Adam Hart-Davis: Pawlows Hund. Und 49 andere Experimente, die die Psychologie revolutionierten

Adam Hart-Davis: Pawlows Hund. Und 49 andere Experimente, die die Psychologie revolutionierten, OT: Pavlov’s Dog And 49 Other Experiments That Revolutionised Psychology, München 2019, aus dem Englischen von Claire Roth, Knesebeck Verlag, ISBN 978-3-95728-335-1, Softcover, 176 Seiten mit farbigen Illustrationen von Jason Anscomb, Format: 15,1 x 2,2 x 20,8 cm, EUR 15,00.


Abb. © Knesebeck-Verlag

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich die Menschen mit ihrer „Innenwelt“. Aber woher weiß man eigentlich, was in unserer Psyche vor sich geht? Das ist ja nichts Messbares wie Länge, Masse oder Stromstärke! – Nun, es gab Beobachtungen, daraus abgeleitete Theorien und Experimente, die diese bestätigten – oder eben nicht.

So richtig losgegangen ist das alles mit Charles Darwin und seinen Studien zum Verhalten der Tiere. Danach fragte man sich, inwieweit diese Erkenntnisse auf den Homo sapiens übertragbar sind. So entwickelte sich aus der Untersuchung der Lernfähigkeit von Tieren (Edward Thorndike, 1889) und der Konditionierung von Reflexreaktionen (Iwan Pawlow, 1901) die Forschung zu Wahrnehmung, Verhalten und Denken des Menschen.

Experimente verständlich erklärt

In chronologischer Reihenfolge schildert uns der Autor die seiner Ansicht nach wichtigsten Experimente von 1881 bis ins Jahr 2007. „Mir lag daran, jedes Experiment in schlichter, verständlicher Sprache darzustellen und Fachjargon weitgehend zu vermeiden“, schreibt er. (Seite 173). „Auf Statistik habe ich bewusst verzichtet, weise jedoch auf maßgebliche Erkenntnisse hin.“

Das titelgebende Experiment des russischen Physiologen Pawlow – ein Spezialist für Verdauung – ist wohl eines der bekanntesten: Ehe er die Versuchshunde fütterte, ließ er ein Metronom ticken. Mit der Zeit fingen die Tiere an zu sabbern, wenn sich nur das Geräusch hörten, obwohl gar kein Futter in Sicht war: Sie haben einen neutralen Reiz – das Ticken – mit Nahrungsaufnahme verknüpft.

Die älteren der hier beschriebenen Experimente sind zum Teil recht krass. Dass man an einem 9 Monate alten Kind testet, ob man auch Menschen konditionieren kann, wäre heute in dieser Form nicht mehr denkbar. 1920 haben John B. Watson und Rosalie Rayner dem kleinen Albert Angst vor pelzigen Tieren anerzogen, indem sie ihn beim Anblick von Kaninchen, Ratten, Hunden u. ä. durch vorsätzlich erzeugten Lärm erschreckten. Natürlich fing der Kleine an zu brüllen und wollte mit Hund, Katze und Maus nichts mehr zu tun haben. Desensibilisiert hat man ihn nach Abschluss des Versuchs nicht. Die Abneigung gegen Tiere blieb ihm sein Leben lang erhalten.

Erinnerungen sind ein Prozess

Bei der Versuchsanordnung zum Beweis, dass uns unvollständig erledigte Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als bereits abgeschlossene (1927), ist zum Glück niemand zu Schaden gekommen. – Dass unser Langzeitgedächtnis nicht so zuverlässig ist, wie gerne glauben würden, wies Frederic Bartlett 1932 nach. Erinnern ist ein Prozess, ähnlich wie das Entwickeln von Vorstellungen und Gedanken. (Sind die Erinnerungen einer Gruppe an ein Ereignis weitgehend gleich, mag das daran liegen, dass man immer wieder über den Vorfall gesprochen hat und sich die „Erinnerungen“ dadurch einander angeglichen haben. Wer weiß schon noch, wie’s damals wirklich war?)

Sehr interessant ist die Erforschung von Führungsstilen, Verantwortungsbewusstsein und Regierungsverhalten. Bei diesem Experiment ist nicht mehr passiert, als dass ein paar 10- bis 11jährige Kinder unter verschiedener Leitung gebastelt und gespielt haben. Das Ergebnis ist überaus aufschlussreich …

Ebenfalls spannend: Solomon Aschs Konformitäts-Experimente von 1956: Werden Menschen wider besseren Wissens eine falsche Aufgabenlösung nennen, nur weil die anderen (in den Versuch eingeweihten) Probanden diese mehrheitlich bevorzugen? Wer steht für seine Überzeugung ein und wer zweifelt an sich und passt sich der sich irrenden Mehrheit an?

Ein bisschen wie BIG BROTHER für 11- und 12jährige Schulbuben mutet das „Robbery-Cave-Experiment“ aus dem Jahr 1961 an. Es untersucht die Gruppenmentalität und führt zu dem Schluss, dass Konflikte eher durch den Kampf um Ressourcen entstehen als durch individuelle Unterschiede – was so manches Verhalten erklärt.

