Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman

Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman, Frankfurt 2019, S. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-397381-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 287 Seiten, Format: 13,3 x 2,7 x 21 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 18,99.

Abb. (c) S. Fischer Verlag

„Helen, warum haben Sie diese Fehlstelle nicht ausgebessert, nur fixiert?“ Sie berührte leicht die Seite mit den ausgerissenen Miniaturen.
„Wenn wir diese Fehlstelle betrachten, können wir uns ausmalen, dass dort ein Pfau in einer Pfütze badet“, sagte ich.
„Das ist kindisch. (…) Bitte unterlegen Sie die Stelle wenigstens. Ich erwarte nicht, dass Sie mir einen Pfau zeichnen, aber das ist ein Riss.“ (…)
„Das ist Geschichte“, sagte ich. (Seite 58)

Die deutsche Buchrestauratorin Helen(e) Mazavian hat zwar einen armenischen Nachnamen, aber keine Ahnung von ihrer Familiengeschichte. Die Großeltern mütterlicherseits – ihren Vater kennt sie nicht – haben in Moskau gelebt und nie viel erzählt. Helens Mutter Sara weiß auch nicht mehr. Aber diese egozentrische Künstlerin interessiert sich sowieso nur für sich selbst.

Verwandtensuche in Armenien

Helen hat ihre Mutter über ein Jahr lang nicht gesehen. Doch als diese erfährt, dass Helen im Rahmen eines Austauschprogramms für ein paar Monate nach Jerewan/Armenien geht um dort am Mesrop-Maschtoz-Institut alte Handschriften zu restaurieren und die armenische Bindetechnik zu lernen, schlägt sie überfallsartig bei Helen und deren Lebensgefährten Danil auf und bringt ein altes Familienfoto mit. Ein paar der abgebildeten Personen sind auf der Rückseite namentlich genannt, und diese Verwandten, bzw. deren Nachkommen, soll Helen nun in Armenien ausfindig machen. Helen ist von der Idee wenig begeistert. Noch nie hat Sara sich für ihre Wurzeln interessiert, und jetzt auf einmal kommt sie mit so einem Krampf daher!

In Jerewan angekommen, hat Helen zunächst auch gar keine Zeit für private Geschichten. Sie muss sich in einer fremden Stadt und an einem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden und sie spricht die Landessprache nicht. Das macht den Alltag anstrengend.

Eine Bibel mit Familiengeschichte

Die Arbeit an einem rund 300 Jahre alten Evangeliar nimmt Helen völlig gefangen. Diese handliche kleine Familienbibel hat nicht nur irgendwo in einem Schrank gestanden. Sie wurde gelesen, zu Rate gezogen, Kranken hoffnungsvoll unters Kopfkissen gelegt, mit Anmerkungen versehen, bekritzelt und auch mitgenommen, wenn die Besitzer auf der Flucht waren. Anhand der Eintragungen in dem Buch kann man die Lebensstationen seiner Vorbesitzer nachvollziehen.

Zwei Namen tauchen in dem Buch immer wieder auf: Anahid und Hrant. Durch die Kapitel, die in Helens Geschichte eingestreut sind, wissen wir Leser*innen mehr als die Protagonistin: Anahid (13) und Hrant (6) sind die einzigen Überlebenden einer Gastwirtsfamilie aus Ordu, einer Stadt an der Schwarzmeerküste. Alle anderen sind 1915 bei einem Massaker an der armenischen Bevölkerung ums Leben gekommen. Sagt man hier auch Pogrom? Es war jedenfalls eines.

Alles, was die beiden Geschwister jetzt noch besitzen, sind die Kleider, die sie am Leib tragen und ihre Familienbibel. Sie wissen nicht, wohin sie flüchten sollen. Sie rennen einfach drauflos. Mehr als einmal hängt ihr Leben an einem seidenen Faden, und obwohl Anahid sich hartnäckig einredet, sie sei die Erwachsene und für ihren kleinen Bruder verantwortlich, ist sie mit der Situation heillos überfordert. Kein Wunder – das Kind ist 13!

Irgendwann trennen sich Bruder und Schwester auf ihrer Flucht, und dann verliert sich erst einmal ihre Spur. Wie ihre Bibel in das Institut in Jerewan gekommen ist, weiß kein Mensch mehr.

