Ulrike Renk: Zeit aus Glas. Das Schicksal einer Familie

Ulrike Renk: Zeit aus Glas. Das Schicksal einer Familie (Die große Seidenstadt-Saga, Band 2), Berlin 2019, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3499-9, Softcover, 487 Seiten, Format: 13,3 x 3,9 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D). EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

„Auswandern ist nicht das Problem“, sagte Walter. „Die Papiere habe ich schnell bekommen. (…)“
„Was ist dann das Problem?“, fragte Martha verwirrt.
„Einwandern, Martha. Raus dürfen wir schon, aber niemand will uns aufnehmen.“
(Seite 168)

Vorab zur Information: Die Seidenstadt-Trilogie beruht auf wahren Begebenheiten. Die Autorin konnte für diese Romanreihe unter anderem auf Ruth Meyer-Elcotts Tagebücher zurückgreifen. Für den Verlauf der Handlung und das Verhalten einzelner Menschen möge man also bitte das Leben verantwortlich machen und nicht Ulrike Renk. Sie hat sich das nicht ausgedacht. Sie erzählt uns Ruths Geschichte auf ihre bewährte Art und mit ein paar notwendigen dichterischen Freiheiten.

Nach der Reichspogromnacht

Krefeld, November 1938: Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten Ruth Meyer (17), ihre jüngere Schwester Ilse und ihre Freunde ganz normale Teenager-Sorgen. Da hat es auch noch keine Rolle gespielt, dass sie Juden waren. Für die Meyers selbst am wenigsten. Sie sind so religiös wie viele Christen auch: Sie pflegen ein paar Traditionen, doch darüber hinaus ist der Glaube kein großes Thema für sie. Doch seit die Nazis im Land das Sagen haben, ist ihre Religionszugehörigkeit zur tödlichen Gefahr geworden.

Immer mehr hat man ihnen als jüdischen Mitbürger*innen Rechte und Freiheiten beschnitten. In der Reichspogromnacht zerstört der braune Mob auch noch ihr mit viel Liebe eingerichtetes Haus. Durch einen glücklichen Zufall waren Meyers nicht daheim und sind, anders als ihre Nachbarn, körperlich unversehrt geblieben. Und sie haben immerhin noch die wenigen Wertsachen, die die umsichtige Ruth rechtzeitig verstecken konnte.

Als ich das erste Mal von Lebensgeschichte der realen Ruth Meyer-Elcott hörte, habe ich mich gefragt, warum die Siebzehnjährige alles organisieren musste und es als ihre Verantwortung ansah, das Leben ihrer gesamten Familie zu retten. Müssten sich nicht vielmehr die Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder kümmern? In diesem zweiten Band wird nun klar, warum das so ist: Der Vater ist meist abwesend und ohnehin nicht allzu praktisch veranlagt. Ohne seinen Chauffeur Hans Aretz wäre er völlig aufgeschmissen. Die Mutter ist psychisch labil, die Großeltern weltfremd und die kleine Schwester noch zu jung. Also hängt alles an Ruth.

Von England aus könnte Ruth die Familie retten

Das Haus der Meyers ist verloren, da macht Ruth sich nichts vor. Sie finden bei jüdischen Freunden Unterschlupf, die schon auf gepackten Koffern sitzen und in Kürze in die USA auswandern. Eine Dauerlösung ist das nicht. Da erfährt Ruth von einem Programm, das es jungen deutschen Frauen ab 18 ermöglicht, als Haushaltshilfe nach England zu gehen. Auch Jüdinnen. Sie erwägt, daran teilzunehmen, auch wenn sie dazu ihre Familie allein zurücklassen und ihre Papiere fälschen müsste. Sie ist um wenige Monate zu jung. Natürlich ängstigt sie auch die Vorstellung, sich allein in einem fremden Land durchschlagen zu müssen, aber wenn sie erst mal im Ausland wäre, könnte sie von dort aus alles daran setzen, ihre Familie nachzuholen.

Die Alternativen zu diesem Plan sind nicht berauschend: In Deutschland bleiben und hier den Tod finden? Allein mit Oma Emilie, der ollen Giftspritze, nach Palästina gehen? Die übrigen Familienmitglieder haben dafür keine Erlaubnis. Ausharren, bis sie alle zusammen in drei Jahren nach Amerika auswandern können? So lange ist die Warteliste. Aber werden sie bis dahin überleben? Es bleibt dabei: England ist die beste Chance, die sie hat! Aber wenn sie geht, ist ihre lebensuntüchtige Familie auf sich allein gestellt. Die Mutter taumelt von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten – und der Vater wurde mittlerweile verhaftet. Wenn er keine Hilfe von außen bekommt, schicken sie ihn nach Dachau. Was das bedeutet, ist allen klar. Der Anwalt kann nur ein bisschen Zeit schinden. Für den Rest muss Ruth sorgen.

