichte haben,
  • Und wenn es im Haupthandlungsstrang rund um den Gesichtslosen Magier endlich weitergeht.

Ein bisschen mehr über Molly erfahren wir auch. Wenn die unheimliche Haushältern des Folly ein ähnlich entsetzliches Schicksal hatte wie Peters Bewacherin, sehe ich ihr alle ihre biestigen Schrulligkeiten nach. Nur für Martin Chorley wollen mir keine mildernden Umstände einfallen.

Ich hoffe nicht, dass sie Reihe hiermit zu Ende ist. Dafür sind mir noch zu viele Fragen offen … den Masterplan betreffend, Lesley May und die Zukunft von Peter Grant. Die Arbeit des Folly wird natürlich nie enden. Der nächste magische Ganove steht immer schon in den Startlöchern. Aber diesen Fall werden sie irgendwie zum Abschluss bringen müssen. Das heißt, Ben Aaronovitch muss das Kunststück vollbringen.

Ein bisschen nutzt sich der schräge Charme der Geschichte mit den Jahren schon ab. Aber jetzt will ich, es verflixt noch Mal wissen: Schaffen Grant, Nightingale und die Demi-monde es, den Masterplan des gesichtslosen Magiers ein für alle Mal zu vereiteln?

Der Autor

Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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