Die Spurensuche verselbstständigt sich

Nur halbherzig betreibt Helen ihre eigene Ahnenforschung. Mutter Sara hat ihren diesbezüglichen Auftrag längst vergessen, und Helen selbst interessiert sich derzeit mehr für Levon, den attraktiven Sohn ihrer Chefin, als für irgendwelche weit entfernten Cousins und Cousinen. Doch in Armenien nimmt man Familienangelegenheiten ernst. Obwohl Helen gar keine Leere spürt, die sie mit bisher unbekannten Verwandten füllen wollen würde, steckt sie plötzlich knietief in Recherchen. Als sich nämlich herumspricht, dass sie ihre Verwandtschaft sucht, hat auf einmal jeder in ihrem Umfeld tausend Ideen. Helen kann gerade noch verhindern, dass einer ihrer übereifrigen Bekannten sie in eine kitschige Fernsehshow à la „Bitte melde dich!“ zerrt.

Die Spur der Mazavians führt nach Kars in Anatolien. Tarik, ein alter Freund, den Helen noch aus ihrer Zeit in Istanbul kennt, begleitet sie auf ihrer Reise dorthin. Auf dem Weg kommen sie durch Ordu, die Stadt, aus der laut Familienbibel die Geschwister Anahid und Hrant stammten. Für Helen Grund genug, sich dort einmal umzusehen.

Die letzten Armenier von Ordu

Tarik vermittelt ihr den Kontakt zu „den letzten Armeniern von Ordu“, zwei hochbetagten Schwestern. Bei denen geht im Oberstübchen schon manches ein wenig durcheinander. Helen bringt der Besuch dort keine neuen Erkenntnisse und sie reist weiter nach Kars. Der Leser allerdings wird bei den etwas wirren Erzählungen der alten Damen stutzig. Entweder, die Geschichten der verfolgten und vertriebenen Armenier*innen gleichen einander alle irgendwie, oder es schließt sich hier tatsächlich ein Kreis. Vielleicht wünschen wir uns das aber auch nur, weil wir gerne ein gutes Ende für die Personen hätten, die wir im Buch kennengelernt haben.

Die Heldin lässt das alles kalt. Auf die Frage nach ihren Wurzeln antwortet sie: „Ich bin kein Baum“. Sie lebt gut damit, ihre Familiengeschichte nicht zu kennen. Für sie wird alles weiterlaufen wie bisher, ob sie ihre Verwandtschaft nun findet oder nicht. Helen muss nicht jeden Riss und jede Leerstelle gekittet und aufgefüllt haben, Lücken, Brüche und offene Fragen sind für sie in Ordnung. Das ist, wie sie sagt, Geschichte.

Der Leser ist neugieriger als die Heldin

Der Leser ist es, der die gleichgültigen Mazavian-Frauen am liebsten schütteln würde. Wenn die das alles nicht wissen wollen, wir schon! Warum haben sie denn nicht besser zugehört, nicht genauer nachgefragt, sich nicht für die Vergangenheit interessiert, als die (Groß-)Elterngeneration noch lebte? So haben sie sich – und uns – um eine zufriedenstellende Auflösung der Geschichte gebracht. Das ist natürlich kein Unvermögen der Autorin, sondern pure Absicht. 😉 Katerina Poladjan hätte nur hier und da einen Vor- oder Nachnamen mehr nennen müssen, und schon wären wir schlauer gewesen. Mich hätte zum Beispiel interessiert, ob Harutiun („Auferstehung“) schon immer so geheißen hat oder ob er sich den Namen irgendwann selber gab. Aber diese Information bekommen wir nicht und können nur spekulieren.

Die Heldin ist schwer zu fassen. Ich habe manchmal glatt vergessen, dass sie hier als Ich-Erzählerin fungiert, weil sie so distanziert durch die Handlung schlurft, als sei sie permanent zu müde oder zu deprimiert, um die Ereignisse an sich heranzulassen. Die Dialoge zwischen Helen und ihren Liebhabern sind seltsam entrückt und abgehoben. So richtig im Alltag kommt sie selten an. Die poetische Sprache liest sich toll, aber es ist alles wahnsinnig ernst. Vielleicht ist es wirklich so, wie Levon einmal sagt: „Alle Armenier sind traurig, immer.“ (Seite 85) Er meint es zwar spöttisch, aber hier sieht es so aus, als hätte er Recht. Der Genozid ist eben doch nicht nur Geschichte, sondern ein Schmerz, der noch bis heute nachwirkt.

Die Autorin

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt »In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für »Hier sind Löwen« erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul.

Rezensentin: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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