Netzwerken in höchster Not

Als sie der Familie ihren Entschluss mitteilt, nach England zu gehen, ist das Geschrei groß. Wie kann sie es wagen, die Familie im Stich zu lassen? – Hallo? Was ist denn das für ein Doppelstandard? Der Onkel, der alleine nach Palästina aufgebrochen ist, um den Nachzug seiner Familie vorzubereiten, wird als Held gefeiert, und Ruth betrachtet man als Verräterin? Sie lässt sich trotzdem nicht beirren.

Sollte übrigens jemand glauben, dass Netzwerken eine Erfindung des Internetzeitalters ist, dann belehrt ihn dieses Buch eines Besseren. In entscheidenden Situationen taucht immer ein Mitglied aus der entfernten Verwandtschaft auf und hilft Ruth ein Stückchen weiter. Für die Verwandtschaftsgrade gibt’s schon gar keine Bezeichnungen mehr, aber es ist Familie, und da unterstützt man sich. Esther Goldstein erklärt Ruth und uns Leser*innen sehr einleuchtend, warum sie das macht. Und ich glaube ihr aufs Wort.

Meine Namensvetterin in dem Roman ist ebenfalls einer der hilfreichen Menschen, auch wenn sie gar nicht zur Meyer-Verwandtschaft gehört. Für Ruth ist sie zunächst nur ein wildfremdes, neugieriges Weib, das alles Mögliche wissen will. Doch wie sich herausstellt, verfügt Edith über Kontakte und Möglichkeiten, von denen ein Mädchen wie Ruth nur träumen kann. Aber steht es auch ihrer Macht, die Meyers aus Krefeld herauszuholen …?

Ein Teenie als Familienoberhaupt

Auch wenn es Phasen gibt, in denen „nur“ der beklemmende Alltag der Meyers geschildert wird, kann man das Buch nicht aus der Hand legen. Das Unheil lauert stets im Hintergrund und man weiß genau, dass die Leute nun endlich in die Gänge kommen müssen, wenn sie ihr Leben retten wollen. Tun sie aber nicht! Sie verschließen die Augen vor der Realität (die Großeltern), vermasseln sich und den Kindern durch Egoismus und beleidigtes Gezicke die letzten Chancen (Tante Hedwig) oder jammern rum und kriegen rein gar nichts geregelt (Ruths Mutter Martha). Gut, wenn Martha wirklich depressiv war, konnte sie nichts für ihre Kraft- und Tatenlosigkeit. Es war trotzdem schwer zu ertragen, dass eine siebzehnjährige Schülerin in einer existenziellen Krise zum Familienoberhaupt werden und ihre Familie versorgen, bemuttern und retten muss. Ich ahne ungefähr, was das mit einem Menschen macht.

Ich hätte wahnsinnig gerne die echte Ruth Meyer-Elcott kennengelernt! Es war bestimmt nicht immer einfach mit ihr. Ein Mensch mit so einer Lebensgeschichte lässt sich von den kleinen Wichtigtuern dieser Welt nämlich nicht mehr einschüchtern – und das mögen die gar nicht.

Gerade weil die Geschichte wahr ist, ist sie für die Leser*innen manchmal schwer erträglich. Das ist kein leichter Stoff. Es kann auch kein Vergnügen gewesen sein, den Roman zu schreiben. Ich bin froh und dankbar, dass Ulrike Renk es trotzdem getan hat und es uns ermöglicht hat, Menschen wir Ruth und die Familie Aretz kennenzulernen.

Die Autorin

Ulrike Renk, geboren 1967 in Detmold, zog ein paar Jahre später mit Eltern und Bruder nach Dortmund, wo sie auch die Schule besuchte. Studienaufenthalt in den USA, Studium der Anglistik, Literaturwissenschaften und Soziologie an der RWTH Aachen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem jüngsten Sohn, zwei Alaskan Malamute, drei Hauskatzen und zwei indischen Laufenten, in Krefeld am Niederrhein und arbeitet als freie Autorin.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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