Von Jekyll zu Hyde in nur sechs Tagen

Vom Milgram-Experiment (1963) im vierten Kapitel hat man auch schon gehört. Es beschreibt auf erschreckende Weise, wie weit manche Menschen gehen, wenn sie auf Anordnung einer Autorität handeln. Hier haben viele ohne mit der Wimper zu zucken anderen Probanden zur Strafe „Stromstöße“ verpasst, die zum Glück nur simuliert waren. Andere haben Menschenleben gefährdet, weil sie gar nicht auf die Idee gekommen sind oder es nicht gewagt haben, die Anweisungen eines Vorgesetzen in Frage zu stellen. (Astroten-Experiment, 1966). In die gleiche Kategorie fällt die Frage, warum Menschen in Gruppen seltener in Notfällen helfen als Einzelpersonen (1968). Auch das hat mit dem Übernehmen oder Abgeben von Verantwortung zu tun.

Ebenso bekannt wie schrecklich ist das Stanford-Prison-Experiment von 1971: 24 College-Studenten aus der Mittelschicht wurden in zwei gleich große Gruppen eingeteilt: in „Gefangene“ und in „Wärter“. Zwei Wochen sollte das Rollenspiel dauern, aber es lief derart aus dem Ruder, dass es am sechsten Tag schon abgebrochen werden musste. Das zeigt „wie leicht gewöhnliche Menschen sich vom guten Dr. Jekyll in den bösen Mr. Hyde verwandeln.“ (Seite 109).

Alles Mumpitz – oder was?

Gleichfalls erschreckend ist, was passiert, wenn man psychisch völlig unauffällige Probanden in die Psychiatrie einweist (1973). Erkennt dort jemand, dass sie gar nicht krank sind? Die Mitpatienten schon … Erstaunlich sind die Erkenntnisse, dass Belohnung für Leistung kontraproduktiv sein kann (1973), wie leicht man in Depressionen abgleiten kann, wenn man das Gefühl hat, negative Ereignisse nicht kontrollieren zu können (1975) und was es wirklich mit unserer Willensfreiheit auf sich hat (1983).

Können Gebete heilen? Gibt’s außersinnliche Wahrnehmung oder ist das Mumpitz? Wie entstehen außerkörperliche Erfahrungen? Was ist Synästhesie? Warum können wir uns nicht selbst kitzeln und was hat diese Tatsache mit Schizophrenie zu tun? Mit Fragen wie diesen befasst sich das sechste Kapitel. Dort erfahren wir auch etwas über faszinierende Phänomene wie Gesichts- und Veränderungsblindheit. Bin ich froh, dass letzteres etwas ganz Normales ist! Ich habe schon an mir gezweifelt, weil ich weder neue Frisuren an meinen Mitmenschen bemerke noch sagen kann, wie das Haus ausgesehen hat, das man vor kurzem abgerissen hat, selbst wenn ich dort mein halbes Leben lang täglich vorbeigegangen bin.

Im Galopp durch die Psychologie-Geschichte

Es ist spannend und aufschlussreich, durch die Geschichte der Psychologie zu galoppieren und das Buch beschert einem so manches Aha-Erlebnis. Nicht alles ist einem neu und nicht allen Experimenten tut es gut, wenn man sie in dieser Kürze abhandelt. Ist die Versuchsanordnung komplex, schwirrt einem vor lauter Gruppen, Kontrollgruppen, Antwortmöglichkeiten und Resultaten schnell der Kopf. Aber man gewinnt einen ersten Eindruck und kann sich bei höherem Informationsbedarf ja anderer Quellen bedienen. Bei der Schilderung von 50 Experimenten auf 176 Seiten (inklusive Inhaltsverzeichnis, Glossar, Quellen, Danksagung und Register) können die einzelnen Themen  natürlich nur grob angerissen werden.

Die Illustrationen haben nur zum Teil eine informative Funktion, meist sind es phantasievoll-künstlerische Umsetzungen des jeweiligen Themas. Ich finde, dass die Schrift wahnsinnig klein ist. Trotz Brille hatte ich da manchmal Probleme. Da hätte ich gerne auf etwas Großzügigkeit im Layout und verschwenderischen Weißraum verzichtet und das eine oder andere Bildchen kleiner gemacht, wenn dafür die Schrift etwas lesefreundlicher geworden wäre. 


Abb. © Knesebeck-Verlag

Der Autor

Adam Hart-Davis ist Chemiker und studierte in Oxford, York und Alberta. Früh fing er an als Moderator im Radio und im Fernsehen zu arbeiten und sich populär mit historischen und wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen sowie 14 Ehrendoktorwürden. Er verfasste zahlreiche Bücher, schreibt regelmäßig für Zeitungen und hat eine Kolumne in Radio Times. Daneben setzt er sich für unterschiedliche Wohltätigkeitsorganisationen ein und fährt aus Überzeugung und mit Ausdauer Rad. Außerdem ist er um einige Ecken verwandt mit Königin Elisabeth II.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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