Claudia Hochbrunn, Andrea Bottlinger: Helden auf der Couch. Ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte

Claudia Hochbrunn, Andrea Bottlinger: Helden auf der Couch. Von Werther bis Harry Potter – ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte, Hamburg 2019, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, ISBN 978-3-499-60672-4, Softcover, 237 Seiten, Format: 12,5 x 1,8 x 19 cm, Buch: EUR 10,00 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb. 8c) Rowohlt Taschenbuch-Verlag

„Dieser Punkt ist wichtig: Beim zweiten Treffen, nachdem sie sich gerade einen Tag kennen, nachdem Romeo einen Tag vorher noch liebeskrank wegen Rosalinde war, beschließen sie zu heiraten. Das ist doch genau die Art wie man wichtige, lebensverändernde Entscheidungen treffen sollte.“ (Seite 49)

Wenn die Held*innen aus Büchern und Filmen keine Macke hätten und keine Fehler machen würden, gäb’s keine guten Geschichten. Die Idee, berühmte Protagonist*innen mal auf die Couch eines Psychiaters zu legen und darüber nachzudenken, wie die Story wohl verlaufen wäre, wenn man ihnen rechtzeitig eine adäquate Therapie hätte angedeihen lassen, ist grandios. Ein Wunder, dass vorher noch niemand darauf gekommen ist! So, wie Claudia Hochbrunn – Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie – und Andrea Bottlinger – Lektorin, Übersetzerin und Autorin – die Sache angehen, ist das ebenso amüsant wie aufschlussreich.

Ikonen mit Macken

Obwohl man davon ausgehen kann, dass die Leser*innen schon mal was von König Artus, Romeo und Julia, Dracula, Sherlock Holmes u.s.w. gehört haben, tun uns die beiden Autorinnen den Gefallen und fassen die jeweilige Handlung auf wenigen Seiten zusammen. Dabei erstarren sie keinesfalls in Ehrfurcht vor den Ikonen der Literatur und Popkultur. J

Nie hätte ich zu denken gewagt, dass Romeo und Julia nichts anderes ist als ein aus dem Ruder gelaufenes Schulhofdrama oder dass all die Katastrophen bei Ödipus nur deshalb passiert sind, weil sein leiblicher Vater ein dissozialer, verantwortungsloser Charakter mit Entscheidungsschwäche war, der besser daran getan hätte, sich zu seiner H o m o s e x u a l i t ä t zu bekennen statt die blutjunge Iokaste zu heiraten. Wenn man das so liest, klingt es fast wie eine moderne Seifenoper.

Und warum ist mir trotz des zu-Tode-Interpretierens in meiner Schulzeit nie aufgefallen, was Werther für eine arme Socke ist? Ich hab‘ immer gedacht, der stellt sich nur an. So, wie Werther gestrickt ist, wär’s für ihn aber übel ausgegangen, egal was er gemacht hätte. Selbst bei einer heutigen Psychotherapie hätte er eine schlechte Prognose gehabt. Und ich werde ihn mir nie wieder anders vorstellen können als als Emo mit Eyeliner und ins Gesicht hängenden Haaren.

Lappen, Psychos, Fremdenfeinde

Hochinteressante Aspekte gewinnen Hochbrunn und Bottlinger Bram Stokers Dracula ab. Dass der Stoff etwas mit S e x u a l i t ä t zu tun hat, ist schon klar. Aber ich habe noch nie Fremdenfeindlichkeit und einen Mangel an Kommunikation dort herausgelesen. Aber die Argumente der Autorinnen leuchten ein. Und wenn man das mal gelesen hat, wundert man sich, wie einem das je hat entgehen können!

Die Romanfiguren, vor allem die Herren, werden hier einer nach dem anderen genüsslich demontiert. Erstaunlich, was bei Dracula alles an Waschlappen und Psychopathen rumrennt! Herrlich die Vorschläge zum alternativen Verlauf der Geschichte, inklusive lukrativer Geschäftsideen für den untoten Grafen. Ja, fragen wir uns doch einfach mal, was wohl gewesen wäre, wenn sich alle Beteiligten unter therapeutischer Leitung in einer Gruppe zusammengesetzt hätten! – Ich habe mich köstlich amüsiert!

Was hätte eine Therapie gebracht?

Ernster geht’s bei der Analyse der Hauptfiguren aus Umberto Ecos Der Name der Rose zu. Hochinteressant ist die Frage, ob Jorge von Burgos von einer Psychotherapie hätte profitieren können. Aus welchen Gründen er auch immer seine schwere Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, – und dazu gibt’s zwei sehr überzeugende Theorien – die Aussichten sind auf jeden Fall niederschmetternd.

Wahrscheinlich kennt die Wissenschaft auch einen Begriff für die Störung, fiktive Personen so zu betrachten, als seien sie reale Menschen, aber sei’s drum! Ich fand Jorges Geschichte sehr beklemmend und berührend. Er hat mir richtig leidgetan.

So erging es mir auch mit ein paar der Figuren aus Harry Potter, z.B. mit Severus Snape und Tom Riddle (Voldemort). Das war schon damals so, als ich die Bücher gelesen habe, auch wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, meinen Eindruck so schlüssig zu begründen wie die Autorinnen es tun.

Interessant ist auch die Frage, was wohl passiert wäre, wenn Voldemort das Baby Harry nicht mit Mitteln der Magie sondern mit schnöden Muggel-Mathoden attackiert hätte …

Kein Charakter – keine Analyse

Es ist schon toll, wenn man altvertrauten Lesestoff mal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten darf. Die professionelle Analyse der Held*innen versagt nur dort, wo’s überhaupt nichts zu analysieren gibt, weil die Hauptfiguren nur Wunschprojektionen sind und gar keinen realen Charakter abbilden. Auch das gibt es, sogar in Weltbestsellern!

Ich hätte noch ewig so weiterlesen können! Eine Fortsetzung wäre schön. Psychisch auffällige Held*innen gibt’s in der Literatur ja noch genügend. Vielleicht könnte man das Ganze auch mit Film- und Fernsehfiguren durchspielen. Gerade Serienheld*innen haben genügend Zeit, einen Charakter zu entwickeln, der dem von realen Menschen nahe kommt.

Also: Super! Bitte weitermachen! 😀

Die Autorinnen

Claudia Hochbrunn ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitete viele Jahre lang in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, beim Sozialpsychiatrischen Dienst, sowie im forensischen Maßregelvollzug mit Schwerverbrechern. Zum Schutz ihrer Patienten verfasst sie ihre Bücher unter Pseudonym.

Andrea Bottlinger studierte Buchwissenschaft und Komparatistik und arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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